600. Cup-Start für „Bad Brad Keselowski“: Rivalitäten, die eine Ära prägten
Brad Keselowski bestreitet auf dem Martinsville Speedway sein 600. Cup-Rennen – Der Fahrer und Miteigentümer von RFK Racing hat sich in seiner Karriere mit vielen Konkurrenten angelegt
„Bad Brad Keselowski“ dominierte in den 2010er-Jahren die Schlagzeilen der NASCAR Cup Series. Brad Keselowski war in seiner Blütezeit ein Heißsporn, ein eiskalter Konkurrent und ein Fahrer, der es ohne Schützenhilfe oder silbernen Löffel im Mund an die Spitze des NASCAR-Sports geschafft hat. Nun steht er in Martinsville, wo er 2004 sein erstes Truck-Rennen bestritt, vor seinem 600. Cup-Rennen.
Geboren wurde Keselowski 1984 in Michigan, und der Rennsport wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Großvater John betrieb sein eigenes Rennteam, K Automotive Motorsports, das später von Brads Vater Bob und dessen Bruder Ron weitergeführt wurde. Bevor Brad überhaupt in ein Rennauto stieg, fegte er den Hallenboden, mähte den Rasen oder putzte die Rennwagen.

Im Jahr 2000 bekam er seine erste Chance, sich im Motorsport zu beweisen. 2004 stieg er in die nationalen NASCAR-Serien auf und fuhr für das Familienteam in der Truck Series. Zunächst machte Keselowski als Ersatzfahrer für Hinterbänklerteams auf sich aufmerksam und überzeugte schließlich Dale Earnhardt Jr., der ihn in sein Zweitliga-Team holte und zu Hendrick Motorsports brachte.
Keselowski gegen Edwards
In dieser Zeit entflammte auch die erste intensive Rivalität mit einem der größten Namen der modernen NASCAR-Geschichte: Carl Edwards. Die beiden trafen sowohl in der Cup- als auch in der damaligen Nationwide Series (heute O’Reilly Series) aufeinander. Im Cup-Rennen von Talladega im Jahr 2009 kam es zur großen Eskalation zwischen den beiden.

Keselowski war damals für das kleine Phoenix-Team unterwegs und hatte in der letzten Runde plötzlich eine Siegchance, wobei nur der Roush-Ford von Edwards im Weg stand. Keselowski räumte die Startnummer 99 im Zielsprint kompromisslos ab, die dann von Ryan Newman getroffen und in den Fangzaun geschleudert wurde.
Es gab Verletzte auf den Tribünen, die von Trümmerteilen getroffen wurden, im Zaun klaffte ein riesiges Loch. Edwards kletterte aus dem Wrack und joggte im Ricky-Bobby-Stil über die Ziellinie, während Keselowski seinen ersten Cup-Sieg feierte. Bis dato hatte er eine einzige Führungsrunde in der Cup-Serie gesammelt, genau die Runde, die zum Sieg in Talladega führte.
Nur ein Jahr später erreichte die Rivalität mit Saubermann Edwards die nächste Stufe: In Atlanta krachte Keselowski wieder einmal in das Auto des Roush-Fahrers, der sich drei Runden vor dem Ende des Rennens unsanft revanchierte. Edwards drehte Keselowski, der sich überschlug und dabei heftig auf das Dach seines Autos krachte.
Im Nationwide-Rennen von Gateway rammte Edwards Keselowski erneut von der Strecke, fuhr zum Sieg, löste aber gleichzeitig auch eine Massenkarambolage aus. Die Fehde Keselowski gegen Edwards dauerte über zwei Jahre und sorgte für eine Menge Kleinholz auf der Strecke sowie für zwei der spektakulärsten Unfälle der vergangenen Jahrzehnte.
Keselowski gegen Kenseth
Gerade das Jahr 2014 war für Keselowski eines, in dem er sich viele Feinde machte. Mittlerweile war der Rennfahrer aus Michigan für das Team Penske unterwegs. Gemeinsam mit Penske Dodge holte er 2012 sogar den Cup-Titel. Dodge zog sich nach der erfolgreichen Saison völlig überraschend aus der NASCAR zurück. Daher war Keselowski im Jahr 2014 im Penske-Ford mit der Startnummer 2 unterwegs.
Kenseth und Keselowski gerieten in Richmond aneinander, als der Gibbs-Fahrer mit der Startnummer 20 den 2er-Ford gegen die Mauer drückte. Keselowski nahm das nicht gut auf und revanchierte sich im Rennen gleich mehrmals, da er Kenseths Fahrstil für „dreckig“ hielt. Doch das war nur der Anfang.

