IndyCar-Hintergründe: Wie Mick Schumacher zu RLL kam und warum er blieb

IndyCar-Hintergründe: Wie Mick Schumacher zu RLL kam und warum er blieb
Foto: Penske Entertainment: Chris Jones

Bei Mick Schumachers Wechsel in die IndyCar liefen viele Wege in dieselbe Richtung und trafen sich in einem Punkt – So machten Manager Dirk Müller, Team-Boss Jay Frye und eine radikale Umstrukturierung den Deal für 2026 möglich

Mick Schumachers Kapitel in der Langstrecken-WM (WEC) lässt sich am besten als Übergang beschreiben. In zwei Jahren und 16 Einsätzen bewies der Deutsche am Steuer der Alpine A424 primär Konstanz. Trotz Höhepunkten wie den Podien in Fuji, Imola oder Spa fehlte dem Paket oft die letzte Performance, um ganz vorn in der Meisterschaft anzugreifen.

In diesem Zeitraum wuchs in Schumacher eine Erkenntnis, die weniger mit Rundenzeiten als mit Emotionen zu tun hatte. Bei Motorsport-Magazin ließ er tief blicken: „Wenn man das Beste, das es gibt, schon mal fahren durfte und dann zurückgeht auf etwas, das nicht ganz so schnell ist und nicht ganz so viel Downforce hat, ist natürlich nicht so viel Spaß involviert wie davor.“

Seine Analyse war weniger eine Kritik an der Serie als der Ausdruck eines Bedürfnisses: „Im Grunde geht es mir darum, dass ich Spaß an dem haben möchte, was ich tue. Ich möchte Spaß am Rennsport haben und dafür herausfinden, wo ich mich am meisten zu Hause fühle. Damit will ich nicht sagen, dass Europa, die WEC oder eine dieser anderen Meisterschaften das nicht bieten. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich schon immer Formel-Autos fahren wollte.“ Erklärte Schumacher seine Situation gegenüber David Land.

Es war genau diese Sehnsucht nach dem Fahrgefühl eines echten Monopostos, die ihn schließlich zu Rahal Letterman Lanigan Racing (RLL) führte. Was nach einem erfolgreichen Test in Indianapolis heute wie ein logischer Schritt aussieht, war hinter den Kulissen ein komplexes Puzzle, bei dem viele Stränge zusammenliefen.

Instabilität bei RLL

RLL befand sich sowohl sportlich als auch strukturell in einer instabilen Lage. Vor allem im oberen Management kam es zu zahlreichen personellen Wechseln.

Nach der Saison 2022 gab Piers Phillips seinen Posten als Teampräsident auf. Seine Führungsrolle übernahm Steve Eriksen, der Erfahrung von Honda Racing mitbrachte. Nach einer vergleichsweise kurzen Amtszeit trat er jedoch 2025 zurück. Auch der technische Direktor Stefano Sordo, der bereits Erfahrung im McLaren-F1-Team gesammelt hatte, verließ die Mannschaft, nachdem es 2023 massive Probleme gab, sich für das Indy 500 zu qualifizieren.

Auch sportlich lief es bei RLL alles andere als rund: Der letzte Sieg liegt inzwischen mehr als zwei Jahre zurück. Christian Lundgaard, der immer wieder für Lichtblicke gesorgt hatte, verließ das Team nach der Saison 2024: Der Däne, den die Mannschaft über die vergangenen Saisons hinweg aufgebaut und aus der Formel 2 in den US-Sport geführt hatte, galt als Hoffnungsträger. Doch die fehlende Konstanz bewog ihn, zu McLaren zu wechseln.

Foto: Penske Entertainment: James Black

„Wenn Dinge funktionieren, ändert man sie natürlich nicht. Aber es war Zeit für eine Veränderung“, begründete Lundgaard seinen Ausstieg. „Das Indy 500 war für mich ein entscheidender Punkt.“

Für den 24-Jährigen war das Maß voll, nachdem er sich erneut im hinteren Feld wiederfand. Gegenüber dem IndyStar wurde er deutlich: „Drei Jahre in Folge an der Schwelle zum ‚Last Chance Qualifier‘ zu stehen, ist etwas, woran ich nicht wirklich teilhaben möchte. Ich will die Erfahrung machen, um den Sieg zu kämpfen, anstatt nur zu versuchen, zu überleben.“

