Kein Platz für schwache Nerven: Wie Legge Hass in der NASCAR als Ansporn nutzt
Katherine Legge erlebte in der NASCAR Cup Series viel Gegenwind und kämpfte hart um Respekt – Die britische Rennfahrerin ließ sich von Anfeindungen aber nicht unterkriegen und fördert nun den weiblichen Nachwuchs
Seit Danica Patrick 2018 beim Daytona 500 zum letzten Mal das Fenster-Netz in einem Lauf der Cup Series geöffnet hat, ist Katherine Legge die einzige Frau, die in der jüngeren Vergangenheit an einem Event der höchsten NASCAR-Liga teilgenommen hat.
Die 46-jährige Britin, die ihre Wurzeln im Sportwagen-Bereich hat, gab 2025 ihr offizielles Debüt in der NASCAR Cup Series. Ihr erster Kontakt mit der Welt der Stockcars liegt jedoch etwas weiter zurück: Bereits 2018 ging sie in der zweiten NASCAR-Liga an den Start. Auf die Frage, in welcher Rennserie die Integration am schwierigsten war, findet Legge im Podcast Racers Unchained mit Paul Tracy klare Worte:
„NASCAR, definitiv. Zu einer Million Prozent. Im Sportwagen-Bereich war die Akzeptanz am größten – aber dort war ich eben auch richtig gut.“

Ein steiniger Weg in die Königsklasse
Für die erfahrene Pilotin war der Wechsel in die Welt der Stockcars, in der es keine Gnade gibt, ein brutaler Realitätscheck: „Als ich zur NASCAR wechselte, musste ich alles wieder von vorn lernen – und dafür ließ man mir absolut keinen Raum“, erinnert sie sich. „Ich wurde ausschließlich nach meinem ersten Rennen beurteilt, und das war’s. Man hat mich sofort abgeschrieben.“
„Ich bin aufgestiegen und wollte als Fahrerin einfach nur ernst genommen werden. Deshalb schreckte ich vor allem Femininen in jeder Art und Form zurück. Ich wollte lediglich, dass die Leute meine Fahrkünste respektieren“, beschreibt sie ihre Motivation.
Dennoch führte der Hass so weit, dass Legge teilweise um ihr Leben fürchten musste: „Da war wirklich eine Menge los. Ich hatte zeitweise einen Polizisten vor meinem Haus postiert, wegen Morddrohungen und so weiter. Die Leute sind einfach verrückt.“

Der Gegenwind führte jedoch zum Gegenteil: Anstatt sich kleinkriegen zu lassen, spornte er die Britin nur noch mehr an. „Ich habe noch nie so viel Hass erlebt wie bei meinen Anfängen in der NASCAR – und ich liebe es. Sie werden mir die Freude und die Leidenschaft, ein Stockcar zu fahren, ganz sicher nicht nehmen.“
Schon bei ihren ersten Einsätzen in der Xfinity Series sah sie sich mit mangelndem Respekt konfrontiert. „Bei meinem ersten Vorstoß in die NASCAR-Welt musste ich ordentlich einstecken – allerdings mehr von den Xfinity-Kids als von den Cup-Fahrern. Ich glaube, je weiter man nach oben kommt, desto größer wird der Respekt.“ Mit einem Lachen schiebt sie hinterher: „Ich bin dadurch definitiv härter geworden. Aber meistens waren es ohnehin die Väter der Kinder, die die eigentlichen Probleme machten.“
Zwischen Anfeindungen und unerwarteter Unterstützung
Einen ähnlichen Karriereweg wie Legge schlug AJ Allmendinger ein. Auch er startete in der Sportwagenszene und wechselte später in die NASCAR, wo er sich den Ruf als „Road Course Ringer“ erarbeitete. Obwohl die beiden eine gemeinsame Vergangenheit haben und 2018 bei den 24 Stunden von Daytona sogar dasselbe Auto fuhren, ist Legge mittlerweile tief enttäuscht über das Verhalten ihres ehemaligen Weggefährten.

