Zu schnell zum Verlieren: Hamlin und Bell hadern mit dem eigenen Chase-Debakel

Zu schnell zum Verlieren: Hamlin und Bell hadern mit dem eigenen Chase-Debakel
Foto: NASCAR Media / David Jensen/Getty Images

Schnelle Autos reichen im Chase-Format der NASCAR Cup Series schlicht nicht aus, wenn die Fehlerquote zu hoch ist – Vor dem Saisonabschluss analysieren zwei Spitzenfahrer die Gründe für das eigene Scheitern

Es herrscht große Ernüchterung im Lager von Toyota und Joe Gibbs Racing vor dem Saisonfinale der NASCAR Cup Series. Trotz dominanter Phasen und herausragender Pace in der regulären Saison stehen Denny Hamlin und Christopher Bell im Titelkampf vor dem Nichts, weil individuelle Fehler und schwache Chase-Leistungen die Meisterschaftsträume jäh beendet haben.

Die beiden Spitzenpiloten sparten am Freitag in Homestead-Miami nicht mit Selbstkritik und zogen eine bittere Bilanz über zehn entscheidende Wochen, in denen Hendrick Motorsports und Kyle Larson ihnen den Rang abgelaufen haben.

Besonders für Routinier Hamlin wiegt der erneute Rückschlag schwer, da dem 44-Jährigen im Herbst seiner Karriere allmählich die Gelegenheiten für den ersehnten ersten Cup-Titel ausgehen. Er machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl und blickt ohne echte Illusionen auf das anstehende Wochenende.

„Ich habe keine Optionen mehr offen“, stellte Hamlin ernüchtert fest. „Ich bin hier, um zu versuchen, Spaß zu haben und wenn möglich das Rennen zu gewinnen. Aber wissen Sie, egal was passiert, es gibt natürlich auch eine Chance, im Lotto zu gewinnen – aber kann man sich wirklich darauf verlassen?“

Der Frust sitzt tief, denn die Grundvoraussetzungen waren nach einer starken regulären Saison eigentlich ideal für den Piloten des Gibbs-Toyota mit der Startnummer 11. Doch als der Druck im Chase zunahm, brach das Fundament zusammen.

„Wir hatten offensichtlich eine großartige reguläre Saison und die Strecken in den Playoffs lagen uns eigentlich super“, analysierte Hamlin weiter. „Aber wir haben in den vergangenen neun Rennen schlichtweg nicht auf Meisterschaftsniveau performt. Das ist dann eben das Resultat.“

Hamlin weiß nach zahllosen Anläufen genau, wie unbarmherzig der aktuelle Chase-Modus bestraft, wenn in den Schlüsselmomenten die Nerven oder das Material versagen. Oft brauche es nicht viel, um eine gesamte Saison ins Wanken zu bringen.

„Diese Playoffs werden oft durch ein paar winzige, kurze Momente entschieden“, erklärte der Routinier. „Man weiß vorher nie genau, welche das sind, bis es passiert ist oder man die Saison analysiert. Es ist eine lange, zermürbende Saison, aber es sind diese kleinen Augenblicke, die wie ein Wendepunkt wirken und darüber entscheiden, ob man am Ende Champion wird oder nicht.“

Foto: NASCAR Media / David Jensen/Getty Images

Teamkollege Bell, der in den vergangenen Jahren als Gibbs-Garant für Titelhoffnungen galt, schlug in dieselbe Kerbe. Auch bei der Startnummer 20 passte die reine Rundenzeit auf der Stoppuhr, doch gravierende Patzer im Detail machten alle Hoffnungen zunichte.

„Es war sicherlich nicht ideal“, fasste Bell das Geschehen trocken zusammen. „Die Leistung des Autos hat gestimmt, der Speed war da, und die fehlende Umsetzung ist der Grund, warum wir nicht in einer besseren Position sind. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich sagen soll.“

Bell betonte, wie brutal das Format offenlegt, wer in den finalen Wochen wirklich fehlerfrei bleibt. Frühe Erfolge im Frühjahr verpuffen wertlos, wenn in der heißen Phase die Zähler fehlen.

„Es kommt am Ende auf diese zehn Wochen an und darauf, Rennen zu gewinnen“, so Bell. „Dieser Sieg-Bonus ist enorm wichtig, besonders wenn es nur zehn Rennen sind. Es kommt also wirklich nicht darauf an, wie man anfängt, sondern wie diese zehn Rennen laufen.“

Dabei wähnte sich das Lager der Japaner lange Zeit in einer komfortablen Machtposition gegenüber der Konkurrenz von Chevrolet und Ford. Doch während Toyota die Chancen reihenweise liegen ließ, nutzte die Crew um Larson die Gunst der Stunde.

„Ich war mir extrem sicher, dass ein Toyota-Fahrer die Meisterschaft holt“, gestand Bell offen. „Wir haben uns aber alle auf die eine oder andere Weise selbst ein Bein gestellt. Bei mir, Chase Briscoe und Denny gab es jeweils ganz eigene Umstände, die uns in die heutige Lage gebracht haben. Das 5er-Team hatte schlichtweg die saubersten neun Rennen und stand am Ende genau dort, wo man sein muss.“

Für Hamlin greift das Problem jedoch noch wesentlich tiefer als nur die Pannen einer einzelnen Saison. Er fordert nun eine lückenlose, herstellerübergreifende Ursachenforschung bei allen Toyota-Organisationen.

„Das muss man sich intern ganz genau ansehen – bei Toyota, JGR, Legacy und 23XI“, forderte Hamlin unmissverständlich. „Wir müssen herausfinden, warum das Verhältnis von Rennsiegen zu Meisterschaften einfach nicht da ist, wo es sein müsste. Das erfordert eine tiefe Analyse, um ehrlich zu verstehen, was geändert werden muss.“

Mit Blick auf die Historie der Marke im Cup-Sport reicht Hamlin die reine Siegquote auf Dauer nicht mehr aus. Ein einfaches „Weiter so“ dürfe es im Winter hinter den Fabriktüren nicht geben.

„Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher und nächstes Jahr denselben Ablauf wiederholen“, mahnte Hamlin abschließend. „Die Autos sind schlicht zu schnell, als dass es am Ende nur zwei oder mit Martin Truex Jr. drei Meisterschaften in 20 Jahren sind. Das reicht einfach nicht, das müssen wir beheben. Ich denke, dass nächstes Jahr meine letzte beste Chance sein wird.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite | + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.