Gegenüber Motorsport Week führte er weiter aus: „Ich habe mich oft gefragt, ob es an meiner Leistung mangelt, am Team oder an der Kombination aus beidem. Und ehrlich gesagt, denke ich, es ist eine Kombination.“ 

Hoffnungsträger Jay Frye

Foto: Penske Entertainment: Joe Skibinski

Um der Situation, bestehend aus fehlenden Siegen, einem Personalkarussell und dem Verlust von Talenten, entgegenzuwirken, wurden im Hintergrund Gegenmaßnahmen eingeleitet. So wurde kurz nach Beginn der Saison im April 2025 Jay Frye als neuer Chef der Organisation eingestellt. Er hatte zuvor zehn Jahre lang die IndyCar als Präsident geprägt. Durch den frühen Einstellungszeitpunkt konnte Frye sich voll auf die nächsten Schritte für 2026 fokussieren, da die Verträge für 2025 bereits unterzeichnet waren.

Was den ehemaligen NASCAR-Manager (u. a. Red Bull) besonders auszeichnet, ist seine Teamplayer-Mentalität. Er vertritt eine klare Einstellung: „Make shit happen, get shit done.“ (Sinngemäß: Einfach anpacken und abliefern!)

Teilinhaber Rahal zeigt sich von dieser neuen Dynamik begeistert: „‚Make shit happen, get shit done‘ – das ist kein Spruch, das ist eine Philosophie. Er sitzt nicht herum, er ist proaktiv und wartet auf niemanden. Er weiß, was zu tun ist, und setzt es um. Diese Energie und Führung haben wir dringend gebraucht. Für mich gibt es keinen Zweifel: Jay Frye ist ein verdammt guter Anführer.“

Aus Fryes Einstellung entstand auch die Idee, das dritte Cockpit von RLL radikal umzuwandeln. Bislang diente die Startnummer eher dazu, Einkommen zu generieren und Pay-Drivern Platz zu bieten – was der Organisation jedoch die sportliche Wettbewerbsfähigkeit raubte. Nun sollte es wieder mit einem echten Profi besetzt werden.

Bindeglied Dirk Müller

Foto: BMW Motorsport

Den benötigten Profi lieferte Dirk Müller, der seit 2025 als Manager für den Sohn von Michael Schumacher agiert.

„Wir haben uns im vergangenen Jahr zusammengesetzt und besprochen, ob wir zusammen zu den Rennen reisen wollen. Jetzt hat es zeitlich sehr gut gepasst. 2024 wäre ich durch mein US-Engagement in der IMSA-Serie noch so sehr eingespannt gewesen, dass eine derartige Zusammenarbeit mit ihm nicht möglich gewesen wäre“, erklärt Müller.

Der ALMS-Meister kennt Mick von Kindesbeinen an und bringt zusätzlich wertvolle Erfahrung und ein Netzwerk für dessen Karriere im US-Motorsport mit – nicht zuletzt, weil er 2011 selbst einen Titel mit RLL gewonnen hat.

Dank seiner Vernetzung in Nordamerika konnte der Deutsche den entscheidenden Kontakt herstellen, wie Rahal bestätigt: „Mein Freund Dirk Müller, der Jahre für uns gefahren ist, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir Mick kennengelernt haben.“

Während Müller auch mit anderen Teams über Tests sprach, war Frye der Einzige, der handelte, anstatt zuerst zu fragen, wie viel Geld Schumacher zur Verfügung hat.

Gastgeber RLL

Foto: Penske Entertainment: Joe Skibinski

Die Motivation für den Test in Indianapolis war zunächst simpel: das Auto kennenlernen. Doch schnell zeigte sich, dass die Chemie zwischen Mick und RLL stimmte. Schon beim Seatfitting wurde klar: Hier liegt Potenzial für Synergien. Frye nahm sich als Präsident Zeit, begrüßte ihn offen und erklärte seiner Mutter, Corinna Schumacher, alle Details.

