Kyle Larson: Wie er zum NASCAR-Titelfavoriten 2026 wurde
Kyle Larson geht als klarer Titelfavorit ins NASCAR-Finale 2026 in Homestead-Miami – Wie der Hendrick-Pilot und Crew Chief Cliff Daniels die Nummer 5 auf Titelkurs brachten und warum der große Vorsprung den Druck nicht verschwinden lässt
Es ist der Matchball für Kyle Larson. Wenn der Hendrick-Pilot unter den Palmen von Miami an den Start geht, steht er vor seinem dritten Titel. Den Druck spürt er hauptsächlich vor dem Rennen. Sobald er in seinem Wagen mit der Startnummer 5 sitzt und sich auf seine Linie ganz nah an der türkisfarbenen Mauer konzentriert, ist dieser Druck laut ihm Geschichte.
So einfach seine Herangehensweise auch klingen mag: Sein Weg in die Favoritenrolle war es nicht. Noch vor dem Chase hoffte Larson zwar auf den Titel. Das Selbstvertrauen dafür fehlte ihm jedoch.

Darlington als Wendepunkt: Larson gewinnt sein Vertrauen zurück
Auch der Blick auf seine Siegbilanz lieferte wenig Anlass für Zuversicht. Vor dem Eröffnungsrennen des Chases in Darlington hatte Larson keinen einzigen Erfolg 2026 landen können. Erst mit seiner Fahrt in die Victory Lane auf dem World Wide Technology Raceway durchbrach der zweimalige Cup-Champion eine Durststrecke von 51 Cup-Rennen und rund 16 Monaten.
Der Sieg beendete die Durststrecke. Den Wendepunkt seines Selbstvertrauens verortet Larson jedoch bereits eine Woche zuvor in Darlington. Obwohl er dort als Fünfter ins Ziel kam, hatte die Mannschaft aus seiner Sicht ihre Möglichkeiten ausgeschöpft und wieder konsequent in Richtung Sieg gesteuert. „Das war das erste Mal seit einer Ewigkeit, dass es sich wieder wie das Team mit der Nummer 5 angefühlt hat“, erklärte er beim Pressetag vor dem Finale.

Auf Darlington folgte der Sieg in Gateway. Für Larson bestätigte sich damit der Eindruck, dass seine Mannschaft wieder zu ihrer gewohnten Stärke gefunden hatte. Der Aufschwung hielt an: Auf einen zweiten Platz in Bristol folgten ein weiterer Sieg in Kansas und Rang zwei in Las Vegas. Zur Chase-Halbzeit lag seine durchschnittliche Zielposition bei 2,2. In keinem der ersten fünf Rennen war er schlechter als Fünfter geworden.
„Unser Selbstvertrauen wuchs dadurch extrem schnell, auch wenn man in der Next-Gen-Ära oft direkt wieder durch ein schwaches Rennen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Diesmal konnten wir das Momentum jedoch über den gesamten Chase hinweg ausbauen“, erklärte Larson.
Mehr Cup-Fokus: Larson setzt neue Prioritäten
Warum die Startnummer 5 dieses Mal ihren Aufschwung so lange aufrechterhalten konnte, lässt sich nicht an einer einzigen Änderung festmachen. Larsons Aussagen zeigen jedoch, wie mehrere Entwicklungen zusammenkamen: seine stärkere Konzentration auf die Cup-Serie, Cliff Daniels’ gewachsene Führungsrolle und der zusätzliche Antrieb durch die Diskussionen um den Titelgewinn im Vorjahr.
„Ich habe das Gefühl, dass ich mehr Zeit und Aufwand in die Sonntage investiere. Das mache ich schon seit Ende vergangenen Jahres und während dieser ganzen Saison, ohne zunächst die Ergebnisse zu sehen, die wir uns gewünscht hatten”, erklärte der Vorjahresmeister. Dabei wies er vor allem darauf hin, seine kostbare Zeit neu eingeteilt zu haben.
„Ich habe mehr Zeit, die ich der Cup Series widmen kann. Das liegt an verschiedenen Entscheidungen in meinem Leben: etwas weniger Sprintcar-Rennen, ein teures Flugzeug – was verrückt klingt –, aber vor allem daran, dass ich öfter zu Hause sein kann. Darauf habe ich mehr Wert gelegt. Ich glaube wirklich, dass ich mich dadurch ausgeglichener fühle und diese Zeit zugleich Hendrick Motorsports und dem Team mit der Nummer 5 widmen kann.“

