Jagd auf Shane van Gisbergen: Kann Rookie Connor Zilisch schaffen, woran Tyler Reddick scheitert?

Jagd auf Shane van Gisbergen: Kann Rookie Connor Zilisch schaffen, woran Tyler Reddick scheitert?
Foto: NASCAR Media / Chris Graythen/Getty Images

Shane van Gisbergen gewann zuletzt fünf Rundkursrennen in Folge – Auf dem COTA jagt der Neuseeländer nun den historischen Rekord von Jeff Gordon, während die Konkurrenz ratlos ist

Mit dem Debüt des Chicago Street Course 2023 betrat ein Neuseeländer die Bühne der NASCAR Cup Series und sollte das Renngeschehen auf den Rundkursen für die kommenden Jahre nachhaltig prägen. Die Rede ist von Shane van Gisbergen.

Der dreimalige Champion der australischen Supercars schlug in der NASCAR ein wie eine Bombe und gewann prompt sein allererstes Rennen im Regen von Chicago. Nach diesem Sensationserfolg stieg er zur Saison 2025 vollzeit in die höchste Stockcar-Liga ein und beendete seine Rookie-Saison mit beeindruckenden fünf Siegen – allerdings allesamt auf Rundkursen.

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Jagd auf Jeff Gordon

Einzig auf dem Circuit of the Americas (COTA) konnte „SVG“, wie der Rundkursspezialist genannt wird, bisher nicht triumphieren. Woran das genau lag, ob an der Eingewöhnung in die Startnummer 88 oder an anderen Faktoren, lässt sich schwer festmachen.

Fakt ist jedoch: Nachdem er die vergangenen fünf Rundkursrennen in Folge gewonnen hat, ist er aktuell der Mann, den es zu schlagen gilt. In der Geschichte schaffte es lediglich Jeff Gordon, saisonübergreifend von 1997 bis 2000 sechs Siege auf Rundkursen in Serie einzufahren – zu einer Zeit, als diese Strecken im Kalender noch längst nicht so präsent waren wie heute.

Eines ist klar: SVG wird auf jeder Konfiguration stärker. Am vergangenen Wochenende sicherte er sich in Atlanta mit Platz sechs sein bisher bestes Ergebnis auf einem Oval. Mit zwei weiteren Erfolgen auf Rundstrecken in Folge könnte er der erste Fahrer werden, der die ersten sieben Läufe seiner Karriere auf Strecken mit Rechtskurven gewinnt.

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Verzweiflung im Fahrerlager

Das sieht auch die Konkurrenz und blickt mit Respekt auf das nächste Rennwochenende. AJ Allmendinger, der als Road-Course-Ringer alles versucht, um SVG in Texas zu schlagen, erklärt: „Ich habe beim Setup und den Daten alles analysiert, was man nur analysieren kann, und das werde ich bis zum Start am COTA auch weiterhin tun.“

Auch Tyler Reddick, der nach seinen Siegen beim Daytona 500 und in Atlanta aktuell auf Wolke sieben schwebt, gibt zu, dass van Gisbergen ihn fast in den Wahnsinn treibt: „Es wurmt mich extrem, auf einen Rundkurs zu kommen und von Shane einfach stehen gelassen zu werden. Wir haben hart an unserem Road-Course-Programm gearbeitet. Zwar hatten wir immer ordentlich Speed beim Rausfahren, aber das reicht einfach nicht. Wir haben viel ausprobiert, auch im Simulator.“

Reddick feierte in der Cup Series bereits drei Siege auf Rundkursen: in Road America, in Indianapolis und auf dem COTA. Sein Triumph in Austin im Jahr 2023, bei dem er von Platz zwei startete und 41 von 75 Runden anführte, zeigt, dass er nicht nur statistisch gesehen am Wochenende zu den besten Piloten gehört. Doch seit SVG die Bühne betreten hat, sieht die Bilanz für die Startnummer 45 eher mau aus.