Beim Charlotte-Rennen im Jahr 2014 sah Keselowski völlig rot. Nach einem ruppigen Rennen rammte Keselowski nach der Zielflagge das Auto von Denny Hamlin, das von Tony Stewart und auch Kenseth, der schon seinen Gurt gelockert hatte. Die Reaktionen folgten prompt: Stewart setzte zurück und krachte in das Auto des Penske-Piloten. Hamlin zog über Keselowski her und bezeichnete die Aktion als „gefährlich“ und „dumm“.
Kenseth setzte dem allen aber die Krone auf: Der Gibbs-Pilot stürmte zwischen den Haulern umher, um Keselowski aufzulauern. Er griff den Übeltäter an und packte ihn in den Schwitzkasten. Kenseth war stinksauer und kritisierte Keselowskis gefährliches Verhalten auf und neben der Strecke.
Keselowski gegen Gordon
Die Saison 2014 ging munter weiter, denn Keselowski machte sich auch NASCAR-Legende Jeff Gordon zum Feind. Auf dem Texas Motor Speedway zwängte sich Keselowski in eine enge Lücke zwischen Gordon und Jimmie Johnson. Dabei schlitzte er Gordons Reifen auf, der sich drehte und weit zurückfiel. Der „Rainbow Warrior“ brauchte aber jeden Punkt im Kampf um den Einzug ins Playoff-Finale – welches er letztlich verpasste.
Noch während des Rennens verlieh Gordon seinem Frust Ausdruck und funkte: „Die verdammte #2 [Keselowski]. Ich werde alles aus ihm rausprügeln”

Gordon parkte seinen Hendrick-Chevrolet nach dem Rennen neben dem Penske-Ford von Keselowski und ging auf Konfrontationskurs. Plötzlich standen sich die beiden Fahrer samt Boxencrews gegenüber. Die Luft knisterte nur so, weshalb ein kleiner Funke zur Explosion führen würde. Und dann kam Kevin Harvick ins Spiel.
Aufgrund eines kleinen Schubsers von dem völlig unbeteiligten Harvick gegen Keselowski eskalierte die Situation völlig. Die Crews gingen aufeinander los, die beiden Fahrer wurden irgendwann mit Blessuren im Gesicht voneinander getrennt. Der Begriff „Harvicking“ wurde geprägt und ging in die NASCAR-Geschichte ein, da Harvick mit seinem Schubser eine Lawine auslöste. Oder wie man sich bei Harvick nicht nur auf der Strecke fragte: „Where did he come from?“ – wo kam der eigentlich her?
Keselowski gegen Kyle Busch
Wir springen zurück ins Jahr 2010: Keselowski war jung, noch kein Champion und musste sich Respekt verschaffen. Dabei geriet er nicht nur ins Fadenkreuz von Edwards, sondern auch von Kyle Busch. In Bristol gerieten die beiden im Nationwide-Rennen aneinander. Dabei entsorgte Busch Keselowski mit Absicht kurz vor dem Ende des Rennens.
Die Reaktion von „Bad Brad“ folgte am nächsten Tag bei der Fahrerpräsentation für das Cup-Rennen, das die beiden ebenfalls bestritten. Nach seiner Vorstellung setzte Keselowski ein klares Ausrufezeichen und sagte „Kyle Busch is an ass“, also „Kyle Busch ist ein Arsch“ – vor über 160.000 Zuschauern auf den Tribünen.

Als Busch nach dem Rennen auf den Kommentar des Rivalen angesprochen wurde, antwortete er mit einer provokanten Gegenfrage: „Wer?“. Der Reporter führte weiter aus „Brad Keselowski” und Busch entgegnete trocken: “Ich weiß nicht, von wem du sprichst.“ Der Reporter ließ nicht locker: „Der Fahrer der Startnummer 12.“ Busch konterte: „Die habe ich gesehen und überholt.“
Immer wieder gingen die beiden in den folgenden Jahren aufeinander los, doch irgendwann flachte auch diese Rivalität ab. Beide, keine Kinder von Traurigkeit, wurden aber generell im Alter ruhiger. Die Skandale wurden seltener, die Worte weiser und die Fahrweise disziplinierter. Keselowski hat sich in seiner Karriere – 2014 war sein statistisch bestes Jahr mit sechs Siegen, aber nur Rang fünf in der Meisterschaft – eher zum Taktikfuchs, Reifenstreichler und Spritspar-Künstler entwickelt. Fun-Fact: Später drehten die beiden sogar gemeinsame Werbespots für NASCAR im Stil des Filmes Zurück in die Zukunft.
Nach seinem Aus bei Penske heuerte Keselowski nicht nur als Fahrer bei Roush Fenway Racing an, sondern kaufte einen Teil des Teams, das heute als RFK Racing firmiert – dabei steht K für Keselowski.
So schließt sich ein Kreis: Keselowski startete seine Karriere in einem Familienteam, betrieb von 2007 bis 2017 mit Brad Keselowski Racing sein eigenes Truck-Team und ist nun wieder als Strippenzieher einer NASCAr-Organisation unterwegs.
Im Alter von 42 Jahren wird er in Martinsville sein 600. Cup-Rennen bestreiten und damit in den exklusiven Club von 35 Fahrern aufgenommen, die mindestens so viele Rennen im NASCAR-Oberhaus gefahren sind.

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