Keselowski über Reifenschäden: Niemand ist die „empfohlenen Drücke gefahren“

Keselowski über Reifenschäden: Niemand ist die „empfohlenen Drücke gefahren“
Foto: NASCAR Media / Chris Graythen/Getty Images

In der zweiten Stage im NASCAR-Rennen von Phoenix ging ein Reifen nach dem anderen ein – Schnell geriet Goodyear ins Fadenkreuz, doch Brad Keselowski hat eine andere Meinung

Die 60 Runden in der ersten Stage wurden im NASCAR-Cup-Rennen von Phoenix ohne große Zwischenfälle gefahren. Es gab keine Crashs und auch die Goodyear-Reifen hielten. Im zweiten Segment begann dann plötzlich das große Reifensterben. Während viele mit den Fingern auf den Reifenhersteller zeigten, erklärt Brad Keselowski, wo er die wirklichen Schuldigen sieht.

„Ich kann dir garantieren: Niemand in Phoenix ist den empfohlenen Druck gefahren“, so der RFK-Pilot und -Mitbesitzer gegenüber Dale Jr. Download. „In der Garage gibt es diesen Running Gag: ‚Zieh einfach zwei [PSI] ab, das ist wahrscheinlich immer noch sicher.‘ Niemand hat sich daran gehalten. Warum die Teams das machen? Weil es das Auto schneller macht, ganz klar.“ Zwei PSI? Das sind rund 0,14 bar!

Keselowski will Goodyear nicht den schwarzen Peter zuschieben, er lobt das Unternehmen sogar: „Ich finde, Goodyear verdient viel Anerkennung. Es tut mir leid für sie, denn wenn Reifen platzen, zeigen die Fans oft mit dem Finger auf Goodyear und sagen: ‚Ihr habt meinen Fahrer mit euren Reifen im Stich gelassen.‘ Aber nein, Goodyear trägt seinen Teil dazu bei, das Racing so gut wie möglich zu machen. Das bedeutet, Reifen zu entwickeln, die direkt am Limit operieren, damit der Wettbewerb besser wird.“

Der Packt mit Goodyear

Keselowski wurde im Podcast gefragt: „Hast du den Tweet gesehen, den sie vor dem Rennen rausgehauen haben? Darin erinnerten sie daran, dass die empfohlenen Reifendrücke keine Schätzwerte waren.“ Rodney Childers hat bei der Einführung der Next-Gen-Autos, als es viele Reifenschäden gab, bereits zugegeben, dass oft das aggressive Setup und nicht der Reifen selbst das Problem sei.

Laut Keselowski haben sich die Fahrer sogar an den Reifenhersteller gewendet, damit dieser aggressivere Pneus entwickelt. „Ich rechne das Goodyear hoch an“, sagt er. „Die Fahrer gingen zu ihnen und sagten: ‚Wir wollen einen Reifen, der stärker abbaut, wir wollen, dass ihr aggressiver werdet.‘“

„Goodyear konterte: ‚Naja, dann stehen wir am Ende blöd da.‘ Die Fahrer schlossen daraufhin eine Art Pakt mit Goodyear: ‚Wir werden nichts Schlechtes über euch sagen, wenn ihr uns einen aggressiven Reifen baut und dieser dann platzt.‘ Ich finde, das ist gut für den Sport. Bisher wurde der Pakt eingehalten, und das ist gut so – denn wenn er bricht, verlieren am Ende alle.“

Zusätzliche Leistung geht auf die Reifen

Ein weiterer Faktor, der den Reifenverschleiß beeinflusst, sind die 80 zusätzlichen Pferdestärken auf Ovalen bis zu einer Länge von einer Meile und auf Rundkursen. 750 PS hatten die Fahrer in Phoenix zur Verfügung – und das geht auf die Haltbarkeit der Reifen, die für 670 PS ausgelegt waren.

„Ganz ehrlich, ich glaube, dass die Pferdestärken wahrscheinlich eine Rolle gespielt haben. NASCAR hat den Autos mehr Leistung gegeben“, so Keselowski. „Ich denke, dadurch ließ sich das Auto anders fahren. Wenn man mit etwas mehr Speed in die Kurven einfährt, belastet das die Reifen natürlich stärker. Ein Stockcar wiegt fast 1,5 Tonnen, das ist eine Menge Gewicht.“

Foto: NASCAR Media / Meg Oliphant/Getty Images

„Wenn wir damit, sagen wir mal, fünf Meilen pro Stunde schneller in die Kurve gehen, bedeutet das massiv mehr Stress für die Reifen. Und das auf jeder Geraden, also zweimal pro Runde. Ich denke, das macht etwas mit den Reifen“, analysiert Keselowski.

„Das hat wahrscheinlich zu dem beigetragen, was wir im Rennen gesehen haben – nämlich eine Menge Reifenschäden. Interessanterweise waren es meistens die rechten Vorderreifen. Das Performance-Fenster der Autos liegt genau an dem Punkt, kurz bevor der Reifen platzt. Man fragt sich also ständig: ‚Wie nah kommen wir an diese Grenze heran?‘“

„Die Teams werden die Reifen bis zum Äußersten fordern; sie werden sie zu weit strapazieren, sie werden platzen, und man muss seine Rennstrategie fast schon darauf ausrichten, dass genau das passieren wird“, so die klare Sichtweise von Keselowski.

Mehr PS ergibt mehr Action

Über die zusätzliche Leistung ist Keselowski erfreut: „Mehr Power ist super, aber das Verrückte ist: Wenn man in Phoenix mehr PS hinzufügt, werden die Autos eigentlich nicht schneller. Man kann sogar argumentieren, dass sie mit mehr Leistung langsamer sind.“

„Wenn man es genau betrachtet, sind die Autos mit frischen Reifen vielleicht ein oder zwei Zehntel schneller. Aber am Ende eines Stints – sagen wir nach 60 Runden oder mehr – sind sie mit mehr PS drei bis vier Zehntel langsamer.“

„Der Leistungsabfall – der Fall-off – ist definitiv viel stärker. Und ich glaube, genau das haben die Fahrer versucht, NASCAR zu erklären. Das eröffnet einfach mehr Möglichkeiten zum Überholen. Meiner Meinung nach gab es in Phoenix so viele Überholmanöver wie schon lange nicht mehr, eben genau aus diesem Grund.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.
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