NASCAR bläst zum Angriff auf das Spritsparen: Kahlschlag am Heck?
Denny Hamlin wartet mit Ideen auf, um das Superspeedway-Racing zu verbessern – Auch NASCAR nimmt den Luftwiderstand der Autos ins Visier
NASCAR reagiert auf die massive Kritik der Fahrer und plant nach dem strategisch geprägten Rennen in Talladega eine kurzfristige Reform des Aerodynamik-Pakets für Superspeedways. Eine hochkarätig besetzte Arbeitsgruppe aus Vertretern von Chevrolet, Ford und Toyota trifft sich in diesen Tagen mit den Offiziellen der Serie, um den Luftwiderstand des Next-Gen-Autos durch einen deutlich kürzeren Heckspoiler zu reduzieren.
Ziel ist es, das Spritsparen zu beenden und das Racing wieder dynamischer zu gestalten, wobei eine Umsetzung der Änderungen noch in der laufenden Saison 2026 angestrebt wird.
Der Auslöser für den plötzlichen Tatendrang in Daytona Beach war die bittere Realität auf dem Oval von Talladega. Trotz neuer Stage-Längen, die eigentlich für mehr Action sorgen sollten, schlich das Feld über weite Strecken im Windschatten-Modus um den Kurs, um wertvolle Sekunden beim Boxenstopp zu gewinnen.
„Nein, ich denke, wir haben die gleiche Menge an Sprit gespart wie zuvor“, bilanzierte Denny Hamlin in seinem Podcast Actions Detrimental ernüchtert.
Der Joe-Gibbs-Pilot entwickelte sich zum lautstarken Sprachrohr des Unmuts und suchte bereits den direkten Draht zum neuen NASCAR-Chef Steve O’Donnell. Sein Urteil über die aktuelle Charakteristik des Next-Gen-Autos fällt vernichtend aus. „Bitte nehmt den Spoiler von diesem Auto ab. Bitte. Tut, was immer nötig ist“, fordert der dreimalige Daytona-500-Sieger fast schon flehentlich.
Das Problem liegt laut Hamlin in der Aerodynamik-Philosophie des aktuellen Boliden begründet. Das Auto schiebe eine gewaltige Luftwand vor sich her, was Angriffe außerhalb der Ideallinie fast unmöglich mache.
„Ich möchte einfach, dass der Luftwiderstand von diesem Auto reduziert wird. Es hat Hunderte von Einheiten mehr Luftwiderstand als unser Gen-6-Auto. Hunderte von Einheiten mehr“, so der Routinier.
Die Folge dieser Konstruktion ist eine künstliche Verlangsamung, die paradoxe Züge annimmt. Hamlin erklärt, dass die Piloten heute mit gefühlt 150 Pferdestärken mehr Leistung als früher unterwegs seien, aber durch den Widerstand regelrecht eingebremst werden.
„Die Autos fahren heute langsamer, haben aber mehr PS als früher auf den Superspeedways. Das liegt einfach am Luftwiderstand und daran, wie diese Autos konstruiert sind“, analysiert Hamlin die technische Sackgasse, der kein Problem hätte, die magische Grenze von 200 Meilen pro Stunde zu sprengen.
NASCAR-Vizepräsident Mike Forde gab im Podcast Hauler Talk offen zu, dass der Verband die Zeichen der Zeit erkannt hat. „Ich glaube, wir haben im Talladega-Rennen genug gesehen, und es gab genug Feedback aus der Industrie, das besagt: ‚Lasst uns das noch einmal unter die Lupe nehmen’“, bestätigte Forde die Einberufung der technischen Arbeitsgruppe. Die Ingenieure der drei Hersteller sollen nun gemeinsam mit NASCAR nach einer Lösung suchen, die das Feld wieder entzerrt.
Für die Fahrer ist die Rechnung simpel: Wenn das Ausscheren aus dem Draft nicht mehr mit einem massiven Geschwindigkeitsverlust bestraft wird, verliert das Spritsparen seinen strategischen Wert. Hamlin verspricht für diesen Fall eine Rückkehr zum echten Racing.
„Wenn man uns einfach aus der Spur ausscheren ließe und wir wüssten, dass wir als Zehnter aus der Boxengasse kommen und trotzdem eine Chance auf den Sieg haben, weil wir ausscheren und Angriffe fahren können, dann würde uns das Kraftstoffsparen nicht interessieren. Das verspreche ich euch.“
Aktuell tendieren die Piloten jedoch dazu, lieber den Fuß vom Gas zu nehmen, um in der Linie zu bleiben, als eine mutige Attacke zu reiten.
„Sie neigen eher dazu, vom Gas zu gehen, was für niemanden gut ist. Ich glaube nicht, dass das jemand will“, beschreibt Hamlin die frustrierende Situation für Fahrer und Fans gleichermaßen. Das Next-Gen-Modell sei in seiner jetzigen Form schlichtweg nicht für diese Art des Rennsports konzipiert.
Sollte der Heckspoiler tatsächlich gestutzt werden, müssten die Fahrer laut Hamlin auch vor höheren Geschwindigkeiten nicht zurückschrecken. „Wenn wir 210 Meilen pro Stunde fahren müssen, fahren wir 210. Das ist okay“, gibt sich der Toyota-Star kampfbereit. Ob NASCAR den Mut aufbringt, die aerodynamische Bremse noch vor dem nächsten Auftritt auf einem Superspeedway zu lösen, hängt nun von den Ergebnissen der Arbeitsgruppe ab.
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.





