Der Dinosaurier der NASCAR: Muss der V8 für neue Hersteller aussterben?

Der Dinosaurier der NASCAR: Muss der V8 für neue Hersteller aussterben?
Foto: NASCAR Media / ISC Images & Archives via Getty Images

Der V8 ist das pochende Herz der NASCAR, doch für neue Hersteller ist er ein fossiles Hindernis – Muss der charakteristische Motor weichen, um neuen Konstrukteuren den Weg zu ebnen?

Liebe NASCAR-Fans,

nichts verkörpert die NASCAR mehr als das Donnergrollen eines V8-Motors. Er ist wie ein brüllender Dinosaurier, den der Zuschauer nicht nur hört, sondern tief im Brustkorb spürt. Dieses Geräusch ist die Seele des amerikanischen Rennsports, er steht für rohe Gewalt und unerschütterliche Tradition. Und genau dieses Versprechen lockt nach fast zwei Jahrzehnten wieder einen Giganten an: RAM.

Die Rückkehr eines Riesen

Mit dem Saisonauftakt wagt sich erstmals seit 2007 wieder ein neuer Hersteller in den NASCAR-Zirkus. Doch das ist erst der Anfang. In einem Interview im Podcast „Kevin Harvick’s Happy Hour“ kündigte der Geschäftsführer von RAM, Tim Kuniskis, an, dass Stellantis 2027 im Cup antreten wolle, trotz der Herausforderung, einen eigenen Motor zu entwickeln. „Jeder hat mir gesagt, wir seien verrückt, das werden wir niemals schaffen“, verriet er. „Aber ich glaube, dass ein paar Dinge aus unserer Tradition diese Entwicklungszeit beschleunigen könnten.“ Sollte der Plan aufgehen, stünde im Idealfall schon im nächsten Jahr ein neuer Fabrikant beim Daytona 500 am Start.

Foto: NASCAR Media

Mit diesem ambitionierten Ziel wäre der Automobil-Riese der erste echte Neuzugang in der Cup Series seit zwanzig Jahren. Durch das Engagement in der dritten NASCAR-Liga erzeugt RAM als amerikanische Größe bereits jetzt einen echten Hype um neue Marken in der Stockcar-Klasse. Die Logik dahinter ist simpel: Je mehr Wettbewerber vertreten sind, desto größer ist die Vielfalt im Feld – ein Phänomen, das aktuell in der nordamerikanischen IMSA-Serie oder der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) zu beobachten ist. Beide Serien erleben durch die hohe Herstellerdichte derzeit eine regelrechte Platin-Ära.

Könnte RAM also der erste Dominostein sein, dem bald weitere Marken folgen? Immerhin hielten sich schon lange vor der RAM-Ankündigung hartnäckige Gerüchte um Honda.

Das V8-Dilemma der Japaner

Bereits 2019 sprach Art St. Cyr, Vizepräsident der American Honda Motor Co., Inc., davon, dass er aus Ingenieursicht liebend gern in die Topklasse des Stockcar-Racings einsteigen würde. Doch warum blieb es seitdem still um weitere Interessenten?

Der Grund liegt in der Natur der NASCAR, sie gleicht derzeit einem technischen Jurassic Park. Während draußen die Evolution gnadenlos voranschreitet, können Besucher hier noch den V8-T-Rex in seinem natürlichen Habitat bewundern. Doch genau dieser Zaun, der die Tradition schützt, hält neue Mitspieler draußen.

Für technologiegetriebene Konzerne wie Honda ist das gusseiserne Aggregat mit acht Zylindern kein schützenswerter Dinosaurier, sondern ein fossiles Hindernis. Es passt einfach nicht mehr in eine Zeit der Effizienz.

Schon damals machte St. Cyr klar, dass allein die hohe Stückzahl abschreckend wirkt: „Um NASCAR zu fahren, benötigt ein Team vielleicht vier Autos. Ich weiß es nicht genau, aber ich schätze, es sind ca. 20 Motoren pro Wagen. Das wären mindestens 80 pro Saison. Es muss also eine immense Menge an durchgearbeitet werden.“

Damit liegt das Problem auf dem Tisch: Um in der NASCAR Fuß zu fassen, müsste Honda, die sowohl in der IndyCar-Serie als auch in der IMSA auf moderne Twin-Turbo-V6-Konzepte setzten, eigens einen neuen V8 entwickeln.

Entsprechend ruhig ist es um die Japaner geworden. Kelvin Fu, Vizepräsident der Honda Racing Corporation USA, betont zwar, dass grundsätzlich viele Rennserien geprüft werden, die Entscheidung jedoch letztlich vom Wert für die Marke abhänge.