Cliff Daniels: Gleicher Anspruch, anderer Führungsstil
Auch bei Crew Chief Cliff Daniels hatte sich über die Jahre etwas verändert. Nicht der Anspruch war geringer geworden, sondern die Art, ihn gegenüber der Mannschaft durchzusetzen. Larson blickte dabei auf den Titelgewinn 2021 zurück. Dieser Erfolg hatte aus seiner Sicht möglicherweise unrealistische Erwartungen für die folgende Saison geweckt. 2022 sei Daniels dann übermäßig intensiv aufgetreten.
„Er war in diesem Jahr unglaublich intensiv – meiner Meinung nach übermäßig intensiv. Nicht nur mir gegenüber, sondern gegenüber allen. Ich glaube, mit der Zeit hat er erkannt, dass er so nicht führen wollte. Es war nicht so, dass er schlecht geführt hätte. Es war einfach eine völlig andere Art der Führung als heute“, erklärte Larson.
Die Veränderung lag damit weniger im sportlichen Anspruch als im Umgang mit den Menschen. Larson beschreibt keinen Crew-Chief, der sich inzwischen mit weniger zufriedengibt. Er beschreibt einen, der gelernt hat, seine Mannschaft auf andere Weise zu erreichen.

„Ich erinnere mich daran, dass er oft wütend wurde. Heute sehe ich ihn eigentlich kaum noch wütend werden. Ich glaube, er hat 2022 und 2023 gelernt, Menschen auf eine andere Art zu motivieren und sie auf dem richtigen Weg zu halten.“
Für Larson entsteht daraus Verbindlichkeit. Daniels verlangt Einsatz nicht nur von seiner Mannschaft, sondern lebt ihn selbst vor. Dass der Crew Chief dabei auch die eigene Führung hinterfragt, verstärkt beim Fahrer den Wunsch, seinen Teil zum Erfolg beizutragen: „Wenn man sieht, wie hart er arbeitet – nicht nur am Rennwagen, sondern auch an sich selbst als Führungskraft –, motiviert einen das sehr, ihn nicht zu enttäuschen.“
Kritik am Vorjahrestitel als zusätzlicher Antrieb
Zur veränderten Vorbereitung und der gewachsenen Zusammenarbeit kam ein weiterer Antrieb: die Reaktionen auf Larsons zweiten Titelgewinn 2025. Dass die Berechtigung dieser Meisterschaft öffentlich infrage gestellt wurde, ging nach seiner Darstellung nicht spurlos an der Mannschaft vorbei.
„Den Titel im vergangenen Jahr auf diese Weise zu gewinnen und dann zu hören und zu sehen, wie er als nicht legitim bezeichnet wurde – ich glaube, das hat uns alle sehr angespornt.“
Die Kritik allein erklärt allerdings noch keine besseren Rennleistungen. Larson unterscheidet selbst zwischen diesem zusätzlichen Antrieb und seiner täglichen Vorbereitung. Der Wunsch, es erneut zu beweisen, war vorhanden. Er bestimmte aber nicht jede Trainingseinheit und jede Entscheidung.

