Befreiungsschlag in Atlanta: Sheldon Creed feiert langersehnten ersten Sieg
Sheldon Creed gewann in Atlanta sein erstes NASCAR Rennen nach 15 zweiten Plätzen – Der Haas-Pilot profitierte dabei von einer späten Kollision zwischen Austin Hill und Ross Chastain
Mit lauten Freudenschreien im Flutlicht von Atlanta krönte Sheldon Creed seine bisherige Karriere mit seinem ersten Sieg in der NASCAR O’Reilly Auto Parts Series. Der 28-Jährige galt als ein Fahrer, der ganz vorn mitmischen kann. Mit diesem Triumph bringt er nun endgültig auch die letzten Kritiker zum Schweigen.
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Dieser Erfolg glich einem emotionalen Befreiungsschlag. „Ich weiß gar nicht, ob ich meinem Spotter überhaupt noch zugehört habe, als mir klar wurde, dass sie mich nicht mehr einholen würden“, beschrieb der Haas-Pilot den Moment, als er über die Ziellinie fuhr. „Ich habe einfach angefangen zu schreien, deshalb ist meine Stimme auch immer noch weg. Aber ja, endlich zu gewinnen – das ist einfach pure Erleichterung“, erzählte Creed sichtlich bewegt auf der Pressekonferenz.
Wie enorm die Last war, die von seinen Schultern abfiel, zeigte sich, als er den psychologischen und finanziellen Druck der vergangenen Jahre reflektierte. Ganze 15 Mal war er zuvor in der Serie auf dem zweiten Platz gelandet. Creed gab offen zu, dass seine Karriere ohne diesen ersten Platz vielleicht auf der Kippe gestanden hätte: „Es zehrt an einem, wenn man nicht gewinnt, und es braucht viele Leute und Sponsoren, um das überhaupt zu stemmen. Ich habe das Glück, eine Familie zu haben, die mich unterstützt und es mir erst ermöglicht hat, weiter Rennen zu fahren. Aber ich hatte schon das Gefühl, dass sich das wahrscheinlich langsam dem Ende zuneigte.“

Dramatik in der letzten Letzten Runde
Insgesamt führte der Sieger das Rennen, welches den Zuschauern reichlich Unterhaltung bot, über 17 Runden an. Creed ging als Dritter in den finalen Umlauf, profitierte am Ende jedoch von einer dramatischen Auseinandersetzung an der Spitze. Dort lieferten sich Austin Hill, der das Feld als ausgewiesener Superspeedway-Spezialist anführte, und Cup-Series-Stammfahrer Ross Chastain ein hartes Duell. Als die beiden Chevrolets auf den Plätzen eins und zwei kollidierten, war der Weg für den Kalifornier plötzlich frei.
Mit seiner Startnummer 00 manövrierte er an den beiden Piloten vorbei und kam als Führender aus der letzten Kurve. „Mein Plan war es, auf jeden Fall auf Bahn zwei, drei oder vier zu fahren. Einfach, weil ich so viel Schwung hatte“, schilderte Creed die entscheidenden Sekunden. „Und dann sah ich, wie sie blockten, ineinanderkrachten und querstanden. Ich dachte nur: Wahnsinn, das Meer teilt sich regelrecht! Mein erster Gedanke war dann: Wie nah sind die Jungs hinter mir und haben sie noch Schwung?“ Das Tempo seiner Verfolger reichte jedoch nicht mehr aus, sodass er das Rennen vor Parker Retzlaff, Nick Sanchez und Corey Day gewann.

Teurer Jubel
Die Freude über diesen Meilenstein teilte auch sein Teamkollege Sam Mayer, der ihm noch auf der Strecke aus dem fahrenden Auto heraus mit einem „High Five“ gratulierte. Diese unkonventionelle Jubelgeste hatte allerdings teure Folgen für die Mechaniker seiner Startnummer 41: Aufgrund des vorangegangenen Regens war das Gras auf der Start-Ziel-Geraden nass, wodurch Mayer die komplette Nase seines Fords zerstört wurde.
„Ich habe mich so für Sheldon gefreut. Irgendwie habe ich die Kontrolle darüber verloren, was ich da eigentlich mache“, lachte Mayer später. „Ich war wirklich begeistert für ihn, aber für meine Jungs tat es mir natürlich wahnsinnig leid.“
Heiße Luft zwischen Hill und Chastain
Während bei Haas ausgiebig gefeiert wurde, herrschte bei den Auslösern des Final-Dramas kein Redebedarf. Hill, der eine noch schlimmere Kollision durch einen gigantischen Save verhinderte und als Zwölfter ins Ziel kam, gratulierte Creed zwar, fand für Chastain jedoch nur bittere Worte. Auf die Aktion angesprochen, reagierte er knapp: „Es könnte mich nicht weniger interessieren, mit Ross zu reden. Ich habe ihm absolut nichts zu sagen.“
Mit Blick auf zukünftige Duelle schob er eine Warnung hinterher: „Solange er es als faires Spiel betrachtet, wenn die Rollen vertauscht sind und ich das Gleiche mit ihm mache. Wenn er das nicht für fair hält, tja, was soll man dann noch sagen? Aber solange er es dann auch als einen fairen Umgang ansieht, ist das für mich völlig in Ordnung.“
Chastain selbst analysierte die Situation deutlich nüchterner und gestand sich den Fehler ein: „Ich bin nach unten gezogen. Ich hatte ihm in der Runde zuvor die untere Linie überlassen, aber er hat mir dort den Platz nicht gegeben. Ich habe ihn definitiv zu weit rechts getroffen.“ Ohne böses Blut schaut er bereits in die nächste Woche: „Ich werde ihn am Montag im Fitnessstudio sehen. Wir werden also Seite an Seite auf dem Laufband unser Chevy-Workout absolvieren. Aber nein, das ist alles halb so wild.“
Mit diesem spektakulären Finish im Rückspiegel und Creeds Befreiungsschlag vor Augen richtet sich der Blick der NASCAR-Welt nun bereits auf das kommende Rennwochenende. Auf dem Circuit of the Americas wird die zweite Liga der NASCAR zum ersten Mal in diesem Jahr auf einem Rundkurs antreten und damit auch Rechtskurven meistern müssen.
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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