Mehr Power, besseres Racing: Hat NASCAR das Shorttrack-Rätsel gelöst?
NASCAR erhöht für ausgewählte Strecken die Leistung auf 750 PS – Mehrere Fahrer zeigen sich begeistert nach dem ersten Test im Rennbetrieb
Nachdem das Shorttrack-Paket des Next Gen Cars einige Zeit im Zentrum der Kritik stand, hat NASCAR für die Saison 2026 ein Machtwort gesprochen. Seit Beginn der laufenden Saison setzt die Serie auf mehr Pferdestärken: Auf ausgewählten Strecken wie Phoenix, Darlington oder Martinsville fahren die Boliden nun mit 750 statt der bisherigen 670 PS über den Asphalt.
Diese Maßnahme sollte dem festgefahrenen Racing auf den Short-Tracks und Einmeilern entgegenwirken, und die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Rechnung aufgeht.
Euphorie im Fahrerlager
Christopher Bell, der beim Rennen in Arizona ausgiebig Führungsluft schnupperte, zieht ein begeistertes Fazit: „Phoenix war für mich ein Unterschied wie Tag und Nacht im Vergleich zu dem, was wir dort seit Einführung des Next-Gen-Cars erlebt haben. Bisher war Überholen extrem mühsam, aber diesmal hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass man sich mit einem überlegenen Auto wirklich durch das Feld nach vorne arbeiten kann.“

Bell ergänzt sichtlich zufrieden: „Es hat einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht. Für uns Fahrer ist es befriedigend, wenn man nicht mehr feststeckt, sondern aktiv Plätze gutmachen kann.“
Auch Brad Keselowski zeigt sich zufrieden mit der neuen Dynamik: „Ich kann mich den positiven Stimmen nur anschließen. Ich bin angenehm überrascht, wie stark die PS-Änderung das Fahrverhalten beeinflusst hat“, so der Routinier.
Zwar sei Phoenix nur eine erste Momentaufnahme, doch Keselowski blickt gespannt voraus: „In Richmond und Martinsville wird man den Unterschied erst so richtig spüren. Dort wird die zusätzliche Leistung ein echter Gamechanger sein.“
Die 750 PS sind nicht für jedes Wochenende vorgesehen, sondern gezielt für Strecken unter 1,5 Meilen Länge sowie die drei noch anstehenden Rundkurs-Rennen der Saison geplant. Insgesamt acht weitere Oval-Rennen (nach Darlington, Martinsville und Bristol) werden in den Genuss der Leistungssteigerung kommen.

Joey Logano hält die Richtung ebenfalls für goldrichtig, auch wenn er nach mehr verlangt: „Man merkt es definitiv. Es ist kein gigantischer Sprung, und natürlich wollen wir immer noch mehr. Ich glaube nicht, dass jemals ein Rennfahrer gesagt hat: ‚Ich habe zu viel PS.‘ Wer das behauptet, sollte seine Einstellung hinterfragen. Es gibt niemals genug Leistung. Aber strategisch gesehen ist das absolut der richtige Weg.“
Josh Berry, der im vergangenen Jahr in Las Vegas triumphierte, sieht die Entwicklung ebenfalls positiv: „Das ist definitiv der richtige Pfad. Wir alle haben das Plus an Leistung deutlicher gespürt, als wir es im Vorfeld erwartet hätten.“

Hohe Erwartungen
Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung für die kommenden Wochen. Besonders gespannt ist Bell auf die „Lady in Black“, wie Darlington auch genannt wird. „So brenzlig wie Phoenix auch vereinzelt war, ich glaube, dass Darlington eine gänzlich neue Erfahrung werden wird. Es wird ganz anders sein als das, was wir in den vergangenen Jahren mit dem Next-Gen-Auto dort gesehen haben. Ich freue mich extrem darauf.“
Trotz der Euphorie blickt Berry auch kritisch auf das Limit des Machbaren. Während Bell betont, dass es nach oben „kaum Grenzen“ gebe, um den Sport dorthin zu bringen, wo er sein muss, mahnt der Wood-Brothers-Pilot zur Verhältnismäßigkeit.
„Alle Zeichen stehen gut. Es wird spannend zu sehen, wie die zusätzliche Leistung mit dem neuen Aerodynamik-Paket harmoniert. Wir kommen der Sache näher, und etwas mehr Leistung wäre wohl noch drin – aber ich glaube auch, dass es einen Punkt gibt, an dem zu viel PS die Qualität der Rennen eher wieder verschlechtern könnten.“
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob NASCAR mit den 750 PS schon den „Sweetspot“ getroffen hat. Eines ist jedoch sicher: Die Fahrer haben Freude an dem gefunden, was jedem Motorsport-Enthusiasten ein Lächeln ins Gesicht zaubert – mehr Leistung.
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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