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„Ich erkenne seine Leistung voll an“, so Reddick weiter. „Es soll nicht so klingen, als wolle ich ihm etwas absprechen, aber die Entwicklung des Rundkurs-Racings in den vergangenen anderthalb Jahren spielt ihm voll in die Karten. Das ist für mich ein Zeichen. Er musste natürlich erst lernen, wie sich das Next-Gen-Auto im Vergleich zu seinen gewohnten Fahrzeugen verhält. Als er anfing, hatten wir noch härtere Reifen und mehr Abtrieb. Damals fühlte ich mich ebenbürtig, wenn nicht sogar besser. Aber je mehr Downforce wir weggenommen haben und je weicher die Reifen wurden – und jetzt kommt noch die höhere PS-Zahl dazu –, desto besser passt das Auto zu seinem Fahrstil.“

Reddick analysiert den Unterschied sehr präzise: „Ich versuche zu verstehen, was ich im Auto brauche, um mein Material besser zu verwalten. Er fährt im Qualifying Wahnsinns-Runden, da kann ich noch halbwegs mithalten. Aber im Long-run… ich würde nicht sagen, dass er noch einen extra Gang findet, er geht einfach besser mit dem Auto um. Wir müssen also umdenken: Vielleicht brauchen wir weniger Fokus auf den puren Short-run-Speed und mehr Priorität auf den Long-run. Wenn ich seine Daten eins zu eins kopiere und er mir trotzdem wegfährt, zeigt mir das, dass wir in anderen Bereichen noch Arbeit vor uns haben.“

Die Kunst der Perfektion

Der Circuit of the Americas war 2025 tatsächlich der einzige Rundkurs, den van Gisbergen nicht gewinnen konnte. Damals triumphierte Christopher Bell nach einem packenden späten Duell mit Kyle Busch und William Byron. Auf die Frage, ob es ihn frustriere, von SVG geschlagen zu werden, gibt sich Bell diplomatisch: „Wir denken von Woche zu Woche. Shane ist verdammt gut. Er macht kaum Fehler und spult die Rennen perfekt ab – er selbst, seine Boxencrew und sein Crew Chief. Es ist schwer, diese Rennen zu gewinnen, selbst wenn man das dominante Auto oder den besten Fahrer hat.“

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Auch der ehemalige Teamkollege Daniel Suarez zollt Respekt: „SVG hat eine enorme Erfahrung auf Rundkursen, wahrscheinlich mehr als das gesamte restliche Feld zusammen. Aber wisst ihr was? Er ist auch nur ein Mensch. Und soweit ich weiß, ist jeder Mensch schlagbar. Wir arbeiten hart daran, diese Lücke zu schließen. Er hat Stärken, aber auch Schwächen. Ich weiß, dass ich da vorne mithalten kann – das habe ich in der Vergangenheit bewiesen. Es wird eine tolle Herausforderung. Er hat die Messlatte hochgelegt, aber wir holen auf.“

Connor Zilisch als ultimative Antwort

Vielleicht kommt die Hilfe für das Feld sogar von einem Teamkollegen. Allmendinger merkt schmunzelnd an: „Wenn wir wüssten, wie man ihn schlägt, hätten wir es schon getan. Vielleicht kann uns [Connor] Zilisch ja helfen.“

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Der Youngster startet 2026 in seine erste Vollzeit-Saison in der NASCAR Cup Series für Trackhouse Racing und gilt als absolutes Multitalent. Bereits bei den 24 Stunden von Daytona fuhr er dieses Jahr auf den zweiten Gesamtrang. Zudem steuerte er 2025 mit van Gisbergen in einer Corvette gemeinsam mit ihm einmal um die Uhr auf dem traditionellen Rundkurs in Florida.

Zilisch feierte 2025 sein Cup-Debüt am COTA und verfügt im Next-Gen-Auto auf dieser Strecke über nahezu die gleiche Erfahrung wie der Neuseeländer. Mehr noch: Während SVG hier noch sieglos ist, konnte Zilisch in der zweiten NASCAR-Liga in Austin bereits gewinnen und bezwang van Gisbergen sogar schon im direkten Duell in Watkins Glen.

Trotzdem bleibt der Rookie bescheiden: „Shane ist offensichtlich unglaublich talentiert. Er hat allen in der Cup Series gezeigt, wo das Limit liegt. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzusehen. Ich bin in der O’Reilly-Serie schon Rad an Rad gegen ihn gefahren – auch wenn die Autos dort anders sind. In der Corvette in Daytona waren wir gleich schnell. Ich weiß also, dass ich den Speed habe. Aber ein ganzes Rennen fehlerfrei und konstant wie er durchzuziehen, das ist die eigentliche Kunst. Das Reifenmanagement wird der Schlüssel sein; man muss die Hinterreifen über den gesamten Run am Leben halten.“

Ob das Wunderkind Zilisch den „Meister der Rundkurse“ auch in der Cup Series schlagen kann und damit der Konkurrenz einen Gefallen tut, entscheidet sich am Sonntagabend ab 21:30 Uhr deutscher Zeit auf Sportdigital1+.

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Redakteur | Zur Webseite |  + posts

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.

Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.

Erik Resch

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws. Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.
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