NASCAR-Sieg mit Tränen: Warum dieser Erfolg für Ryan Preece so emotional war
Nach einer konstanten Saison 2025 gewann Ryan Preece 2026 sein erstes Rennen – Auch wenn es in diesem Rennen keine Punkte gab, ist der Sieg im Bowman Gray Stadium für den RFK-Piloten von hohem emotionalen Wert
Mit Tränen in den Augen und brüchiger Stimme stand Ryan Preece vor der Kamera und gab sein Sieger-Interview in der Victory-Lane des Bowman Gray Stadiums. Der 35-jährige Rennfahrer aus Berlin, Connecticut, gewann sein erstes Rennen in der NASCAR Cup Series. Doch warum war dieser Erfolg für Preece so emotional?
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, beginnt er sein Interview. „Um ehrlich zu sein: Es war ein verdammt langer Weg.“ Auch wenn es für den Clash als Saisonvorbereitung keine Punkte gab, bedeutete der Sieg für den Fahrer der Startnummer 60 alles. „Es war jahrelange Knochenarbeit. Ich bin Brad Keselowski, Kroger, Coca-Cola und all unseren Partnern unglaublich dankbar. Vor zwei Jahren dachte ich nicht, dass ich noch einen Platz [in der Cup Series] bekommen würde. Ich dachte, ich fahre zurück nach Connecticut.“
Rettung durch den RFK-Deal
Der Triumph im Next-Gen-Auto markiert einen Wendepunkt. Der Cup-Pilot fährt bereits seit 2015 in der obersten Stock-Car-Liga und startet nun in seine siebte Vollzeitsaison – die zweite mit Roush Fenway Keselowski Racing (RFK Racing).
Vor seinem Start bei RFK Racing im Jahr 2025 fuhr Preece eher für Teams mit Mittelfeld-Material. Nachdem Stewart-Haas Racing aufgrund des Rückzugs von Eigentümer Tony Stewart die Anzahl der Autos reduziert hatte, stand er zunächst ohne Cockpit da.
Erst durch die Aufnahme ins Team von Brad Keselowski gelang Preece der Durchbruch – und das in einem Alter von 35 Jahren. Der Mann aus dem amerikanischen Berlin schaffte es mit RFK Racing erstmals in die Top 20 der Gesamtwertung und lieferte 14 Top-10-Ergebnisse ab. Zum Vergleich: Vor 2025 sammelte er verteilt über seine gesamte Karriere lediglich 16 Platzierungen unter den ersten Zehn.
Seit der vergangenen Saison gilt er als konstanter Fahrer, den alle auf dem Schirm haben müssen. Gegenüber RACER und SiriusXM NASCAR Radio beschrieb er das Gefühl in der Victory-Lane so: „Es fühlt sich verdammt gut an. Diejenigen, die Bescheid wissen, mit denen ich mich so lange abgerackert habe, es ist einfach, ich kann es kaum erklären. Ja, es ist ein Rennen ohne Punkte. Aber das ist egal. Sieg ist Sieg – besonders bei all dem, was man durchmacht, um dieses Ziel zu erreichen und ein Rennen sauber über die Bühne zu bringen.“
Kein einfacher Sieg
Dennoch war der Erfolg beim ungewerteten Vorbereitungsrennen kein einfacher. Der Clash war geprägt von zahlreichen Gelbphasen sowie einem Wetterumschwung, der den Fahrern ihr ganzes Können abverlangte.
Doch als erfahrener NASCAR-Pilot war er über die gesamte Distanz ein Sieganwärter, sowohl bei trockenen als auch bei nassen Bedingungen. Am Ende gelang es dem RFK-Racing-Piloten, in Runde 156 die Führung von Shane van Gisbergen zu übernehmen, die letzten 45 Runden seine Reifen zu managen und als Erster bei diesem Chaos-Rennen über die Ziellinie zu fahren.
„Diese Woche war extrem herausfordernd“, sagt Preece. „Nicht nur für unser Team, sondern für jeden Rennstall. Du versuchst, dieses Event zu bestreiten, aber gleichzeitig dein Auto so schnell wie möglich für das größte Rennen des Jahres vorzubereiten. Du verlierst Tage wegen des Schnees und es passiert einfach unglaublich viel. Aber ich würde mir keine andere Crew wünschen, um mein Auto für das Daytona 500 vorzubereiten, um dort die Pole und den Sieg zu holen.“
„Die Leute von dort sagen dir genau, was sie denken“
Der RFK-Racing-Pilot hat seine Wurzeln auf Strecken wie dem Bowman Gray Stadium, denn ursprünglich kommt er aus der Modified-Szene, für die der Short-Track in Winston Salem das Mekka des Motorsports ist. Wenn man in so einem „Nudeltopf“ seine Erfahrungen gemacht hat, sind Kollisionen und Gelbphasen keine Seltenheit. Trotz seiner Routine auf diesem Terrain waren die vielen Unterbrechungen durch Unfälle und Niederschläge herausfordernd.
„Mental gab es einen Punkt, an dem ich stinksauer war“, gibt Preece mit zu. „Ich komme aus dem Nordosten, und die Leute von dort sagen dir genau, was sie denken. Ich kann euch sagen: Ich werde mir von meiner Frau ordentlich was anhören dürfen, weil ich weiß, dass ich an einem Punkt etwas übertrieben habe und mir selbst dachte: Das wird ein interessantes Telefonat.“
Seine Emotionen kommentiert er dabei, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: „Aber das ist die Leidenschaft. Wir brauchen Leidenschaft, und ich habe keine Angst, sie zu zeigen.“
Nächster Halt New Smyrna
Wie stark das Feuer für Racing in ihm brennt, zeigt auch sein nächster Einsatz. Da der Saisonauftakt in Daytona erst in zwei Wochen stattfindet, hat Preece seinen Kalender bereits mit anderen Aktivitäten gefüllt – auch wenn der Zeitplan aufgrund der wetterbedingten Verschiebungen nun etwas eng wird.
„Ich kann die nächsten zehn Tage kaum erwarten, denn ich werde heute Nacht durchfahren. Ich fahre zum New Smyrna Speedway, um am Freitag mein Late-Model zu fahren. Morgen ist Training. Am Samstag fahre ich ein Modified-Rennen. Am Montag und Dienstag fahre ich wieder Modifieds. Ich werde tun, was ein Rennfahrer tun sollte: Rennen fahren. Und es ist verdammt viel besser, jetzt nach einem Sieg darüber zu reden, als wenn ich nur 23. geworden wäre.“
Dieser volle Kalender ist der Beweis für die riesige Leidenschaft des RFK-Racing-Piloten. Preece, der seine Karriere aufgrund seines Alters schon fast zu den Akten legen wollte, erlebt nun durch die Chance von Keselowski und konstante Leistungen eine Renaissance. Und wenn auf der höchsten Ebene, die es für so einen Racer gibt, die Emotionen verrücktspielen, ist das ein Zeichen dafür, wie viel Herzblut in den Motorsport fließt.
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.