„Ich bin wirklich stinksauer auf AJ. Wir waren eigentlich Kumpels. Aber seit ich in diesem Fahrerlager auftauche, benimmt er sich mir gegenüber wie ein kompletter Vollidiot, und ich habe keine Ahnung, warum.“ Dennoch betont sie, dass dies nicht für das gesamte Feld gelte: „Manche sind freundlich, andere nicht. Tatsächlich waren viele der Top-Fahrer wirklich großartig zu mir.“
Dazu zählen Schwergewichte wie Kyle Busch, Denny Hamlin oder BJ McLeod, für dessen Team sie immer wieder startete, sowie Kyle Larson.
„Kyle [Busch] – möge er in Frieden ruhen – war wirklich fantastisch und hat mir sehr geholfen. Auch Denny [Hamlin] war großartig. Kyle Larson war ebenfalls unglaublich, er hat mich bei meinem ‚Double‘ extrem unterstützt, und sein Team stand meinem ebenfalls zur Seite“, lobt Legge. „Und dann gibt es da noch BJ [McLeod], der sein eigenes Team leitet und schon unzählige Male im Stockcar saß. Er hilft mir ebenfalls sehr.“

Der Kampf mit dem Material
Legge zeigt jedoch auch Verständnis dafür, dass sie auf der Strecke oft ignoriert oder nicht als echte Bedrohung wahrgenommen wird – was in erster Linie an der Wettbewerbsfähigkeit ihres Autos liegt.
„Wir sind da draußen oft völlig auf uns allein gestellt“, erklärt sie. „Viele Fahrer sehen die Startnummer 78 und denken sich: ‚Da müssen wir schnell vorbei, denn dieses Auto ist ohnehin nur eine rollende Schikane‘ – völlig egal, wer am Steuer sitzt. Damit kämpft man natürlich. Und dann gibt es noch die anderen Fahrer im hinteren Feld, die einfach nur versuchen, das Auto respektabel ins Ziel zu bringen.“

Trotz dieser Hürden ist die Britin hungrig auf besseres Material. „Wenn mir jemand ein Cockpit in einem richtig guten Stockcar anbieten würde, würde ich ihm dafür den Arm ausreißen. Ich hätte wirklich gerne die Möglichkeit, zu zeigen, wie gut – oder schlecht – ich unter Top-Bedingungen sein könnte.“
Ihr Ziel für die Zukunft ist klar: Sie lässt sich nicht unterkriegen. „Ich möchte zurückkehren und mein Bestes geben. Das Daytona 500 will ich unbedingt fahren, und dann ist da natürlich immer noch der Reiz von Indy.“

Eine neue Generation starker Frauen
Neben ihren eigenen Ambitionen hat sich Legge zur Aufgabe gemacht, die nächste Generation von Rennfahrerinnen auszubilden, insbesondere für die Stockcar-Szene. Ein Blick auf den weiblichen Nachwuchs in den unteren Ligen zeigt durchaus Potenzial: Fahrerinnen wie Jade Avedisian, Isabella Robusto und Taylor Reimer fahren in der ARCA Series regelmäßig in der Spitzengruppe mit. Doch Legge möchte auch Talenten aus anderen Motorsport-Disziplinen den Weg ebnen.
„Ich arbeite momentan mit GM und Chevy zusammen, um herauszufinden, wer diese jungen, knallharten Fahrerinnen sind, und um sie gezielt zu fördern“, erklärt sie ihr Engagement. „Es geht um Mädchen, die sich nicht einfach in die F1 Academy abschieben lassen wollen. Sie machen keine Gefangenen. Sie sind extrem taff – ein ganz anderer Schlag Mensch. Heutzutage scheren sie sich um absolut nichts, und ich liebe das.“
Für Legge geht es um mehr als nur um den Sport. Es geht um ein Statement für die Zukunft: „Es wäre einfach fantastisch, zu sehen, wie jemand auf dem allerhöchsten Niveau der NASCAR oder IndyCar wirklich um Siege mitfährt und ein für alle Mal beweist, dass Rennsport nicht nur etwas für Jungs ist.“
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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