Der Schatten des Vaters und das Feuer vom Indy 500: Graham Rahals steiniger Weg zum Erfolg

Der Schatten des Vaters und das Feuer vom Indy 500: Graham Rahals steiniger Weg zum Erfolg
Foto: Penske Entertainment: Paul Hurley

In der Vorbereitung auf das Indy 500 blickt Graham Rahal auf seine IndyCar-Karriere und auf das Ziel zurück, dem Namen Rahal gerecht zu werden – Dabei reflektiert er über die Arbeit mit seinem Vater Bobby Rahal und seinen Drang, das Indy 500 zu gewinnen

Was kommt einem IndyCar-Fan zuerst in den Sinn, wenn er den Namen Rahal hört? Ein dreimaliger Champion, das Team Rahal Letterman Lanigan Racing (RLL) oder vielleicht ein Bild von 1986, als Bobby Rahal nach seinem Sieg beim Indy 500 die traditionelle Flasche Milch in einem Zug leert. Der Name steht für nachhaltige positive Veränderung und große Emotionen, gekoppelt an Erfolge.

Umso paradoxer erscheint es, dass der heute 73-jährige Motorsport-Veteran diese einzigartigen Erfahrungen mit aller Macht von seinem Sohn Graham fernhalten wollte, der bereits seit 2008 in der amerikanischen Formelserie aktiv ist.

„Mein Vater wollte nicht, dass ich diesen enormen Lebensdruck spüre und mir das auch noch zusätzlich aufbürde“, erklärte Graham Rahal im Rahmen einer Pressekonferenz im Mai – also mitten in der heißesten Phase der IndyCar-Saison. „Er hat jahrelang hart dafür gekämpft, mich vom Rennsport fernzuhalten. Aber bei mir ist es so: Meine Liebe, meine wahre, aufrichtige Leidenschaft gilt dem Automobil.“

Der Nachwuchs des Indy-500-Champions begeisterte sich von klein auf für Rennwagen und den Indianapolis Motor Speedway. Durch seinen Vater gab es unzählige Berührungspunkte, die schließlich die Faszination für das Racing entfachten: „Das Indy 500 ist die stärkste Kraft in meinem Leben. Wenn man sieht, welchen Einfluss und welche Veränderung es meiner Familie brachte, nachdem mein Vater gewonnen hatte – ich habe das aus erster Hand miterlebt. Davon träume ich: Eines Tages selbst Indy-500-Sieger zu sein.“

Foto: Foto: Penske Entertainment: Joe Skibinski

Ein mühsamer Karrierestart

Trotz der positiven Erfahrungen musste sich Graham Rahal den Weg in die IndyCar-Serie selbst erarbeiten und durfte sich nicht auf dem Namen seines Vaters ausruhen. Dieser wollte ihn zwar unterstützen, aber gleichzeitig sollte der Sohn selbst lernen, worauf es im Motorsport ankommt.

„Ich fuhr für Sarah Fisher Racing buchstäblich für nichts“, erinnert sich Graham Rahal an das Jahr 2010. Nach seinem Engagement in der Nummer 67 fuhr er sein erstes Indy 500 für das Team seines Vaters. Der Deal ging jedoch mit einer unkonventionellen Erziehungsmaßnahme einher, wie Rahal berichtete: „Ich kam nach Indianapolis und werde nie den Deal vergessen, den ich mit meinem Vater geschlossen hatte: Wenn ich das Rennen beende und das Auto heil lasse, zahlt er mir 25.000 Dollar.“

Die Vereinbarung hatte einen positiven Einfluss: Rahal qualifizierte sich auf dem elften Platz, ließ das Auto über 200 Runden heil und fuhr als Zwölfter und damit mit 25.000 Dollar mehr über die Bricks. 

Foto: Penske Entertainment: James Black

Im Schatten einer Legende: Fluch und Segen des Namen

Auch wenn finanzielle Spritzen und ein Name wie Rahal Türen öffnen können, können sie auch schnell zu einer großen Belastung werden. Vor allem, wenn man im Schatten vorangegangener Ergebnisse steht. Bobby Rahal sicherte sich in seiner 16-jährigen Karriere insgesamt drei Meistertitel, einen Sieg beim Indy 500 sowie 23 weitere Siege. Sein Sohn Graham, der seit 18 Jahren hinter dem Lenkrad eines IndyCars sitzt, kommt bisher nur auf sechs Erfolge. 

„Egal, was man in einer Position wie der meinen tut, es wird niemals gut genug sein. Das ist die Realität“, reflektiert Rahal über seine Situation. „Ich komme damit klar. Wenn ich mit einer Sache gesegnet wurde, dann mit der mentalen Stärke, diesen ganzen Lärm auszublenden.“ 

Er vergleicht seine Situation mit anderen Größen aus der NASCAR: „Ähnlich wie bei Dale Earnhardt Jr. oder jedem anderen mit einem berühmten Vater steht man immer in seinem Schatten. Also versucht man, sich einen eigenen Namen zu machen.”

Foto: Penske Entertainment: James Black

Auch wenn Graham Rahal sich einen eigenen Namen aufbauen will, eifert er in vielen Hinsichten seinem Vater nach und fährt seit 2013 fast ausschließlich für RLL. Eine Ausnahme war 2023, als er beim Indy 500 für den verletzten Stefan Wilson bei Dreyer & Reinbold Racing einsprang, nachdem er die Qualifikation mit seinem Auto um 0,0044 Sekunden verpasst hatte.

