Panzertape und Risiko: Wie Reddick seinen schrottreifen Toyota in Atlanta zum Sieg fuhr

Panzertape und Risiko: Wie Reddick seinen schrottreifen Toyota in Atlanta zum Sieg fuhr
Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Trotz einer heftigen Kollision und einer zerstörten Aerodynamik feierte Tyler Reddick in Atlanta seinen nächsten Saisonsieg in der NASCAR Cup Series – Der 23XI-Pilot profitierte von einer starken Anpassungsfähigkeit seines Teams

Trotz fehlenden Kotflügels und verbeulter Karosserie schaffte es Tyler Reddick in Atlanta bis in die Victory-Lane. Der kleine Kalifornier bescherte dem großen Michael Jordan am Wochenende damit den zweiten Cup-Sieg in Folge. Doch wie schaffte es der Pilot der Startnummer 45, den weiß-blauen Toyota Camry trotz massiver aerodynamischer Schäden auf einem High-Speed-Oval, auf dem der Luftstrom eine maßgebliche Rolle spielt, vor allen anderen ins Ziel zu bringen?

Den Schaden zog sich Reddick zu, als sich sein Teambesitzer Denny Hamlin vor ihm auf der Start-Ziel-Geraden drehte. Beim unvermeidlichen Big-One wurde der Toyota mit der Startnummer 45 zwischen Hamlin und der 16 von AJ Allmendinger eingeklemmt. Reddick, der bis dahin ein starkes Rennen fuhr, verlor bei diesem Sandwich-Manöver seinen rechten vorderen Kotflügel.

Nach dem Zwischenfall musste an der Box zunächst eine Bestandsaufnahme gemacht und ein neues Ziel ausgelotet werden. „Am rechten vorderen Kotflügel konnten wir nicht viel machen – der war weg, irgendwo auf der Strecke geblieben“, erinnert sich Teamchef Billy Scott.

Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Panzertape in der Kälte: Schadensbegrenzung an der Box

Die provisorischen Reparaturen gestalteten sich als echte Herausforderung: „Die Teile, die vorne links herunterhingen, hat die Crew so gut es ging mit Panzerband befestigt. Bei der Kälte war das extrem schwierig, da kaum etwas kleben blieb. Wir haben zusätzlich versucht, eine Stütze einzubauen und die Motorhaube wieder mit den Lüftungsschlitzen zu verschrauben.“

Dennoch blieben aerodynamische Schwachstellen. „Da waren viele Lücken, durch die unserer Meinung nach weiterhin Luft entwich“, so Scott. Das intern ausgegebene Minimalziel lautete zu diesem Zeitpunkt lediglich: Irgendwie zurück in die Top 15 kommen.

Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Reddick wusste, dass die Aerodynamik auf diesem Kurs über Sieg oder Niederlage entscheidet und tastete sich an das veränderte Fahrverhalten seines Boliden heran: „In der ersten Runde nach dem Unfall bin ich Kurve eins und drei mit absolutem Risiko gefahren“, verriet der Kalifornier. „Ich bin froh, dass ich das getestet habe, denn so konnte ich genau verstehen, was wir bei einer weiteren Gelbphase reparieren mussten, um das instabile Fahrverhalten in den Griff zu bekommen. Das hat uns geholfen, das Auto am Ende genau dorthin zu bringen, wo es sein musste.“

Rückblickend schüttelte auch Reddick ungläubig den Kopf: „Es ist schon fast ironisch. Etwa 40 oder 50 Runden vor Schluss sah es alles andere als gut aus. Aber wir haben einen Weg gefunden, den Schaden provisorisch zu beheben und uns irgendwie durchzubeißen.“

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Windschatten-Taktik und ein unerwarteter Aero-Vorteil

Nachdem der Fahrer das ramponierte Auto auf der Strecke zu verstehen begann, passte das Team an der Boxenmauer die Strategie an. Crew-Chief Scott gestand seine anfänglichen Zweifel: „Ich war wirklich besorgt. Aber nachdem wir den Schaden hatten und die Reparaturen durchführten, merkten wir, dass wir überraschenderweise immer noch Speed hatten.“

Die Anweisung an Reddick war daraufhin klar: „Wir haben ihm eingehämmert, strikt in der Spur zu bleiben und die stark beschädigte rechte Seite im Windschatten hinter anderen Autos zu verstecken.“

Mit kleinen mechanischen Kniffen brachte das Team den Toyota im Rennverlauf tatsächlich wieder auf ein siegfähiges Niveau. „Der Wagen war definitiv sehr instabil und neigte zum Übersteuern“, erklärt Reddick. „Wir konnten aber durch den Reifendruck und andere Kleinigkeiten noch entscheidende Anpassungen vornehmen.“ Als es in die entscheidende Phase ging, war der Kalifornier gezwungen, volles Risiko einzugehen: „Ich musste am Ende einfach herausfinden, ob das Auto ohne Windschatten überhaupt noch funktionieren würde.“

Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Es funktionierte. In einer dramatischen letzten Runde setzte sich der 23XI-Pilot an die Spitze und fuhr ohne Kotflügel als Erster über die Ziellinie. Die clevere Herangehensweise des Teams und die fahrerische Anpassung an die widrigen Gegebenheiten bescherten 23XI Racing den zweiten Sieg in Folge.

Dennoch wirft der deformierte Sieger-Toyota beim Team einige Fragen auf. „Aerodynamik ist bei diesen Autos eine sehr eigenartige Sache“, analysiert Reddick das Phänomen. „Es gibt bestimmte Punkte, an denen die Luft einfach abprallt und weggelenkt wird. Ich dachte am Ende sogar, dass der Schaden ein Vorteil war, weil er den Luftwiderstand so erhöhte, dass sich die #19 [Briscoe] nicht wirklich absetzen konnte.“

Um die letzten aerodynamischen Fragezeichen zu beseitigen, soll nun in der Teamzentrale Airspeed eine genaue Nachuntersuchung folgen. „Wir müssen dieses Auto wahrscheinlich in den Windkanal bringen, um zu sehen, was wir aus dieser verrückten Konstellation lernen können“, kündigt Scott an und zog ein ehrliches Fazit: „Ich weiß immer noch nicht genau, wie Tyler es mit diesem Auto geschafft hat, in einer Dreiergruppe auf der obersten Linie ganz vorn zu landen. Aber wir waren definitiv die glücklichen Nutznießer dieser Situation.“

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Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.

Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.

Erik Resch

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws. Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.
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