Marathon-Mentalität in Martinsville: Wie Chase Elliott und Alan Gustafson das Blatt wendeten
Chase Elliott siegte mit einer riskanten Strategie am Sonntag in Martinsville – Sein Crew-Chief Alan Gustafson führte das Team mit einem Boxenpoker zum Erfolg
Auch wenn der letzte Sieg von Alan Gustafson und Chase Elliott schon eine Weile zurücklag, hat der erfahrene Stratege erneut bewiesen, warum er zur Elite gehört. Dank eines mutigen Doppelstopp-Pokers gelang es dem Team der Startnummer 9, endlich wieder in der Victory-Lane zu stehen. Doch hinter diesem Triumph steckte weit mehr, als die Zuschauer auf den ersten Blick erahnen konnten.
Nach einem schwierigen Saisonstart für Hendrick Motorsports markiert der Erfolg auf dem „Paperclip“, wie die markante Strecke in Virginia aufgrund ihrer Form, die an eine Büroklammer erinnert, genannt wird, einen Wendepunkt. Während zu Beginn des Jahres hauptsächlich Toyota und Tyler Reddick das Geschehen dominierten und Ford vereinzelt Nadelstiche setzte, blieb ein Sieg für Chevrolet bis zum vergangenen Rennwochenende aus.

Ende der Durststrecke
„Es ist ein Stück weit Teil des Prozesses, aber wir haben viele Gespräche geführt“, reflektiert Jeff Gordon, Vizepräsident von Hendrick Motorsports, die schwierige Anfangsphase. „Ich hasse es, wenn wir solche Phasen durchmachen müssen, aber wir haben das schon früher erlebt. Ich liebe es zu sehen, wie wir darauf reagieren, denn es schweißt uns enger zusammen. Man verlässt sich mehr auf seine Werkzeuge und besinnt sich zurück auf die Grundlagen.“
Laut Gordon sei die mentale Standhaftigkeit der entscheidende Faktor: „Man darf nicht zulassen, dass einen das innerlich zerreißt. Man muss stark bleiben und an das Team glauben. Genau darauf besinnen sich Alan und Chase in solchen Momenten.“
Auch Elliott selbst betont, dass der Schlüssel im internen Fokus liegt: „Je länger man das macht, desto mehr konzentriert man sich auf das Interne statt auf das Externe. Wir gehen extrem ehrlich miteinander um, was unsere Defizite und unsere Stärken angeht. Mit der Zeit sind wir immer besser darin geworden, unsere Schwachstellen in den Meetings schonungslos zu analysieren und einfach das zu tun, was nötig ist, um den Job zu erledigen.“

Der „Marathon-Call“ am Kommandostand
Die Motivation, die Sieglos-Serie zu brechen, kam von ganz oben. Gustafson berichtete nach dem Rennen von einem Telefonat mit Teambesitzer Rick Hendrick: „Sein Zitat war: ‚Das ist ein Marathon, kein 10-Kilometer-Lauf, und wir sind langfristig dabei.‘ Unabhängig davon, wie es beginnt, zählt am Ende nur, wie man ins Ziel kommt. Er wollte uns den Druck nehmen und signalisieren, dass er volles Vertrauen in unsere Fähigkeiten hat.“
Genau auf diese Marathon-Mentalität besann sich der Crew-Chief, als er die maßgebliche strategische Entscheidung traf: Er holte Elliott früher als die gesamte Konkurrenz an die Box und setzte auf eine Zwei-Stopp-Strategie.
„Wäre ich etwas weiter vorne gewesen, wäre das Risiko vielleicht zu hoch gewesen“, erklärt Gustafson. „Aber gleichzeitig kann man nicht einfach die Hände in den Schoß legen und auf dem zehnten Platz herumfahren. Man muss etwas unternehmen. Das war unsere beste Chance.“

Die Mathematik des Risikos
Während die Top 5 auf eine sichere Ein-Stopp-Strategie setzten, um das Risiko einer ungünstigen Gelbphase zu minimieren, entschied sich Gustafson für den Angriff aus dem Mittelfeld. „Man erwartet von niemandem in der Spitzengruppe ein hohes Risiko, da ihre Autos auf langen Runs gut funktionieren“, so Gustafson weiter. Für ihn gab jedoch der berechnete Zeitvorteil den Ausschlag.
Ein zentraler Begriff in seinen Überlegungen war dabei die „Überholreibung“ – also die Frage, wie leicht man nach einem Besuch in der Boxengasse an den anderen Autos vorbeiziehen kann. „In unserer Welt ist es schwer, die ‚Überholreibung‘ zu quantifizieren. Mein Ingenieur hielt die Ein-Stopp-Variante erst für sicherer. Aber nachdem er weitere Szenarien durchgerechnet hatte und zum Schluss kam, dass die andere Variante ein paar Sekunden schneller sein könnte, reichte mir das. Wir mussten diese Chance nutzen.“
Rückendeckung erhielt er dabei vollumfänglich von seinem Fahrer: „Was auch immer du tun willst, zieh es durch. Ich unterstütze dich, egal wie es ausgeht“, versicherte der Pilot aus Dawsonville seinem Strategen.

Clean-Air als Sieggarant
Interessanterweise wurde die Strategie sogar teamintern heiß diskutiert. Gordon beobachtete das Geschehen am Kommandostand der Startnummer 5: „Ich habe Cliff [Daniels] und seine Diskussionen mitgehört. Sie hatten eigentlich nicht geplant, auf zwei Stopps zu gehen. Aber als sie [#9 Team] den Stopp vorzogen, haben sie alle anderen mitgerissen.“
Am Ende machten die Strategie und das Timing der Gelbphasen den Unterschied. Gustafson bleibt dabei realistisch: „Rein statistisch gesehen waren wir heute wohl nur das zehnt- oder zwölftschnellste Auto. Aber die Strategie ist eines der wenigen Werkzeuge, mit denen man noch einen echten Unterschied machen kann. Wenn man diesen Wagen in Clean-Air bringt, kann man plötzlich gewinnen.“

Ein Sieg für die Moral
Für das gesamte Team hat dieser Erfolg eine tiefe Bedeutung. Jeff Gordon resümiert: „Es ist schön, sich an Tagen wie heute zu vergewissern, dass man es noch schaffen kann, auch wenn wir in anderen Bereichen noch [an Stellschrauben] suchen.“
Gustafson schließt mit einem kraftvollen Fazit ab, das den Kampfgeist des Teams unterstreicht: „Wir haben nicht zu unseren eigenen Bedingungen gewonnen; auf dem Papier hätten wir dieses Rennen nicht gewinnen müssen. Aber diese Botschaft ist stark: Du weißt jetzt, dass du auch von Platz zehn gewinnen kannst, wenn du einfach weiter rackerst und alles tust, um dir eine Chance zu erarbeiten.“
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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