Ritt auf Messers Schneide: Wie van Gisbergen den Briscoe-Ansturm in Kalifornien abwehrte

Ritt auf Messers Schneide: Wie van Gisbergen den Briscoe-Ansturm in Kalifornien abwehrte
Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Shane van Gisbergen hat ein historisches NASCAR-Wochenende auf dem Sonoma Raceway mit einem sensationellen Doppelsieg gekrönt – Im Cup-Rennen am Sonntag rettete der Neuseeländer nach einem dramatischen rundenlangen Duell einen hauchdünnen Vorsprung gegen Chase Briscoe ins Ziel

Shane van Gisbergen hat am Sonntag das geschichtsträchtige Auftaktrennen der neuen NASCAR Cup Series In-Season Challenge auf dem Sonoma Raceway gewonnen. Der neuseeländische Rundstrecken-Spezialist setzte sich in einem dramatischen Finale nach 110 Runden auf dem kalifornischen Straßenkurs hauchdünn gegen einen furios heranstürmenden Chase Briscoe durch. 

Nach einem von Strategien geprägten Renndurchlauf rettete der Trackhouse-Pilot im Ziel einen minimalen Vorsprung von 0,357 Sekunden. Mit seinem insgesamt achten Cup-Sieg zog der dreimalige Supercars-Champion in der ewigen Bestenliste der Straßenkurs-Sieger mit dem legendären Hall-of-Famer Tony Stewart gleich.

Der Triumph auf dem Kurs in den Weinbergen von Kalifornien war für den Neuseeländer die perfekte Wiedergutmachung für das bittere Aus in der Vorwoche. Nach einem heftigen Massencrash auf der Naval Base Coronado war der Frust beim SVG-Team tief verankert.

„Ich war zum Wochenende hin wieder normal, aber ja, ich war zu Beginn der Woche auf jeden Fall verdammt sauer“, gab van Gisbergen nach dem Rennen offen zu. „Das hier macht es wirklich wett, es mit diesen Jungs zu teilen. Sie mussten am Anfang der Woche einiges durchmachen. Es ist ziemlich speziell zu gewinnen.“

Dabei deutete am Samstag noch wenig auf eine solche Machtdemonstration im Sonntagsrennen hin. Das Team der Startnummer 97 kämpfte im Zeittraining mit erheblichen Balance-Problemen und fand sich im Mittelfeld wieder.

„Ja, was für ein Tag“, atmete ein sichtlich erleichterter van Gisbergen nach der Zieldurchfahrt auf. „Wir waren gestern im Qualifying richtig schlecht, und diese Jungs haben einen fantastischen Job gemacht, um dieses Auto in ein Siegerauto zu verwandeln. Die 19 von Briscoe kam angeflogen. Er war wirklich, wirklich gut, und mir ist am Ende der Grip ausgegangen.“

Strategien prägten das Rennen

Der Schlüssel zum Erfolg lag in einer aggressiven Boxenstrategie, bei der van Gisbergen die Stage-Enden bewusst opferte, um sich die Führung auf der Strecke zu sichern. Er kontrollierte das Geschehen an der Spitze in insgesamt 74 Umläufen, stand in den letzten 27 Runden jedoch massiv unter Druck, da das Handling seines Chevrolets spürbar nachließ. Zudem machten ihm unberechenbare Manöver der Konkurrenten das Leben im Cockpit schwer.

„Wir hatten diese überrundeten Autos, die vor uns aus der Box kamen, auf der Strecke herumwackelten und Staub aufwirbelten, womit ich extrem zu kämpfen hatte“, erklärte der Sieger die brenzlige Schlussphase. „Chase war einfach richtig, richtig gut. Ja, ein paar Runden mehr und wir hätten ernsthafte Probleme bekommen.“

Foto: NASCAR Media / James Gilbert/Getty Images

Verfolger Briscoe saugte sich in der finalen Runde im Heck des Führenden fest und lag in der Haarnadelkurve vor Start und Ziel nur noch eine Fahrzeuglänge dahinter. Ein folgenschwerer Fahrfehler wenige Runde zuvor verhinderte jedoch die entscheidende Attacke des Stewart-Haas-Piloten.