„Wir verfügen über zwei hervorragend entwickelte V6-Biturbos, aber es geht um die Relevanz der Serie“, erklärte Fu während der Race Industry Week. „Als OEM schauen wir immer darauf, was für unsere Geschichte und unsere zukünftigen Produkte relevant ist. Honda stellt genau einen V8 her – und das ist ein Schiffsmotor. Wenn NASCAR zur Debatte steht, werden wir darüber sprechen, was am sinnvollsten ist.“

Altes Eisen oder Kulturgut?

Der uralte Eisenblock mit unten liegender Nockenwelle – im Amerikanischen als Pushrod bekannt – wirkt für viele moderne Automobilkonzerne wie ein Relikt. Selbst Tyler Gibbs, Chef von Toyota Racing Development, sieht den mächtigen Dinosaurier wanken.

„Ich denke, die NASCAR und die bestehenden Hersteller verstehen, dass niemand mehr einen V8-Motor mit Stößelstangen und Gusseisenblock bauen wird, nur um neu einzusteigen. Das tut sich keiner mehr an. Es passt weder zur Produktpalette noch zur Relevanz.“

Foto: NASCAR Media / Jared C. Tilton/Getty Images

Auch Elton Sawyer, NASCAR-Vizepräsident der Wettbewerbsleitung, erklärte 2024 im „The Dale Jr. Download“-Podcast, dass die Serie genau wisse, wonach neue Konstrukteure suchen: „Wir haben mit Chevy, Ford und Toyota großartige Partner, die schon ewig bei uns sind. Aber wir benötigen eine Plattform, die neue Marken einlädt. Sie lieben das Next-Gen-Auto – aber was sie definitiv nicht tun werden ist, einen V8 mit unten liegender Nockenwelle zu entwickeln.“

Auf die Frage, welche Motorenart nötig wäre, um wieder attraktiv zu werden, deutet Sawyer in Richtung Turbomotoren. Das würde die Rennleitung jedoch vor gänzlich neue Herausforderungen stellen. 

„Seit über 75 Jahren fahren wir mit den gleichen Motortypen: Saugmotoren, Vergaser, Hubraum-Limits… Das war für die Rennleitung relativ einfach zu überwachen. Wenn wir uns jedoch auf BoP-Systeme und Drehmomentsensoren einlassen, ist das eine vollkommen andere Art, unseren Sport zu regulieren.“ In der Cup-Serie kommen immerhin schon Einspritzer zum Einsatz,

Wie eine konkrete Lösung aussehen könnte, ist noch offen. Denkbar wären Konzepte aus der WEC, IMSA oder der DTM, die jedoch zwangsläufig mit einer Balance of Performance einhergehen würden.

Warnung aus Down Under

Ein Blick nach Australien zeigt jedoch, wie schmal der Grat zwischen technischer Öffnung und kulturellem Identitätsverlust ist. Dort wurde das Experiment „Turbo willkommen“ bereits gewagt und ist auf taube Ohren gestoßen.

Um Hersteller anzulocken, strich die Serie 2016 das ikonische „V8“ aus ihrem Namen und firmierte nur noch unter „Supercars Championship“. Das neue Reglement öffnete die Tür für V6-Biturbos und Vierzylinder.

Holden wagte als einziger den Schritt und entwickelte einen V6-Twin-Turbo bis zur Streckenreife. Doch das Projekt wurde 2018 beerdigt, noch bevor der Motor ein einziges Rennen bestritt.

Laut dem damaligen Marketingverantwortlichen Mark Harland war es unter anderem das Feedback der Anhänger, das Holden den V6 einstampfen ließ: „Wir wollen unsere Fans glücklich machen, [aber] es ist ein Teil eines viel größeren Puzzles.“

Die Folge war, dass sich die Serie in der darauffolgenden Generation wieder auf den V8 besann und dieser erneut das Maß aller Dinge wurde. Selbst nach diesem Schritt gewann der Verband einen neuen Konstrukteur. Ab 2026 ist Toyota mit dem Supra und einem klassischen V8-Motor neu dabei.

Ein offenes Reglement allein reicht also nicht aus, um neue Werke in eine Serie zu locken. Der V8 ist der T-Rex dieses Sports. Ihn zu opfern, um moderne Säugetiere wie V6-Turbos anzulocken, könnte die Seele der Serie zerstören.

Solange Giganten wie RAM, Toyota, Ford und Chevrolet bereit sind, ihn am Leben zu halten, wird er weiterleben und Fans mit seinem Gebrüll beeindrucken. Fakt ist aber auch, dass der Schweif des Meteors, schon am Himmel zu sehen ist.

Euer Erik Resch

Autor(en)

Redakteur | Zur Webseite |  + posts

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.

Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.

Erik Resch

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws. Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.
Facebook
X (Twitter)
YouTube
Instagram