2,0er-Schnitt im Titelkampf: Wie Kyle Larson den NASCAR-Chase zu einem Durchmarsch macht
Ein katastrophaler Rennbeginn drohte Kyle Larson auf dem Las Vegas Motor Speedway früh zurückzuwerfen, doch der Hendrick-Pilot raste nach einer Radikalkur an der Box noch auf Rang zwei – Mit einem unglaublichen Chase-Schnitt von 2,0 baut Larson seinen Vorsprung im Titelkampf auf 40 Zähler aus und demoralisiert die strauchelnde Konkurrenz
Kyle Larson hat den Sieg beim South Point 400 auf dem Las Vegas Motor Speedway am Sonntagabend zwar knapp verpasst, doch im Kampf um den NASCAR-Cup-Titel machte der Hendrick-Pilot einen gigantischen Schritt nach vorn. Trotz einer desaströsen ersten Rennhälfte, in der er zwischenzeitlich eine Runde verlor und magere Ausbeute in den Stages verbuchte, kämpfte sich der Kalifornier sensationell noch auf Rang zwei. Zur Halbzeit des Chase baute er seine Tabellenführung damit auf satte 40 Punkte vor Denny Hamlin aus.
Hinter dieser Wende steckt ein taktischer Glanzakt, der unweigerlich Erinnerungen an alte Hendrick-Zeiten wachruft. Die Art und Weise, wie Larson und Crew-Chief Cliff Daniels aus einem drohenden Totalschaden ein Top-Ergebnis zimmerten, erinnert stark an Jimmie Johnson und Chad Knaus, die das Feld jahrelang mit ähnlicher Kaltblütigkeit beherrschten.
Dabei drohte der Startnummer 5 zunächst der Absturz. Der Chevrolet Camaro war unfahrbar abgestimmt, verlor massiv an Boden und zwang Daniels zu einer extremen Maßnahme. Mitten unter grüner Flagge holte der Stratege Larson zu einem 26-sekündigen Radikalumbau an die Box und nahm den Rundenverlust eiskalt in Kauf.

„Wir hatten zu Beginn einfach extrem Übersteuern. Da stellt sich die Frage, wie wir die Entscheidung für eine derart große Veränderung treffen“, erklärt Daniels die riskante Entscheidung. „Wenn ich bedenke, wie weit wir von der Pace weg waren und wie loose das Auto lag, bin ich mir nicht sicher, ob wir uns mit kleineren Anpassungen überhaupt bis zur Stage-Pause in der Führungsrunde gehalten hätten. Ich wollte den Schmerz früh schlucken, um uns viel mehr Zeit für die Aufholjagd zu geben, anstatt das Problem vor uns herzuschieben. Ich bin nicht stolz darauf, wie wir gestartet sind, aber stolz auf die Mannschaft und auf Kyles verdammt harten Kampf.“
Larson bewies hinter dem Lenkrad eiserne Nerven. Über den Wave-Around eroberte er seine Runde zurück, kassierte als Zehnter des zweiten Segments den ersten Zähler und pflügte auf älteren Reifen mit atemberaubender Pace durch das Feld.
„Ehrlich gesagt habe ich immer daran geglaubt, dass ein Sieg möglich ist, weil mir mein Team einfach enormes Selbstvertrauen gibt“, sagt Larson. „Als ich mit einer Runde Rückstand herauskam, dachte ich nur: ‚Okay, jetzt müssen wir zusehen, wie wir das wieder aufholen.‘ Das hat schnell geklappt. Auf den älteren Reifen konnte ich direkt nach vorne fahren und wusste: ‚Okay, mein Auto ist gar nicht so schlecht.‘ Cliff gibt mir das Vertrauen, dass wir eine Lösung finden, selbst wenn es anfangs überhaupt nicht läuft.“
Während das Hendrick-Duo glänzte, erlebten die direkten Titelrivalen einen kollektiven Albtraum. Denny Hamlin drehte sich im ersten Rennabschnitt auf Platz vier liegend weg, demolierte seinen Splitter und rettete lediglich Rang 16 ins Ziel. Hamlin vergab damit mindestens 15 Zähler, die den Abstand an der Spitze hätten erträglich halten können.
„Ich habe einfach versucht, die verlorene Track-Position wieder gutzumachen und voll zu attackieren. Offenbar lag da oben Reifenabrieb“, schildert ein bedienter Hamlin seinen Dreher. „Es war ziemlich seltsam. Ich bin nach oben gefahren, habe mich weggedreht und dabei das Auto beschädigt. Wir müssen die Situation jetzt so annehmen, wie sie ist, denn wir haben einen Rückstand aufzuholen.“
Auch die übrigen Verfolger ließen wertvolle Chancen liegen. Christopher Bell verlor im Schlussabschnitt die Servolenkung und wurde bis auf Position 23 durchgereicht, Joey Logano kam nicht über Rang zehn hinaus und Titelverteidiger Ryan Blaney braucht nach zwei verpatzten Chase-Läufen trotz Platz fünf nun zwingend einen Sieg.

Vor allem die statistische Dominanz von Larson sorgt im Fahrerlager für Ernüchterung. Mit einem schier absurden Durchschnitt von 2,0 über die ersten fünf Chase-Rennen hinweg deklassiert Larson das Feld nach Belieben. Hamlin liegt nun 40 Punkte zurück, Bell fehlen 55 Zähler, Logano liegt 71 Punkte im Hintertreffen und Blaney bereits 80.
„Gemessen daran, wie unser Tag begann, haben wir am Ende wohl mehr herausgeholt, als drin war“, bilanzierte Daniels die Leistung seines Teams. „Die Ergebnisse sind großartig, aber sie sind vor allem ein Beleg für die harte Arbeit der gesamten Mannschaft. Es war aus vielen Gründen keine einfache Saison, aber wir sind immer im Kampf geblieben. Und genau das wird es auch weiterhin brauchen.“
Der Konkurrenz bleibt vor den verbleibenden fünf Saisonrennen fast nur noch das Prinzip Hoffnung. Denn sollte Larson seinen Schnitt von 2,0 auch nur annähernd halten, führt auf dem Weg zum Cup-Titel kein Weg an der Startnummer 5 vorbei.
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.







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