Chaos-Clash 2026: NASCAR, was zur Hölle war das?

Chaos-Clash 2026: NASCAR, was zur Hölle war das?
Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Schneeregen, zahlreiche Cautions und eine Nacht, die nicht enden wollte: Der NASCAR-Clash im Bowman Gray Stadium war zäher als Kaugummi

Liebe NASCAR-Fans,

Was war das bitte für eine merkwürdige Nacht, die die NASCAR-Saison 2026 eingeleitet hat? Ich fange mit Zahlen an: Drei Tage Verspätung, 2:20 Stunden Rennzeit für 200 Runden auf einem 400 Meter langen Oval. Eine Zwangspause zur Rennhalbzeit wegen Schneeregens. 17 Cautions – vier davon in der ersten Hälfte, 13 in den zweiten 100 Runden – und der erste Besuch eines Racing-Urgesteins in der Victory-Lane eines Cup-Rennens. Der Clash im Bowman Gray Stadium war alles, aber sicher nicht die beste Seite des Sports.

Das Einladungsrennen, bei dem es keine Meisterschaftspunkte gab – es ging also nur um Preisgeld und Ehre – stand anno 2026 nie unter einem guten Stern. Aufgrund von Schneefällen musste das Rennen von Sonntag auf Mittwoch verschoben werden, die Heat-Rennen fielen komplett aus. Dennoch schaffte es NASCAR, den Lauf in North Carolina am Mittwoch über die Bühne zu bringen. Doch aufgrund äußerer Einflüsse, aber auch einer Crash-Orgie, dauerte es doppelt so lange wie im Vorjahr.

Dabei ging das Rennen vielversprechend los: Kyle Larson und William Byron dominierten die Anfangsphase, bis ihre Chevrolets auf verschleißenden Reifen plötzlich nicht mehr die Balance hatten, um mitzuhalten. Anfangs ließen sich die Startnummer 5 und 24 perfekt durch die engen, flachen Kurven des „Madhouse“ steuern, später hatten beide Fahrer mit Übersteuern zu kämpfen.

Das nutzten die Gibbs-Toyota aus, die sich hinter Larson und Byron in Lauerstellung gebracht hatten. Nach drei Cautions und 100 Runden fuhr Ty Gibbs auf Platz eins über die Ziellinie, woraufhin die geplante Competition-Caution für Boxenstopps folgte. Bis dahin so schön, so gut. Was danach folgte, war ein fades, zähes Rennen bei Eiseskälte, das nicht zu Ende gehen wollte.

Natürlich spielte erst einmal der Wettergott nicht mit: Schneeregen brachte eine Menge Feuchtigkeit in das Stadion, weshalb die Teams auf Regenreifen wechseln mussten und die Jet-Dryer auf den Kurs geschickt wurden, um den Asphalt zumindest ein wenig zu trocknen. Hier das Positive: NASCAR war mutig und sorgte verhältnismäßig schnell für eine grüne Flagge. Doch in der zweiten Rennhälfte musste der Flagman Ausdauer zeigen; ich kann mir sogar vorstellen, dass er sich an diesem Abend einen Tennisarm zugezogen hat.

Warum? Es krachte immer und immer und immer und immer wieder. Nach wenigen Sekunden, selten Minuten, unter Renntempo folgte die Neutralisierung des Rennens, und der Offizielle musste die gelbe Flagge schwenken. 13 Mal wurde das Rennen in 100 Runden unterbrochen. Wichtig: Die Runden unter Gelb wurden nicht mitgezählt, weshalb für zehn Runden gefühlt eine halbe Stunde gebraucht wurde – bei Rundenzeiten zwischen 14 (trocken) und 18 (nass) Sekunden.

Lag es dabei nur an den äußeren Bedingungen? Diese Ausrede lasse ich zumindest zum Start der zweiten Rennhälfte gelten, denn die Strecke war ziemlich nass. Dennoch trocknete die Ideallinie immer weiter ab, und trotzdem folgte ein Unfall nach dem anderen. Es gibt Autoscooter-Runden auf der Kirmes mit weniger Crashes als im Clash des Jahres 2026. Rhythmus, Racing, Flow – all das kam nicht wirklich auf. Es war schon ein Erfolg, wenn eine zweistellige Rundenanzahl am Stück unter Grün erreicht wurde.

