Fotofinish-Krimi in Charlotte: Chase Briscoe schlägt Teamkollegen um 0,029 Sekunden
Ein teaminternes Duell auf Messers Schneide riss die Fans auf dem Charlotte Motor Speedway von den Sitzen – Chase Briscoe setzte sich im zweitengsten Finish der Streckengeschichte hauchdünn gegen seinen Teamkollegen Christopher Bell durch
Chase Briscoe hat am Sonntag auf dem Charlotte Motor Speedway das Bank of America 400 gewonnen und sich im bisher engsten Zieleinlauf der NASCAR-Cup-Saison 2026 durchgesetzt. Der Joe-Gibbs-Racing-Pilot verwies seinen Teamkollegen Christopher Bell nach einem kleinen Kontakt im Tri-Oval mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,029 Sekunden auf den zweiten Rang. Durch seinen zweiten Chase-Erfolg in Serie kletterte Briscoe auf den vierten Tabellenplatz der Meisterschaft, während Spitzenreiter Kyle Larson trotz eines sechsten Platzes seine Führung im Titelrennen ausbaute.
Das Duell der beiden Gibbs-Toyotas gipfelte auf den letzten Metern in ein echtes Fotofinish, das zugleich der zweitengste Zieleinlauf in der gesamten Historie des Charlotte Motor Speedway markierte. Briscoe geriet in den Schlussrunden massiv unter Druck, weil sein Auto nicht mehr sauber einlenkte und er den Überrundungsverkehr vor sich herschob. Mit letzter Kraft hielt er seinen Toyota mit der Startnummer 19 vor Bell und überquerte die Linie praktisch Stoßstange an Stoßstange.
„Ich weiß gar nicht, woran es liegt, dass es immer so knapp ausgehen muss“, schnaufte Briscoe nach dem Nervenkrimi erleichtert. „Ich muss echt aufhören, es am Ende jedes Mal so spannend zu machen. Das Auto war fantastisch, und es ist genial, unseren Sponsor Free Bird in die Victory Lane gebracht zu haben.“
Briscoe verwies zudem auf seinen persönlichen Helden Tony Stewart, der 2011 mit einer sensationellen Chase-Siegesserie den Cup-Titel errungen hatte. „Was für einen unglaublichen Lauf wir gerade hinlegen – es hätten eigentlich drei Siege in Serie sein müssen“, betonte der Sieger. „Diese Boxencrew liefert Unglaubliches ab. Mein Idol ist Tony Stewart, der damals einen unvergesslichen Lauf hingelegt hat, und hoffentlich gelingt uns jetzt genau dasselbe.“
Den Grundstein für den Erfolg legte die Mannschaft bei der Gelbphase in Runde 205, die durch einen Dreher von Gray Gaulding ausgelöst worden war. Briscoes Crew fertigte den Boliden blitzschnell ab und bugsierte ihn für den Restart in Runde 211 an die Spitze. Danach kontrollierte Briscoe das Geschehen und führte 61 seiner insgesamt 62 Führungsrunden auf dem finalen Stint an.

„Die Jungs an den Schlagschraubern waren der absolute Schlüssel“, lobte Briscoe seine Mannschaft ausdrücklich. „Wenn ich in die Boxengasse abbiege und genau weiß, dass ich Plätze gutmacht – oder die Führung behalte, wenn ich vorne liege –, macht das den Job als Rennfahrer so viel einfacher.“
In der Schlussphase wurde es für den Führenden dennoch brandgefährlich, als das Handling abrupt einbrach. „Als ich fünf, sechs Runden vor Schluss auf die letzte Gruppe überrundeter Autos aufgelaufen bin, hatte ich permanent das Gefühl, jeden Moment in die Mauer einzuschlagen“, schilderte Briscoe die bangen Momente im Cockpit. „Der Wagen wollte einfach überhaupt nicht mehr einlenken.“
Auf der anderen Seite der Gibbs-Box herrschte sichtliche Ernüchterung. Bell hatte zuvor in Runde 173 mit einem spektakulären Three-Wide-Manöver die Spitze erobert und insgesamt 93 Führungsrunden verbucht, stand am Ende jedoch mit leeren Händen da. Der zweite Platz brachte ihm in der Meisterschaft nur vier Zähler gegenüber Larson ein.
„Ich bin viel dichter herangekommen, als ich vorab für möglich gehalten hätte“, gab Bell nach dem Rennen zu Protokoll. „Es hat mich überrascht, wie stark Chase am Ende abgebaut hat. Es war eigentlich ein großartiger Tag, aber es war ein großartiger Tag, der uns unterm Strich kaum etwas eingebracht hat.“
Für Tabellenführer Larson endete zwar seine Serie von fünf aufeinanderfolgenden Top-5-Ergebnissen, doch er betrieb mit Platz sechs erfolgreiche Schadensbegrenzung. Der Hendrick-Pilot startete von der Pole-Position, gewann das erste Segment und führte das Feld über 97 Runden an. Auf dem letzten Stint baute seine Hinterachse jedoch drastisch ab, wodurch er von Rang vier auf sechs durchgereicht wurde.
„Ich war auf diesem letzten Stint nicht in der Position der Stärke“, räumte Larson offen ein. „Ich habe mich nur noch festgekrallt. Eigentlich dachte ich, ich könnte mir diesen Stint gut einteilen, denn die beiden da vorne pushten extrem hart, während Denny Hamlin sich einrichtete – also nahm ich auch Tempo raus, um die Reifen am Leben zu halten.“
Der Plan ging jedoch nicht wie erhofft auf, wie Larson detailliert ausführte: „Das Auto wurde einfach extrem fragil. Vielleicht hat das Zurücknehmen des Tempos die Balance zu weit nach hinten verschoben, wodurch ich die Hinterreifen überstrapaziert habe. Die letzten 15 bis 18 Runden habe ich nur noch ums Überleben gekämpft. Ich bin froh, mit Rang sechs die Führung ausgebaut zu haben, aber ein paar Jungs haben den Rückstand eben doch verkürzt.“
Hinter dem Spitzenduo sicherte sich Ryan Blaney den dritten Rang, gefolgt von Josh Berry auf Rang vier. Hamlin rettete trotz einer Strafe wegen eines Sicherheitsverstoßes beim ersten Boxenstopp den fünften Platz ins Ziel, verlor in der Gesamtwertung jedoch an Boden auf Larson.
Für andere Chase-Kandidaten geriet der Nachmittag in North Carolina hingegen zum handfesten Albtraum. In Runde 77 verlor Alex Bowman am Ausgang von Kurve 2 die Kontrolle über seinen Boliden und riss Bubba Wallace mit in die Mauer, wobei auch William Byron unverschuldet in den Crash verwickelt und eliminiert wurde. Ty Gibbs büßte nach einem Unfall in Runde 41 durch eine gebrochene Spurstange sieben Runden an der Box ein und wurde auf Rang 34 gewertet, während Joey Logano nach einem punktelosen Segment-Rennen auf Rang neun ins Ziel rollte und in der Tabelle empfindlich abrutschte.
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.







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