„Ja, ich bin einfach frustriert über mich selbst“, ärgerte sich Briscoe im Ziel. „Ich hatte das Gefühl, definitiv das bessere Auto zu haben. Ich habe im Cockpit nur nicht so einen guten Job gemacht wie er. Ich habe einfach drei oder vier Runden vor Schluss beim Anfahren von Kurve 1 einen Fehler gemacht.“

Durch den Ritt auf der Rasierklinge verlor der Verfolger wertvolle Zeit, die er erst auf den allerletzten Metern wieder gutmachen konnte.

„Ich musste so hart pushen, und das war der Punkt, an dem ich meinen Boden gutgemacht habe“, gab Briscoe zu Protokoll. „Es war ein Ritt auf Messers Schneide, und ich wäre fast gecrasht. Ich habe eine ganze Sekunde verloren und war dann am Ende offensichtlich in der Lage, ihn wieder einzuholen. Wenn ich diesen Fehler nicht mache, bin ich am Ende wohl vor ihm, so fühlt es sich an.“

Hinter dem Spitzenduo passierte Polesetter Ty Gibbs die Ziellinie als Dritter, nachdem er durch eine konträre Strategie sowohl die erste als auch die zweite Stage für sich entschieden hatte. Kyle Larson und Christopher Bell komplettierten die Top 5, während Youngster Connor Zilisch mit Rang acht sein erstes Top-10-Ergebnis in der Cup Series feierte.

So lief das NOS-Rennen

Bereits am Samstag drückte Shane van Gisbergen dem Wochenende in Sonoma seinen Stempel auf und feierte in der NASCAR O’Reilly Auto Parts Series einen dominanten Start-Ziel-Sieg. Im Chevrolet mit der Startnummer 9 führte der Neuseeländer 66 der 79 Rennrunden an und kontrollierte das Feld nach Belieben. Im Ziel verwies er ebendiesen Connor Zilisch auf den zweiten Rang, der sich nach zwei Strafen beeindruckend von ganz hinten nach vorne gekämpft hatte.

Van Gisbergen schonte in der Schlussphase das Material und sparte im dichten Verkehr taktisch Benzin, um den heranstürmenden Markenkollegen auf Distanz zu halten. Nach der Zieldurchfahrt feierte er den Triumph standesgemäß mit seinem traditionellen Rugby-Ball-Kick auf die Zuschauerränge.

Foto: NASCAR Media / James Gilbert/Getty Images

„Zum Glück habe ich früh genug Benzin gespart“, berichtete van Gisbergen nach seinem Samstags-Erfolg. „Tut mir leid, dass es nicht das spannendste Rennen war – ich schätze, langweilig ist gut, wenn man derjenige ist, der führt. Was für ein fantastisches Auto, um so vorwegzufahren. Das Auto war das ganze Rennen über so gut. Es ist großartig, einen weiteren Sieg für diese Jungs einzufahren.“

Der zweitplatzierte Zilisch haderte derweil mit dem Rennverlauf, da er im Finale ohne eine späte Gelbphase keine echte Chance auf ein Überholmanöver bekam.

„Eine Caution oder so etwas, um uns für den finalen Run wieder zusammenzuführen, wäre schön gewesen“, erklärte Zilisch am Samstag. „Unser Chevrolet war schnell genug, um mitzuhalten, aber wir haben auf dem gesamten Stint nur die Zeiten des anderen gecountert. Er hat wahrscheinlich Sprit gespart, sein Material verwaltet und mir nur Hoffnung gemacht. Ich werde trotzdem immer daran glauben, dass wir etwas für ihn gehabt hätten.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.