Interessant war, dass es immer wieder neue Kandidaten an der Spitze gab, die aufgrund von Unfällen oder Fehlentscheidungen dann aber wieder zurückfielen. Dazu gehörten die Trackhouse-Piloten Shane van Gisbergen und Connor Zilisch. Die starken Hendrick-Piloten erlebten eine Achterbahn der Gefühle. Nur ein Fahrer schien das Chaos irgendwie im Griff zu haben: Ryan Preece in seinem RFK-Ford.

Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

In der Startnummer 60 knallte er einen perfekten Restart nach dem anderen hin und gewann das Rennen nach einer Schlussphase, in der es wenigstens 19 Runden ohne Zwischenfall gab. Für ihn war es der erste Sieg in einem Cup-Auto. Obwohl er keine Punkte mitnahm, war er nach dem Rennen sehr emotional, es kullerten die Tränen. Warum? Preece sah sich vor seiner Zeit bei RFK Racing schon fast als arbeitslos, bekam dann aber die Chance von Jack Roush, der Fenway Sports Group und Brad Keselowski.

Die Emotionen und die Geschichte eines NASCAR-Spätstarters, der sich auf Strecken wie dem Bowman Gray Stadium in den Modifieds einen Namen gemacht hatte, entschädigten ein wenig für ein Rennen, auf dessen Ende zumindest ich irgendwann hingefiebert hatte – nicht wegen der Spannung, sondern um dieser Show ein Ende zu setzen. Doch welche Lehren müssen wir aus diesem Auftakt im Jahr 2026 ziehen?

Ist das Bowman Gray Stadium wirklich der richtige Austragungsort für ein Rennen Anfang Februar? Der Kurs an sich kann für gutes Racing sorgen, aber braucht es ein Einladungsrennen mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und die ständige Angst vor Wetterkapriolen? In meinen Augen nicht! In den sonnigen, warmen Staaten der USA kann das Risiko massiv reduziert werden.

Waren der Schneeregen und die damit einhergehenden Bedingungen Grund für die zerfahrene zweite Rennhälfte? Jein, sogar eher nein. Hier nehme ich die Fahrer in die Verantwortung, die auf so einem kleinen Kurs mit Three- und Four-Wide-Manövern schon beinahe nach den Unfällen und den daraus resultierenden Gelbphasen gebettelt haben. Viele Unfälle waren vermeidbar und hätten so auch auf trockener Strecke passieren können – gerade, weil die Linie im Laufe der endlosen zweiten Hälfte sowieso immer mehr Grip bot.

Es war einfach ein Demolition-Derby und für mich keine gute Werbung für den Sport, wenn es die Elite des Stockcar-Sports nicht schafft, die Autos mal für mehr als zehn Runden am Stück auf der Strecke zu halten. „Beating and banging“, „rubbing is racing“, „bump-and-run“ – all das sind Worte, die auf einem Short-Track der Superlative dazugehören. Aber es gibt immer noch einen feinen Unterschied, einen Konkurrenten von der Ideallinie zu drücken oder ihm einfach in den Karren zu fahren.

In meinen Augen hat es diesen Clash so nicht gebraucht. Das Beste war für mich, als am Ende dieser unendlichen Geschichte die schwarz-weiß-karierte Flagge geschwenkt wurde.

NASCAR muss sich Gedanken machen: Braucht es einen Austragungsort, der besseres Wetter verspricht? Braucht es einen Kurs, auf dem die Fahrer ihre Boliden wie im Autoscooter einsetzen? Sollten Runden unter Gelb wieder zählen? In meinen Augen ja! Ich bin gespannt, wie es 2027 weitergeht und bin mir sicher: Sobald die NASCAR-Teams Daytona erreichen, werden wir besseres, spannenderes und professionelleres Racing sehen.

Euer

André Wiegold

Autor(en)

Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.
Facebook
X (Twitter)
YouTube
Instagram