Der ehemalige Formel-1-Pilot zeigte sich nach dem Test auf dem Rundkurs des Indianapolis Motor Speedway überzeugt: „Letztlich haben mich die Leidenschaft und die Begeisterung der Menschen für den reinen Rennsport bewegt. Das hat mir gezeigt, dass ich mir vorstellen kann, in diesem Umfeld zu arbeiten. Es war eine sehr gute Erfahrung, die ich gerne wiederholen möchte.“

Auch Rahal war voll des Lobes: „Alle waren so beeindruckt von ihm, besonders von seiner Persönlichkeit und seiner Bescheidenheit. Mit der Art, wie er arbeitet, hat er bei den Leuten in unserer Organisation wirklich gepunktet.“ 

Vision 2026

Foto: Penske Entertainment: Joe Skibinski

Wenige Wochen nach dem Test wurde die Zusammenarbeit offiziell. Frye skizzierte bereits in der zugehörigen Pressekonferenz den Fahrplan. Dieser besteht aus einem intensiven Testprogramm, um Mick fit für alle Streckentypen zu machen. Geplant sind voraussichtlich vier Oval-Tests, zwei auf permanenten Rennstrecken und ein Einsatz auf einem Stadtkurs.

Technisch wird er unter anderem von Heath Kosik, dem Crew Chief der Nummer 47, betreut und eng mit Ingenieur Gavin Ward zusammenarbeiten. Ward ist kein Unbekannter: Der Kanadier arbeitete über neun Jahre bei Red Bull Racing in der Formel 1 (u. a. an der Seite von Vettel und Ricciardo), bevor er 2022 in die IndyCar wechselte. 

Mit dem Schritt in die IndyCar geht der 26-Jährige nun ein Risiko ein. Er setzt sich nicht in ein gemachtes Nest, sondern wird Teil einer massiven Umstrukturierung, die von Fryes „Get shit done“-Mentalität angetrieben wird. 

Genau hier liegt die Chance: Nach einer durchwachsenen WEC-Karriere und dem verpassten Comeback in der Formel 1 bietet die US-Serie die Möglichkeit, sich neu zu beweisen, maßgeblich an einem Neuaufbau mitzuwirken und wieder Spaß in einem Formelauto zu haben. Dass dies funktionieren kann, hat Lundgaard gezeigt, der 2022 direkt aus der Formel 2 kam und in seiner Rookie-Saison zahlreiche Top-10-Ergebnisse mit RLL feierte.

Micks Entscheidung für die Mannschaft aus Zionsville ist auch eine Entscheidung für die Kultur des Teams: „Ich glaube, man kann nur gemeinsam das ganz obere Treppchen erreichen. Diese Kultur habe ich sehr, sehr stark bei RLL erlebt.“ So treffen sich Micks Ambitionen und RLLs Aufbruchsstimmung an einem Punkt, um gemeinsam den Weg in die Saison 2026 zu gehen.

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Eriks Begeisterung für den Motorsport entfaltete sich frühzeitig, als er gemeinsam mit seinem Vater den Sachsenring besuchte. Das dort stattfindende ADAC GT Masters war ein prägendes Erlebnis für ihn. 2017 entdeckte er durch Zufall NASCAR im Fernsehen und schaute gemeinsam mit seinem Vater, einem großen Fan, die Rennen. Schon als Simracer kommentierte er virtuelle Ligen für Abgefahren Community und Virtual Racing. So kam er in Kontakt mit der Welt der Kommentatoren. Im Laufe seines Lebens besuchte er zahlreiche Live-Events. Sein Interesse gilt nicht nur den Rennen selbst, sondern auch dem Geschehen im Fahrerlager. Um seine Leidenschaft weiter auszubauen, entschied er sich, bei Leadlap.de als Hobbyredakteur und Podcaster seine nächsten Schritte in der Medienwelt zu machen.

Erik Resch

Eriks Begeisterung für den Motorsport entfaltete sich frühzeitig, als er gemeinsam mit seinem Vater den Sachsenring besuchte. Das dort stattfindende ADAC GT Masters war ein prägendes Erlebnis für ihn. 2017 entdeckte er durch Zufall NASCAR im Fernsehen und schaute gemeinsam mit seinem Vater, einem großen Fan, die Rennen. Schon als Simracer kommentierte er virtuelle Ligen für Abgefahren Community und Virtual Racing. So kam er in Kontakt mit der Welt der Kommentatoren. Im Laufe seines Lebens besuchte er zahlreiche Live-Events. Sein Interesse gilt nicht nur den Rennen selbst, sondern auch dem Geschehen im Fahrerlager. Um seine Leidenschaft weiter auszubauen, entschied er sich, bei Leadlap.de als Hobbyredakteur und Podcaster seine nächsten Schritte in der Medienwelt zu machen.
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