Das Bewerbungsschreiben von Josh Berry in New Hampshire
Trotz eines Patzers beim Boxenstopp kämpfte sich Josh Berry in New Hampshire stark zurück – Der Pilot von Wood Brothers Racing glänzte beim Rennen der NASCAR mit harten Bandagen im Kampf um seine Zukunft
An einem durchschnittlichen Rennwochenende verteilt Josh Berry wahrscheinlich unzählige Autogramme. Doch auf die aktuell wichtigste Unterschrift arbeitet der Pilot aus Tennessee erst noch hin: jenen Moment, in dem der Stift über das Papier kratzt und sein Arbeitspapier für 2027 besiegelt.
Zwar steht noch in den Sternen, ob Berry auch im kommenden Jahr in der NASCAR Cup Series fahren wird, doch seine derzeitigen Leistungen auf der Strecke sind sein wohl bestes Bewerbungsschreiben.
Beim Rennwochenende in New Hampshire stellte der 35-Jährige in der Startnummer 21 einmal mehr unter Beweis, dass er in der absoluten Spitzenklasse des Stock-Car-Sports ganz vorne mithalten kann. Am Ende sprang für ihn, trotz eines vermasselten Boxenstopps, ein starker dritter Platz heraus.
In der Schlussphase des Rennens am Sonntag gehörte Berry zur Spitzengruppe, als ein Unfall von Riley Herbst und Connor Zilisch in Runde 225 eine Gelbphase auslöste. Das Team der Nummer 21 holte Berry für vier Reifen an die Box – eine strategische Entscheidung, die ihn zwar die Track-Position gegenüber den Fahrern kostete, die nur zwei Reifen wechselten, ihn aber für den finalen Sprint ins Ziel in eine echte Angriffsposition bringen sollte.
Beim Boxenstopp passierte jedoch ein Fauxpas. Berry gab selbst zu, dass er „ein bisschen zu weit“ in seine Box gerutscht sei. Durch den langsamen Stopp und Probleme beim Wechsel des linken Vorderreifens verlor die #21 der Wood Brothers wichtige Zeit. Beim Restart fand sich Berry auf der elften Position wieder – fünf Plätze hinter Bubba Wallace, dem ersten Fahrer auf einer Vier-Reifen-Strategie.
Dieser Fehler spielte am Ende des Rennens mutmaßlich das Zünglein an der Waage. Berry hatte in der Schlussphase das schnellste Auto und startete eine Aufholjagd, die ihn bis zum Rennende auf 1,9 Sekunden an den späteren Sieger Ryan Blaney heranbrachte. Letztlich ging Berry jedoch die Zeit aus, sodass er sich mit seinem Ergebnis zufrieden geben musste.
„Wir haben früh einfach zu viel Track-Position aufgegeben“, erklärte Berry nach dem Rennen. „Ich habe hart gekämpft, um mich da wieder durchs Feld zu wühlen. Das war alles, was ich hatte … Mehr konnte ich heute einfach nicht tun.“
Dennoch war es ein enorm wichtiges Resultat. Auch wenn Berry nach seinem zweiten Platz im Jahr 2025 durchaus in Richtung Sieg schielte, ist seine derzeitige Außenwirkung von immenser Bedeutung.
Denn fest steht: Ab 2027 wird er nicht mehr in der meist rot-weißen Startnummer 21 von Wood Brothers Racing – dem Kundenteam von Team Penske – sitzen. Jesse Love, der Champion der NASCAR O’Reilly Series von 2025, wird sein Cockpit übernehmen.
Und das ausgerechnet in einer Phase, in der Berry mit dem Team einen echten Höhenflug erlebt. Er ist der erste Fahrer von Wood Brothers Racing seit Morgan Shepherd im Jahr 1994, der vier Top-10-Platzierungen in Folge einfahren konnte.
Erstaunlicherweise macht er dieses Formhoch jedoch nicht an gezielten Veränderungen bei sich selbst oder seinen Umständen fest: „Es ist, wie ich in den vergangenen Wochen schon gesagt habe: Ich mache nichts anders“, antwortete Berry. Lediglich eine leicht veränderte Fahrweise hob er hervor. „Ich meine, vielleicht bin ich heute ein bisschen härter gefahren als sonst.“
„Ich mag diese Art zu fahren eigentlich nicht unbedingt“, fügte er hinzu. „Aber diese Jungs wissen, worum es für mich gerade geht. Ich glaube, die meisten von ihnen haben großen Respekt vor mir und verstehen das. Jeden aus dem Weg zu räumen, sobald man auf ihn aufläuft, ist natürlich nichts, was über eine ganze Cup-Saison hinweg funktioniert. Aber in meiner jetzigen Situation geht es einfach darum, um jeden Millimeter zu kämpfen.“
Tatsächlich teilte Berry im Kampf um die Führung zeitweise hart gegen die Stoßstange von Wallace aus, der sich jedoch umgehend revanchierte, bevor es in die letzte Boxenstopp-Runde ging. Berry führte in New Hampshire 73 Runden an, was sein persönlicher Rekord für in einem einzelnen Cup-Rennen ist.
„Wie gesagt, ich mache nichts anders“, betonte Berry erneut. „Ich bereite mich nicht anders vor, ich analysiere nicht anders. Ich mache schlicht die Dinge, die ich immer getan habe. Wir hatten in letzter Zeit einfach bessere Autos und, ehrlich gesagt, auch mehr Glück. Es fühlt sich gut an, daraus Kapital zu schlagen.”
Trotz seiner Leistung stehen für 2027 auf dem Fahrermarkt nicht mehr so viele Türen offen, da die meisten Teams ihre Fahrerpaarungen bereits bestätigt haben oder unvorhergesehene Änderungen am Line-up unwahrscheinlich sind. Dennoch gibt es zwei Adressen, bei denen Berrys aktuelle Leistungen etwas bewirken könnten.
Eine Option ist der Legacy Motor Club (LMC) von Jimmie Johnson. Das Team wird 2027 den an RFK verleasten Charter zurückholen und als Drei-Wagen-Team antreten. Wer im dritten Cockpit Platz nehmen wird, ist noch völlig unklar.
Ein potenzieller Kandidat wäre Riley Herbst, der in der kommenden Saison von Corey Heim ersetzt werden wird. Da hier jedoch noch nichts bestätigt wurde, bleibt die Tür für Berry womöglich einen Spalt breit offen.
Auch Kaulig Racing könnte für Berry ein neues Zuhause bieten. Weder Ty Dillon noch AJ Allmendinger sind dort unantastbar. Zudem gibt es Spekulationen, dass Kaulig sich durch die Zusammenarbeit mit Dodge umstrukturieren könnte. Möglicherweise liegt also in den Büros von Kaulig genau jener Vertrag bereit, den Berry am Ende unterzeichnen könnte.
Dir hat dieser Artikel gefallen? Journalismus auf Leadlap.de ist und bleibt dauerhaft werbefrei und für alle ohne Bezahlschranke kostenlos. Damit ich dieses Projekt auch in Zukunft unabhängig und in dieser Tiefe betreiben kann, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung. Jeder Beitrag hilft direkt dabei, die Qualität und Vielfalt meiner Berichterstattung zu sichern.
Jetzt Leadlap.de und André Wiegold unterstützen via PayPal
(Hinweis: Freiwilliger Beitrag zur Förderung journalistischer Inhalte, inkl. USt., keine steuerlich absetzbare Spende.)
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.





