Defekt-Drama in Las Vegas: Warum Christopher Bell im Titelkampf noch lange nicht aufgibt
Ein Defekt an der Servolenkung kostete Christopher Bell in Las Vegas wertvolle Meisterschaftszähler – Doch trotz schmerzender Hände und 55 Punkten Rückstand schreibt der Joe-Gibbs-Pilot den Titelkampf keineswegs ab
Christopher Bell hat am Sonntag auf dem Las Vegas Motor Speedway einen herben Rückschlag im Meisterschaftskampf erlitten, als ihn der Ausfall der Servolenkung an seinem Joe-Gibbs-Toyota weit zurückwarf. Trotz eines zermürbenden Rennens rettete sich der 29-Jährige auf Rang 23 ins Ziel und begrenzte dank starker Stage-Ergebnisse den Schaden auf Tabellenführer Kyle Larson auf 55 Punkte Rückstand. Für Bell steht fest: Die Jagd nach dem Titel ist trotz des Punktedefizits keineswegs vorbei, erfordert in den verbleibenden fünf Wochen jedoch eine kompromisslose Siegesserie.
Die physische Belastung im 1,5-Meilen-Oval von Nevada hinterließ bei Bell deutliche Spuren. Ohne Servounterstützung musste der NASCAR-Star das schwere Cup-Auto über die zweite Rennhälfte mit purer Muskelkraft durch die Kurven prügeln.
„Ich habe definitiv etwas Zeit gebraucht, um mich davon zu erholen“, erklärt Bell mit Blick auf die Tortur im Cockpit. „Am Montag taten mir vor allem die Schultern weh. Meine Schultern und meine Hände schmerzten extrem, weil ich das Lenkrad viel fester greifen musste als gewohnt – ganz zu schweigen von dem Kraftaufwand, den es brauchte, um das Auto durch die Kurven zu drücken.“

Dass ausgerechnet ein Materialfehler eine Spitzenplatzierung zunichtemachte, traf die Startnummer 20 ins Mark. Zuvor lag Bell glänzend im Rennen und sammelte mit den Rängen zwei und drei in den beiden ersten Rennabschnitten wichtige Bonuspunkte.
„Es war verdammt niederschmetternd, dass uns eine solche Chance auf diese Weise genommen wurde“, hadert der Gibbs-Pilot. „Es war schlichtweg ein Teileschaden, an dem niemand die Schuld trägt. Es war ein Bauteil, das getestet worden war und mit dem in der Vergangenheit wohl noch nie jemand ein Problem hatte. Ich weiß gar nicht, was ich sonst dazu sagen soll.“
Erschwerend kam hinzu, dass Bell erst vor wenigen Monaten eine Verletzung auskurieren musste. Bei einem schweren Einschlag im Juni auf dem Michigan International Speedway hatte er sich das Handgelenk gebrochen.
„Zum Glück ist mein Handgelenk seitdem sehr gut verheilt, sodass es nicht der limitierende Faktor war“, zeigt sich Bell erleichtert. „Aber wie gesagt: Meine Hände schmerzten furchtbar vom Festkrallen am Lenkrad. Meine Arme waren völlig ermüdet von dem Versuch, so viel wie möglich einzulenken – auch wenn ich gar nicht viel Lenkwinkel zusammenbekam.“
Um den Boliden überhaupt auf der Bahn zu halten, musste Bell tief in die fahrerische Trickkiste greifen und sich auf die Fahrwerksgeometrie verlassen. Das Setup hielt den havarierten Boliden im Spiel. „Es ging am Ende nur noch darum, den Radsturz, den Nachlauf und die Abstimmung des Autos zu nutzen, um die Kurve überhaupt zu kriegen“, verriet Bell. „Glücklicherweise hatten wir ein großartiges Setup.“
Trotz der Schadensbegrenzung kostete das Problem den JGR-Piloten wohl 15 Meisterschaftspunkte. Hätte die Technik gehalten, läge Bell nur etwa 40 Zähler hinter Leader Larson und gleichauf mit Teamkollege Denny Hamlin – eine deutlich komfortablere Ausgangslage für die verbleibenden Stationen.

Durch die veränderten Vorzeichen wähnt sich Bell in einer Lage, die an frühere Ausscheidungsrunden erinnert. Die reine Punktemathematik tritt für ihn in den Hintergrund, denn aufholen lässt sich der Rückstand aus eigener Kraft fast nur noch über Besuche in der Victory-Lane.
„Abgesehen von Rennsiegen glaube ich kaum, dass man einen Rückstand von 50 Punkten ohne den Siegerbonus aufholen kann, der jetzt angewendet wird“, rechnet Bell vor. „Es fühlt sich für mich ein wenig mehr wie das alte Playoff-Format an, bei dem ich Siege einfahren muss, um Champion zu werden – schlichtweg, um diesen Siegbonus gegenüber der Konkurrenz auszunutzen.“
Dass Larson nach fünf Läufen an der Spitze thront, liegt exakt an dieser Systematik: Der Hendrick-Star sackte zwei Siege ein und baute damit ein sattes Polster auf, was selbst Bell überraschte. Larson war lediglich als Siebtplatzierter in die Endrunde gestartet.
„Ich glaube, es läuft alles auf diesen Siegbonus hinaus, und niemand wusste so recht, welch gewaltigen Einfluss dieser Bonus über die reguläre Saison hinweg haben würde“, analysierte Bell. „Und dann eben noch einmal im Chase, wo zu Beginn des Jahres jeder sagte, man müsse unter den besten vier bis sechs der Tabelle stehen, um überhaupt eine Chance zu haben.“
Durch die Wucht der Bonuszähler sieht Bell frühere Hochrechnungen für die Zehn-Rennen-Phase über den Haufen geworfen. Konstanz allein reicht gegen mehrfache Saisonsieger schlicht nicht mehr aus.
„Er hat sich die Führung ziemlich früh geholt, einfach weil er in der Lage war, Rennen zu gewinnen“, zollte Bell dem Rivalen Respekt. „Dieser Bonus ist eine verdammt große Sache. Wenn man das für sich nutzen kann, macht man enorm viel Boden gut. Genau deshalb ist diese Punktebilanz so verzerrt – und warum mein Gedanke hinfällig ist, dass man mit 400 Punkten aus den zehn Rennen garantiert Champion wird. Danach sieht es aktuell nicht aus.“
Die Konsequenz für die kommenden Wochen ist simpel: Rechnen verboten, Vollgas Pflicht. Joe Gibbs Racing hat in der Vergangenheit bewiesen, dass der Rennstall Siegesserien abliefern kann – Anfang der vergangenen Saison triumphierte Bell dreimal hintereinander.
„An diesem Punkt gehe ich da raus und fahre einfach Rennen“, stellt Bell klar. „Ich weiß genau, dass es Siege braucht, um die Lücke zu schließen. Wir waren nach Darlington in der Position, ein paar davon zu holen, aber es hat noch nicht geklappt. Jetzt müssen wir einfach angreifen. Ich bin dankbar dafür, dass ich immer noch eine Chance habe. Ich bin weiterhin im Titelrennen, und wir haben fantastische Möglichkeiten vor uns – abschreiben würde ich mich jedenfalls noch lange nicht.“
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.







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