NASCAR sucht den Superspeedway-Kompromiss: Sicherheit vs. Show

NASCAR sucht den Superspeedway-Kompromiss: Sicherheit vs. Show
Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Wie findet NASCAR den richtigen Spagat zwischen Action und Sicherheit auf den Superspeedways? Das sind die Hürden, die die Regelhüter nehmen müssen

Die Führungsetage der NASCAR arbeitet unter Hochdruck an einer Reform des Superspeedway-Pakets, um die Kritik der Fahrer an der aktuellen fahrerischen Sackgasse in Talladega und Daytona zu adressieren. Mike Norde, Kommunikationschef für Racing, bestätigte jüngst, dass eine Arbeitsgruppe aus Teams und Herstellern bereits verschiedene sportliche und technische Szenarien prüft.

Ziel ist es, das Racing bis zum Sommerrennen in Daytona Ende August zu optimieren, wobei die Verantwortlichen den schmalen Grat zwischen höherer Geschwindigkeit und notwendiger Sicherheit meistern müssen.

Die Diskussionen bewegen sich derzeit in zwei verschiedenen Sphären. „Wir arbeiten mit einer Arbeitsgruppe zusammen, die einen Querschnitt der Rennteams aller drei Hersteller umfasst“, erklärt Norde im Podcast Hauler Talk. Die Themen sind dabei klar getrennt: „Wir unterteilen das Ganze in einen sportlichen und einen technischen Bereich.“

Im sportlichen Bereich geht es primär um den Ablauf der Rennen, ohne das Fahrzeug selbst anzutasten. Hier stehen laut Norde radikale Ideen im Raum: „Können wir die Stage-Längen ändern? Können wir die Anzahl der Stages anpassen? Können wir den Prozess in der Boxengasse verändern?“ Eine Überlegung sei etwa, einen Vier-Reifen-Wechsel zur Pflicht zu machen, wenn ein Fahrer zum Nachtanken kommt, um das Feld strategisch zu entzerren.

Komplizierter wird es auf der technischen Seite, da NASCAR-Teams extrem allergisch auf kurzfristige Änderungen reagieren. „Das Gefühl auf der Teamseite war: ‚Wir mögen es nicht, Änderungen am Auto vorzunehmen, ohne sie vorher zu testen‘ – auch NASCAR mag das nicht“, so Norde über die Skepsis. Ein solcher Test ist jedoch logistisch kaum zu stemmen, da NASCAR laut Norde mindestens 15 Autos benötigt, um die Aerodynamik eines echten Packs zu simulieren.

Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Trotz dieser Hürden hat das Feedback nach dem letzten Talladega-Rennen den Handlungsdruck massiv erhöht. Besonders Denny Hamlin drängt hinter den Kulissen auf eine schnelle Lösung und sucht den direkten Draht zur NASCAR-Spitze.

„Denny hat Steve O’Donnell per SMS kontaktiert, und Steve hat diese Gedanken mit John Probst geteilt“, verriet Norde. Hamlin wolle in diesem Bereich eine Führungsrolle übernehmen und die Änderungen bis zum Daytona-Rennen im August auf den Weg bringen.

Die Ingenieure in Charlotte simulieren bereits die Auswirkungen kleiner Eingriffe mit großer Wirkung. „John Probst hatte buchstäblich auf seinem Bildschirm die Arbeit begonnen: Wenn man den Heckspoiler um drei Zoll kürzt, wie hoch ist dann der Luftwiderstand?“, schilderte Norde den aktuellen Stand. Eine solche Änderung würde den Luftwiderstand massiv senken, bringt aber gefährliche Nebenwirkungen mit sich.

Das Problem liegt in der Stabilität und der reinen Geschwindigkeit der Boliden. „Der Abtrieb würde ebenfalls deutlich abnehmen“, warnte Norde mit Blick auf Beschwerden von Joey Logano über die Instabilität der Autos beim Bumping. Die Autos würden dadurch noch schwieriger zu kontrollieren sein, was bei den zu erwartenden Geschwindigkeiten riskant ist.

NASCAR fürchtet vor allem eine Rückkehr in Geschwindigkeitsbereiche, die die Sicherheitssysteme der Strecken überfordern könnten. „Die Geschwindigkeiten würden steigen“, so Norde weiter. „Wenn sie im Pack 205 oder 210 Meilen pro Stunde fahren, macht uns das nervös. Es gibt einen Grund, warum wir diese Luftmassenbegrenzer haben, und das ist strikt eine Sicherheitsentscheidung.“

Hinter den Kulissen wird nun nach einem magischen Kompromiss gesucht, der das Spritsparen und das starre Hintereinanderfahren aufbricht, ohne die Fahrer, Teammitglieder und Fans in Lebensgefahr zu bringen. „Es wird weitere Anrufe und Treffen zu diesem Thema geben“, versprach Norde. Die Fans und Fahrer müssen nun abwarten, ob die Simulationen eine Lösung ausspucken, die ohne groß angelegte Testfahrten direkt auf der Rennstrecke funktioniert.

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.
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