Segen und Fluch in Kansas: Wie die letzte Gelbphase Tyler Reddick den Sieg sicherte
Tyler Reddick gewann in Kansas sein fünftes Saisonrennen – Eine späte Gelbphase rettete den 23XI-Piloten nach einem Mauerstreifer vor der Niederlage gegen Teambesitzer Denny Hamlin
Mit seinem fünften Saisonsieg in Kansas hat Tyler Reddick einen Meilenstein erreicht, der zuletzt einer Legende vorbehalten war: Er ist der erste Fahrer seit Dale Earnhardt Sr. im Jahr 1987, der fünf der ersten neun Saisonläufe für sich entschied. Doch der Weg in die Victory-Lane wäre beinahe an einem Moment der Unkonzentriertheit gescheitert.
Drei Runden vor dem Ziel lieferte sich der Pilot von 23XI Racing ein packendes Duell mit seinem eigenen Teambesitzer Denny Hamlin. Reddick führte das Feld in der Startnummer 45 an, während ihm der NASCAR-Veteran im Nacken saß. Kurz bevor eine späte Gelbphase das Rennen neutralisierte, touchierte der 30-jährige Kalifornier jedoch die Mauer.
Ein plötzliches Stottern des Motors hatte Reddick so sehr abgelenkt, dass er sich intensiv mit der Spritpumpe beschäftigte und dabei der Außenmauer näher kam als beabsichtigt.
„Es fühlte sich nach einem Problem mit der Kraftstoffpumpe an“, erklärte Reddick später in der Pressekonferenz. „Glücklicherweise konnte ich den Wagen abfangen. Aber als Fahrer denkst du in so einem Moment instinktiv: ‚Der Sprit ist alle‘. Während ich versuchte herauszufinden, ob es am Benzin lag, wollte ich gleichzeitig über Funk mit Billy [Scott] sprechen. Alles passierte auf einmal – ich verlor leider den Fokus und steuerte direkt in den Zaun.“

Die Lösung des Problems war letztlich simpel, wie Crew-Chief Billy Scott erläuterte: „Uns ist nicht das Benzin ausgegangen. Es war eine Art Aussetzer. Tyler hat auf die sekundäre Pumpe umgeschaltet, danach fing sich der Wagen wieder.“
Hamlin nutzte den Fahrfehler seines Fahrers sofort aus und schob sich innen vorbei. In diesem Moment profitierte Reddick jedoch vom Pech eines anderen: Cody Ware drehte sich direkt vor den Führenden. Für Hamlin war es ein bitteres Deja-vu – die Situation erinnerte stark an das Finale von 2025 in Phoenix, als er kurz vor der weißen Flagge in Führung liegend ebenfalls durch eine Overtime um den Lohn seiner Arbeit gebracht wurde.
Auf die Frage, was ihn am meisten frustriert, antwortete der geschlagene Joe-Gibbs-Pilot simpel: „Natürlich ist es, dass wir nicht gewonnen haben. Es ist Cody Ware, der sechs Runden zurückliegt und einen Unfall baut“, kommentierte Hamlin, der 131 Runden in Kansas führte und nur auf Rang vier ins Ziel kam. „Es kam einfach alles zusammen. Ich bin auf denselben Move hereingefallen, mit dem mich die Nummer 5 [Kyle Larson] vor ein paar Jahren erwischt hat, als ich auf der Innenseite war. Ich muss aus diesen Fehlern lernen und die letzten Runden besser exekutieren.“

Beim Restart in der Verlängerung starteten Reddick und Hamlin nebeneinander in der ersten Reihe. Reddick behielt die Nerven und sicherte sich den Sieg. Hamlin kam als Vierter ins Ziel, nachdem er zwei Positionen an Kyle Larson und Chase Briscoe verlor.
In seinem Podcast Actions Detrimental gab der Joe-Gibbs-Pilot später tiefere Einblicke: „Was ich von dieser Caution halte? Es war eben eine Caution. Hätte man die gelbe Flagge noch zurückhalten können? Ja. Hätte man es tun sollen? Wahrscheinlich nicht.“
Die Schuld suchte Hamlin dabei weniger bei Ware, sondern übte Kritik an der gegnerischen Strategie: „Das geht auf das Konto des Teams. Es ist die Aufgabe des Crew-Chiefs, auf seinen Fahrer aufzupassen. Man weiß genau, dass man keine 60 Runden am Stück fahren kann; das ist schlichtweg lächerlich.“
Reddick hingegen war sich seines Glücks bewusst: „Eigentlich war ich schon bereit, das Rennen als einen dieser Tage abzuhaken, an denen ich den Sieg leichtfertig verschenkt habe. Wir hatten großes Glück, dass die Gelbphase kam.“

Crew-Chief Billy Scott hingegen sah den Sieg vor allem als fahrerische Leistung: „Er hat einen unglaublichen Job gemacht und das Maximum herausgeholt. Er hat die perfekte Position für den Side-Draft gefunden, den Air-Block meisterhaft gesetzt und die Situation souverän gelöst, als er erst einmal freie Bahn hatte. Ich glaube, er war diesmal einfach noch ein Stück entschlossener.“
Trotz der Leistung und des Lobes für Reddick überwog bei Hamlin der als Besitzer zwar das Rennen gewonnen, Fahrerisch aber verloren der Frust – ein Kontrast, den die Fernsehkameras gut einfingen. Während ein strahlender Michael Jordan, dem das Team gemeinsam mit Hamlin gehört, seinen Mitbesitzer ein weinig stichelte und den Erfolg feierte, blickte Hamlin drein wie „drei Tage Regenwetter“.
Die Enttäuschung ist dennoch nachvollziehbar: „Was mich wirklich frustriert, ist, dass wir nicht die Siege einfahren, die wir verdienen. Das mag arrogant klingen, aber es sind Fakten. Es kann einfach nicht sein, dass andere Fahrer am Ende so viele Rennen durch solche Umstände verlieren wie ich“, fügte er als Abschluss von Kansas hinzu. Während er durch die Gelbphase potenziell den Sieg verlor, rettete sie seinem Team die Fahrt in die Victory-Lane.
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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