NASCAR-Star Hamlin ehrlich: „Das Stundenglas läuft ab“

NASCAR-Star Hamlin ehrlich: „Das Stundenglas läuft ab“
Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Ein Sieg gegen die eigenen Zweifel und die Zeit – Denny Hamlin reflektiert in Las Vegas über körperlichen Abbau und den besonderen Wert familiärer Momente

Denny Hamlin hat am vergangenen Rennwochenende unter Beweis gestellt, dass das Feuer in ihm trotz seines fortgeschrittenen Sportleralters von 45 Jahren lichterloh brennt. Mit einem kontrollierten Sieg in Las Vegas untermauerte der Joe-Gibbs-Racing-Pilot seinen Status als einer der Favoriten und lieferte zugleich eine tiefgreifende Reflexion über sein sportliches Ablaufdatums sowie den Wert familiärer Momente in der Victory-Lane.

In einer Ära, in der junge Talente das Feld stürmen, stemmt sich der Routinier gegen den biologischen Abbau und nutzt jede verbleibende Chance, bevor das sprichwörtliche Stundenglas endgültig leer ist. Der Erfolg ist für Hamlin weit mehr als nur eine weitere Trophäe für die Statistik; es ist ein mühsam erkämpfter Sieg gegen die eigenen Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit.

„Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass meine Reaktionen nachlassen. Es gibt alle möglichen Dinge, die nachlassen. Gevatter Zeit ist ungeschlagen“, gab Hamlin in der Pressekonferenz nach dem Rennen unumwunden zu Protokoll. Die Ungewissheit der Winterpause nagte an ihm, da er sich fragte, ob er noch auf dem Level des Vorjahres agieren könne.

Besonders der Vergleich mit den ganz Großen des Sports treibt den US-Amerikaner an, seine eigene Karriere kritisch zu hinterfragen. „Es ist befriedigend, weil ich die legendären ‚Mount Rushmore‘-Typen gesehen habe – ich bin gegen sie gefahren“, erklärte Hamlin seine Perspektive auf die Motorsport-Geschichte. Er habe jedoch auch gesehen, wie sich die Leistung am Ende ihrer Karrieren in seinem jetzigen Alter veränderte, was ihn vorsichtig werden ließ.

Einzig Kevin Harvick dient ihm dabei als echtes Vorbild für Langlebigkeit im Cockpit eines Stockcars. „Ich denke, Kevin Harvick ist derjenige, der heraussticht; er hat auf diesem Niveau in diesem Alter noch abgeliefert“, so Hamlin über seinen ehemaligen Konkurrenten. Dass Harvick bis tief in seine 40er hinein siegfähig blieb, gibt Hamlin die nötige Hoffnung: „Das ist eine Motivation für mich: ‚Okay, es ist möglich. Nicht jeder altert gleich.’“

Doch der Weg zu diesem Selbstvertrauen ist gepflastert mit mentalen Erschöpfungszuständen und dem harten Alltag eines Profis.

„Ich kann euch sagen, es gibt Montage und Dienstage, an denen ich mir denke: ‚Ich bin über das Datum hinaus.‘ Ich weiß einfach nicht, ob ich diesen Grind immer und immer wieder machen will“, gestand der Familienvater. Besonders Rückschläge nach intensiver Vorbereitung, wie zuletzt in Phoenix, seien entmutigend und ließen ihn zweifeln, ob er den Aufwand erneut betreiben wolle.

In diesen Momenten der Reflexion wird Hamlin schmerzlich bewusst, dass seine Zeit an der Spitze endlich ist. Auf die Anmerkung eines Journalisten, dass er im Alter erfolgreicher sei als in jungen Jahren, reagierte er mit einem wissenden Lächeln: „Das Stundenglas läuft ab.“ Jeder Sieg ist nun ein kostbares Gut, das er vor allem für seine Kinder Taylor und Molly einfahren will, damit sie diesen Teil seines Lebens aktiv miterleben.

Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Die Anwesenheit seiner Töchter beim Feiern am Auto war für ihn deshalb der emotionale Höhepunkt des Tages. „Es ist cool, wenn sie es sehen und fühlen können. Es ist etwas, woran sie sich noch lange erinnern werden“, betonte Hamlin die Bedeutung dieser Augenblicke. Früher seien sie bei großen Meilensteinen oft nicht dabei gewesen und hätten nur kurze Anrufe erhalten, während er Verpflichtungen nachkommen musste.

Als seine Töchter ins heiße Cockpit stiegen und sich über die Bedingungen beschwerten, begegnete er ihnen mit der Realität seines Arbeitsplatzes. „Sie stiegen ein und sagten: ‚Wow, es ist heiß hier drin.‘ Ich sagte: ‚Willkommen in meiner Welt.‘ Es ist ein guter Realitätscheck, dass es im Auto nicht nur nett und gemütlich ist“, scherzte der Sieger.

Am Ende des Tages überwog die pure Erleichterung darüber, dass das fahrerische Fundament noch immer stabil ist. „Der heutige Tag hat bestätigt, dass sich nichts geändert hat, was wirklich gut ist. Es ist ein gutes Zeichen“, resümierte Hamlin zufrieden. Der „alte Hund“ hat bewiesen, dass er nicht nur noch jagen kann, sondern die Meute nach wie vor anführt.

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.
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