Herdplatte heiß genug: Warum Hocevar die Spire-Suspendierung mehr als akzeptiert

Herdplatte heiß genug: Warum Hocevar die Spire-Suspendierung mehr als akzeptiert
Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Die Hand blieb so lange auf der glühenden Herdplatte liegen, bis die Verbrennung dritten Grades unausweichlich war – In Homestead muss Carson Hocevar nun tatenlos zuschauen, steht aber voll hinter der harten Maßnahme seines Teams

Carson Hocevar schaut am Wochenende auf dem Homestead-Miami Speedway nur zu, weil ihn sein eigenes Team Spire Motorsports den Brake-Checks gegen Austin Cindric in Martinsville für den letzten Saisonlauf suspendiert hat. Im Pressezentrum in Südflorida stellte sich der Sünder nun der Presse und zeigte eine erstaunliche Reife bei der schonungslosen Aufarbeitung seiner Verfehlungen.

Die Metapher der glühenden Herdplatte brachte Hocevar selbst ins Spiel, um seine wiederholten Aussetzer der Vergangenheit zu erklären. „Vielleicht war die Herdplatte bisher einfach noch nicht heiß genug“, suchte er gar nicht erst nach billigen Ausflüchten für seine Fehltritte. „Man lässt die Hand so lange drauf, bis man sich endlich richtig verbrennt? Ich denke schon, meine Hand ist jetzt ziemlich verbrannt.“

Geldstrafen und Ermahnungen prallten an dem Youngster bislang wirkungslos ab, weshalb Teambesitzer Jeff Dickerson das einzig wirksame Druckmittel wählte und den Zündschlüssel abzog. „Jeff hat es mir so erklärt: ‚Was bedeutet ein Parkstrafzettel schon einem Millionär oder Milliardär? Der parkt trotzdem dort, weil es ihm finanziell nicht wehtut’“, gab Hocevar den drastischen Vergleich wieder. „Die wirkliche Verbrennung für mich ist, dass ich an diesem Wochenende nicht fahren darf.“

Dass die Aktion in Martinsville das Fass zum Überlaufen bringen würde, ahnte der Heißsporn bereits im Getümmel von Virginia. „Vermutlich schon, bevor ich überhaupt auf die Bremse gestiegen bin“, gestand er unumwunden ein. „Mir war klar, dass diese Möglichkeit absolut bestand, aber ich bin ein gewisses Risiko eingegangen und stand am Ende überhaupt nicht gut da.“

Gegen die verordnete Zwangspause wehrt sich der Spire-Pilot mit keinem einzigen Wort, sondern stärkt seiner Boxenmannschaft demonstrativ den Rücken. „Jeff hat die richtige Entscheidung getroffen und ich stehe voll dahinter, ich muss dafür jetzt geradestehen“, räumte er unmissverständlich ein. „Würde ich es als zu hart empfinden, hätte ich das Gefühl, es sei ungerecht – und dann fängt man intern an, gegen die eigene Organisation zu arbeiten.“

In den engen Kurven von Martinsville war Hocevar nach vorangegangenen Reibereien die Hutschnur gerissen, woraufhin er zu unsportlichen Revanche-Aktionen mit dem Heck ansetzte. „In den Highlight-Clips zeigen sie Überholmanöver mit der vorderen Stoßstange, nicht mit der hinteren Stoßstange“, fand er selbstkritische Worte für die fragwürdigen Bremsmanöver. „Echte Spitzenfahrer setzen die Akzente nach vorne und ganz sicher nicht nach hinten.“

Detailfragen zu den Auslösern der Frustration wollte der Rookie gar nicht erst breittreten, um den Kern des Problems nicht zu verwässern. „Es bringt nichts, sich hierhinzusetzen und jedes Detail aufzudröseln, warum ich wütend war oder warum ich das getan habe“, stellte er klar. „Am Ende zählt nur: Ich will, dass so etwas nie wieder passiert, und genau das arbeiten wir intern im Team auf.“

Foto: NASCAR Media / David Jensen/Getty Images

Seinen Ruf als ungemütlicher Draufgänger will Hocevar trotz der Demütigung keineswegs komplett an den Nagel hängen. „Wir wollen uns die Härte von Bristol bewahren, denn das gehört zum Rennsport dazu“, zog er eine klare Trennlinie. „Die Aggressivität dürfen wir nicht verlieren – ich darf es nur nicht derart übertreiben und so ein eklatantes Foul begehen.“

Genau dieses Gespür für Anstand und sportlichen Wettbewerb war dem Talent im Tunnelblick des Rennens jedoch völlig abhandengekommen. „Man kann respektvoll sein und trotzdem extrem aggressiv auftreten, das muss man ausbalancieren“, bilanzierte Hocevar sein Verhalten. „Die Grenze liegt bei der sportlichen Fairness und Integrität, und die habe ich deutlich überschritten.“

Im Renncockpit regieren bei dem Youngster schlicht andere Gesetze als im zivilen Leben an der Boxenmauer. „Wenn ich im Auto sitze, versuche ich zu 100 Prozent, unsere Position zu verbessern – egal ob das in dem Moment schlau oder richtig ist“, beschrieb er den Schalter in seinem Kopf. „Im Auto tickt man völlig anders als außerhalb, aber das darf keine Entschuldigung dafür sein, derart maßlos zu übertreiben.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite | + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.