Die etwas widersprüchliche Kooperation und das Engagement für das RLL begründet er schlichtweg mit wirtschaftlichen Gründen: „Aber in der heutigen Wirtschaftswelt steckt auch verdammt viel Potenzial darin, gemeinsam als Familie aufzutreten.“

Dabei will er primär von Bobby Rahal lernen und seine Methoden nutzen, um selbst voranzukommen. „Vieles, was ich jeden Tag tue, ist darauf ausgerichtet, so zu sein wie er: Unternehmen aufzubauen und Dinge außerhalb des Rennsports zu bewegen. Damit das Rennfahren für den Rest meines Lebens eine Leidenschaft bleiben kann, mit der ich auch nach meiner aktiven Karriere verbunden bin – genau so, wie er es getan hat.“ 

Foto: Penske Entertainment: Paul Hurley

Dabei übernimmt er bewusst die Stärken seines Mentors: „Mein Vater hatte schon immer ein hervorragendes Auge für Talente. Das ist etwas, das die meisten Menschen nicht besitzen. Schaut man sich die erfolgreichsten Teams im Rennsport an, verfügen sie alle über diese Gabe.“ 

Er spielt damit auf Bobbys Talent an, Koryphäen wie den legendären Designer Adrian Newey zur richtigen Zeit an das Team zu binden. Graham bewundert die Methodik hinter dem Erfolg: „Dad war ein so methodischer Denker und ein großartiger Rennfahrer. Eine seiner wichtigsten Lektionen für mich – fürs Leben wie für den Sport – ist die Fähigkeit, sich mit Menschen zu umgeben, die extrem klug und erfolgreich sind.“

Offene Rechnung mit dem Brickyard

Trotz aller geschäftlichen Ambitionen bleibt das sportliche Ziel klar: der Sieg beim Indy 500. Mehrfach stand er bereits auf dem Podium, doch der ganz große Wurf blieb ihm verwehrt. Besonders schmerzhaft bleibt das Jahr 2021 in Erinnerung, als er kurz davor stand, sein Lebensziel zu erreichen. Ein Fehler in der Boxengasse endete in der Mauer und verfolgt ihn bis heute.

„Ob ich an 2021 denke? Verdammt noch mal, ja! Das verfolgt mich“, gibt er unumwunden zu. Was war passiert? In Führung liegend und mit einer überlegenen Strategie ausgestattet, kam der damals 32-Jährige als letzter Pilot im Boxenzyklus zum Stopp. Runde 118 endete jedoch dramatisch: Weil ein Mechaniker die Radmutter am linken Hinterrad nicht korrekt fixiert hatte, verlor Rahal beim Rausfahren das Rad und schlug hart in Kurve zwei ein.

Dieser und weitere Fehlschläge motivieren ihn heute noch mehr. „Sowas gießt jedes Jahr Öl ins Feuer. Ich will dieses Ding endlich gewinnen und diese Last loswerden. Aber die Realität in Indy ist auch: Weit über 95 Prozent der Leute, die hier antreten, werden nie auch nur am Sieg schnuppern dürfen. Man darf also nicht zu hart mit sich selbst ins Gericht gehen.“

Foto: Penske Entertainment: Chris Jones

Das Ziel: Ein gemeinsamer Triumph

Am Ende geht es für Graham Rahal um mehr als nur eine Trophäe. Es geht darum, mit seinem Vater gleichzuziehen. „Dad und ich haben oft darüber gesprochen. Indy zu gewinnen, wäre etwas Besonderes – aber Indy gemeinsam zu gewinnen, würde uns mehr bedeuten, als man in Worte fassen kann. Ich möchte das tatsächlich erleben, anstatt nur davon zu träumen.“

Dabei ist ihm bewusst, wie launisch das Glück in Indianapolis ist. „Sogar die Besten und der GOAT, Scott Dixon, hat nur einmal gewonnen. Man sollte meinen, er hätte bei all seinen Erfolgen zehn Siege auf dem Konto, und doch hat ihm das Rennen oft den Rücken zugekehrt.“

Rahal weiß um die Mystik des „Greatest Spectacle in Racing“: „Wie ich schon sagte: Dieser Ort sucht sich seine Sieger aus. Manchmal ergibt das Sinn, manchmal überhaupt nicht. So läuft es hier eben. Und deshalb stehen wir hier, um erneut zu kämpfen.“

Abschließend zeigt sich Rahal jedoch kämpferisch und macht deutlich, dass ihn der Druck nicht zerstört, sondern stärkt. „Es war nie eine wirkliche Last für mich“, bringt er seine Gedanken zum Indy 500 auf den Punkt. Sein Bild des Rennens ist nicht von Nervosität oder Siegeszwang geprägt, um aus dem Schatten seines Vaters zu treten, sondern von einer Mischung aus Demut und unbändigem Hunger, den Namen Rahal noch einmal – diesmal in zweifacher Ausführung – in die Victory-Lane des Brickyards zu bringen. 

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Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.

Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.

Erik Resch

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws. Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.
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