„Es war nicht so, dass ich jeden Tag daran gedacht hätte: Ich gehe jetzt ins Fitnessstudio, weil der Titel im vergangenen Jahr nicht legitim gewesen sein soll. Es war eher so: Wir gehen in ein neues Format, und ich möchte, dass es diesmal anders läuft.“
Die Diskussionen um den Vorjahrestitel ersetzten die Arbeit also nicht. Sie verstärkten die Motivation einer Mannschaft, deren Fahrer seine Vorbereitung neu gewichtet hatte und deren Crew-Chief über Jahre in seine Führungsrolle hineingewachsen war. Als im Chase die Ergebnisse kamen, traf der sportliche Aufschwung damit auf eine länger vorbereitete Grundlage.
NASCAR-Finale in Homestead: ungewohnte Rolle für Larson
Vor Homestead hat sich die Ausgangslage gegenüber dem Chase-Auftakt grundlegend verändert. Aus Larsons Hoffnung ohne Selbstvertrauen ist eine klare Favoritenrolle geworden. Mit 67 Punkten Vorsprung auf Christopher Bell geht er ins Finale. Neun Punkte reichen unabhängig von der Konkurrenz zum dritten Titel. Ohne Stagepunkte wäre die Meisterschaft mit Platz 28 oder besser gesichert.
Wie ungewöhnlich diese Situation für ihn ist, zeigt sich bereits beim Medientag. Anders als bei seinen bisherigen Finalteilnahmen sitzt Larson nicht gemeinsam mit den anderen Titelanwärtern auf dem Podium. Der große Abstand in der Tabelle wird so schon vor der ersten Runde sichtbar.
„Das ist definitiv der ungewöhnlichste Medientag, den ich bisher erlebt habe. Früher waren wir die letzten vier, und man wusste eigentlich nur, dass man die anderen auf der Strecke schlagen musste. Jetzt spielen weiterhin die Punkte eine Rolle. Das ist anders. Und durch den Abstand bin ich hier allein, was natürlich eine großartige Sache ist. Aber ehrlich gesagt: Es ist schon ein etwas merkwürdiger Medientag für mich.“

Was sich für ihn ungewohnt anfühlt, ist zugleich das Ergebnis des starken Chase-Laufs. Larson muss im Finale nicht mehr zwingend besser abschneiden als seine Verfolger. Seine Mannschaft hat ihm den Spielraum verschafft, die Meisterschaft auch ohne ein Spitzenresultat zu entscheiden.
„Aber wir haben uns das Recht erarbeitet, dass es sich merkwürdig anfühlt. Und damit komme ich klar.“
Der Vorsprung nimmt ihm jedoch nicht jede Sorge. Er verändert vielmehr deren Gegenstand: Larson muss nicht einem großen Rückstand hinterherfahren. Er will verhindern, dass ein früher Rückschlag die über Wochen erarbeitete Position noch zunichtemacht. Gerade weil die Truppe um Larson so viel richtig gemacht hat, wiegt die Vorstellung schwer, am Ende doch noch alles zu verlieren.
„Das ist dieser Druck nach dem Motto: Mann, versau es jetzt bloß nicht.“
Der Matchball und die nächste Kurve
Die Ausgeglichenheit, von der Larson spricht, bedeutet deshalb nicht Sorgenfreiheit. Sie hilft ihm vielmehr, der Meisterschaftsfrage nicht jede Minute seiner Woche zu überlassen. Auch abseits der Strecke sucht er bewusst Aufgaben, die seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken.
„Ich hatte immer etwas, das dafür gesorgt hat, dass ich nicht ständig nur ans Rennfahren denke – ob das Golf oder Radfahren war. Im Moment ist es Laufen. Ich glaube, es ist gut, immer Dinge zu haben, die einen auf andere Gedanken bringen.“
Auch das Finale selbst will er nicht vorzeitig im Kopf entscheiden. „Ich versuche, nicht vorauszudenken. Ich möchte das Wochenende einfach wie jedes andere angehen und einen guten Job machen.“

Darin liegt kein Verzicht auf den sportlichen Anspruch. Obwohl ein Platz im hinteren Mittelfeld reichen kann, will Larson nicht nur die Meisterschaft absichern. „Ich möchte das Rennen und die Meisterschaft gewinnen.“
Zwischen diesem Ziel und seiner Verwirklichung liegt noch ein Renntag. Die Sorgen kann Larson nicht vollständig abstellen. Hinter dem Lenkrad verändert sich nach seiner Erfahrung aber, womit er sich beschäftigt: Aus der großen Frage nach dem Titel werden wieder einzelne Aufgaben, die er unmittelbar beeinflussen kann.
„Ich werde nicht so tun, als hätte ich diese guten und schlechten Gedanken während der Woche nicht. Aber sobald man den Helm aufsetzt, beschäftigt man sich damit, wie sich das Auto fährt, wie man zur nächsten Runde kommt und gute Kurven fährt.“
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.







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