Das neue Superspeedway-Paket: Blindflug ins Daytona-Finale
NASCAR bringt zum Saisonfinale der Regular Season in Daytona ohne Training ein neues Superspeedway an den Start – Die Fahrer erwarteten wegen der fehlenden Testkilometer Chaos
Mit weniger Abtrieb und reduzierter Motorleistung will NASCAR in Daytona ein brandneues Superspeedway-Paket ausprobieren. Das große Problem an der Sache: Aufgrund des engen Zeitplans gehen die Piloten in das entscheidende Finalrennen der Regular Season, ohne zuvor auch nur einen einzigen Testkilometer absolviert zu haben.
Ziel des neuen Pakets ist es, ein ähnliches Racing wie in Atlanta auf die Beine zu stellen. Dafür wurde der Heckspoiler von sieben auf vier Zoll verkleinert, und die Motoren liefern nun nur noch 465 statt der vorherigen 510 PS. Mit diesen Maßnahmen sollen vor allem extreme Spritspartaktiken, die den Lesefluss des Rennens oft stören, unterbunden werden.
Da es im Vorfeld nicht einmal ein freies Training gibt, gleicht das Rennen sowohl für Fahrer als auch für Teamchefs einer riesigen Wundertüte. Jetzt können nur noch intensive Theorie und Vorbereitung den Teams helfen.

„Das wird das absolute Chaos“
„Das wird das absolute Chaos und eine Katastrophe“, erklärte Adam Stevens, Crew-Chief von Christopher Bell, gegenüber Motorsport.com. „Ich bin mir nicht sicher, wo in der ersten Kurve der ersten Runde der sicherste Platz sein wird. Vielleicht ganz hinten, mit 30 Wagenlängen Abstand. Niemand hat eine Ahnung, wie sich die Autos verhalten werden, sobald sie auf Höchstgeschwindigkeit sind. Das wird definitiv ein Erlebnis.“
Auch Cliff Daniels, Crew-Chief der Startnummer 5 bei Hendrick Motorsports, rechnet mit höheren Qualifying-Geschwindigkeiten, was dem Racing im Feld zugutekommen dürfte.
„Hoffentlich stecken wir nicht mehr so fest, wenn das Tempo im Pulk anzieht“, erklärte Daniels am Wochenende. „Um ehrlich zu sein: Das extrem kraftstoffsparende Racing war wirklich schwer mitanzusehen. Wenn das Tempo dann stieg, war es enorm schwierig, Schwung zu holen, eine andere Spur in Bewegung zu bringen und Energie aufzubauen. Auf dem Papier ist das hier also ein logischer Schritt.“ Er zeigte sich optimistisch: „Das erlaubt den Fahrern hoffentlich, mehr Schwung aufzubauen, sodass wir wieder mehr Bewegung im Feld sehen. Wenn das klappt, wird es ein richtig gutes Rennen.“

Aufgrund der fehlenden Trainingszeit wird an diesem Wochenende vor allem Anpassungsfähigkeit belohnt. „Es gibt keine Simulatordaten oder Ähnliches“, betonte Carson Hocevar in seiner Medienrunde. „Man muss einfach rausfahren und sich anpassen. Wir werden im Verlauf des Rennens alles ausprobieren müssen, um zu sehen, wie das Auto reagiert.“
Sein Teamkollege Daniel Suarez ergänzte: „Wir sitzen alle im selben Boot. Jeder weiß, was auf dem Papier steht, aber niemand weiß wirklich, wie es sich auf der Strecke abspielen wird.“

Explosives Racing
Denny Hamlin, der selbst in der Arbeitsgruppe an dem neuen Aerodynamik-Paket mitgewirkt hat, sieht Potenzial für explosives Racing in Daytona – im positiven wie im negativen Sinne, wie er in seinem Podcast Actions Detrimental erklärte.
„Ich glaube, dieses Wochenende hat das Potenzial für absolutes Chaos“, so Hamlin. „Nach allem, was ich höre, und den Daten, die ich sehe, könnten die Autos viel schwerer zu kontrollieren sein, wenn sich die Fahrer gegenseitig pushen. Das könnte zu rauchenden Reifen führen – und wo Rauch ist, da kracht es auch.“
Gleichzeitig glaubt Hamlin, dass Autos, die im Verkehr weniger steckenbleiben, neue Überholchancen kreieren. Er hält einen Sieg am Samstag für möglich, indem er auf seine alte Superspeedway-Taktik zurückgreift: sich bewusst zurückfallen lassen, dem „Big One“ aus dem Weg gehen und erst in den Schlussrunden das Feld aufrollen.

„Bevor wir das Next-Gen-Racing auf den Superspeedways hatten, waren mir die Stages völlig egal. Ich bin einfach nur mitgefahren“, verriet Hamlin. „Dann gab es diese riesigen Crashs, denen ich ausgewichen bin, und am Ende sind wir nach vorne gefahren und haben gewonnen. Ich werde oft dafür kritisiert, dass ich 70 Prozent des Rennens hinten rumkurve, um Unfällen aus dem Weg zu gehen. Aber ich denke mir: Das ist für mich nun mal die beste Strategie.“
Gerade für das anstehende Rennen rechnet er sich damit gute Chancen aus: „Besonders dieses Wochenende könnte das extrem gut funktionieren, weil es meiner Meinung nach einfacher als in den vergangenen Jahren sein wird, von hinten nach vorne zu fahren. Punkte spielen ohnehin keine Rolle, Stages sind egal.“
Dennoch kritisierte Hamlin die Entscheidung der NASCAR-Organisation, bei einem völlig neuen Paket auf ein Training zu verzichten. „Das wird beängstigend“, gab er zu. „Ich bin eigentlich kein Verfechter von freien Trainings, aber hier hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn NASCAR gesagt hätte: ‚Wisst ihr was, Leute, wir machen einfach 20 Minuten.‘ Wir müssten nur mit drei oder vier Autos rausfahren und nah beieinander fahren, um zu verstehen, was wir da eigentlich haben. Aber manchmal erfüllt dieses Überraschungsmoment eben auch seinen Zweck.“

Hoffnung auf klassisches Daytona-Racing
Auch Joey Logano blickt positiv auf das neue Paket und hofft auf die Rückkehr des klassischen Daytona-Racings, wie er es aus seinen Anfangsjahren in der Cup Series kennt.
„Ich gehe davon aus, dass es mehr an das alte Daytona von vor der Neuasphaltierung erinnern wird – oder an Atlanta, wo das Fahrverhalten des Autos ab einem gewissen Punkt eine entscheidende Rolle spielt. Ich weiß nur noch nicht, an welchem Punkt im Stint das passieren wird“, überlegte Logano. „Fahren wir die ersten zehn Runden im dichten Pulk, und dann setzt sich die Creme de la Creme langsam ab? Sehen wir, wie sich die besten Autos durchs Feld arbeiten? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht.“
Abschließend lässt sich nicht vorhersagen, was beim Regular-Season-Finale passieren wird. Weder die erfahrensten Crew-Chiefs am Kommandostand noch die Piloten hinter dem Lenkrad wissen, wie sich das neue Paket im Renneinsatz genau verhalten wird. Das Finale in Daytona bleibt deswegen für alle eine absolute Wundertüte.
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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