„Appetit kommt beim Essen“: Wie ein italienischer Unternehmer die Challenger Trophy aufmischt

„Appetit kommt beim Essen“: Wie ein italienischer Unternehmer die Challenger Trophy aufmischt
Foto: NASCAR Euro Series / Nina Weinbrenner

Der Sprung vom Hospitality-Gast zum NASCAR-Piloten gelang Giovanni Cartechini in Rekordzeit – Dank einer erstaunlichen Konstanz hat der 29-Jährige die Tabellenspitze der V8GP-Amateure fest im Visier

Der italienische Unternehmer Giovanni Cartechini wirbelt in der V8GP-Saison 2026 die Challenger Trophy der NASCAR Euro Series kräftig auf. Nach seinem Einstieg als Sponsor wechselte der 29-Jährige für das Top-Team CAAL Racing direkt in das Cockpit der bulligen V8-Boliden.

Bereits bei seinem Debüt in Spanien fuhr der Quereinsteiger aufs Podest und kämpft seitdem als Klassenzweiter mit nur elf Punkten Rückstand auf Logan Bearden um den Titel der V8GP-Amateure. Seine steile Lernkurve verdankt der Italiener dabei vor allem seiner mentalen Einstellung aus der heimischen Wirtschaftswelt.

Der Wechsel vom reinen Geldgeber zum aktiven Rennfahrer kam für viele Fas überraschend, da Cartechini zuvor lediglich ein Jahr im italienischen Legend-Cars-Cup verbracht hatte. Die familieneigene Firma HPM unterstützt das Top-Team CAAL Racing bereits seit der Saison 2024. Die Faszination an der Rennstrecke war schließlich so groß, dass der Sales-Spezialist den Sprung ins kalte Wasser der europäischen NASCAR-Serie wagte.

Foto: NASCAR Euro Series / Bart Dehaese

„Vor dem Start der Saison war mein einziges echtes Ziel, Erfahrung zu sammeln und Spaß zu haben“, verrät Cartechini über seine ursprüngliche Herangehensweise. Das erste Rennwochenende in Valencia warf diese vorsichtige Planung jedoch sofort über den Haufen.

„Dann kam der NASCAR-GP von Spanien und alles hat sich verschoben“, erinnert sich der Italiener an den Schlüsselmoment. „Als ich merkte, dass ich auf der Strecke tatsächlich um starke Ergebnisse kämpfen kann, war ich völlig von den Socken.“

Dieser frühe Erfolg löste beim CAAL-Piloten einen enormen Ehrgeiz aus, der ihn zu vier weiteren Podestplätzen peitschte. „Diese Erkenntnis hat mir den Schub gegeben, die Messlatte von Rennen zu Rennen höher zu legen“, erklärt Cartechini seine Entwicklung. Er denke gar nicht daran, sich auf den Lorbeeren auszuruhen.

„Ich bin extrem glücklich mit unseren bisherigen Fortschritten, aber das bedeutet nicht, dass ich mich für den Rest der Meisterschaft entspannen werde. Im Gegenteil, der Appetit kommt beim Essen, also ist das Ziel jetzt, immer konkurrenzfähiger zu werden.“

Foto: NASCAR Euro Series / Nina Weinbrenner

Die Fans im Fahrerlager staunen über die rasche Anpassung des Rookies an die puristischen Rennwagen, die komplett ohne elektronische Fahrhilfen auskommen. Der Italiener beschreibt den Moment des Umstiegs als emotionalen Urknall.

„Der Wechsel von der Hospitality-Lounge in das Cockpit war ein sofortiger Übergang“, schildert Cartechini die ersten Meter im V8-Monster. „Um ehrlich zu sein, war meine einzige wirkliche Angst, dass ich nie wieder aus dem Auto aussteigen möchte, weil ich wusste, dass ich mich in das Fahren dieser Rennbestien verlieben würde.“

Sobald die Gurte festgezurrt sind, weicht der Respekt vor der Maschine dem absoluten Tunnelblick. „Wenn man erst einmal angeschnallt ist, ist das ein riesiger Mix aus Emotionen: pure das Adrenalin, die Angst vor Fehlern, laserfeiner Fokus und rohe Entschlossenheit“, beschreibt der Newcomer den Zustand vor dem Start.

„Aber in dem Moment, in dem die grüne Ampel aufleuchtet, verblasst alles andere. Von da an ist jede Unze Energie darauf gerichtet, im Tunnel zu bleiben, das Tempo zu managen, Rad-an-Rad zu kämpfen und das Auto nach Hause zu bringen.“

Sein Erfolgsgeheimnis sucht Cartechini nicht nur in Telemetriedaten, sondern in der strikten Philosophie des Familienunternehmens HPM, das er mit seinem Vater und drei Brüdern leitet. Das dortige Firmenmotto lässt sich eins zu eins auf die Arbeit mit der Boxencrew von Teamchef Luca Canneori übertragen.

„Das HPM-Motto, das in fettgedruckten Buchstaben in unserer Unternehmensverfassung steht, lautet: ‚Mach es richtig, um erfolgreich zu sein'“, erläutert der Vertriebsexperte.

Foto: NASCAR Euro Series / Nina Weinbrenner

Dieses Prinzip bestimme jeden Arbeitsschritt in der Fabrik und sorge für die nötige Harmonie im Team. „Jedes Mitglied trägt seinen Teil dazu bei, dass es ihm und allen um ihn herum gut geht“, so Cartechini weiter. „Seinen Job gut zu machen bedeutet, der nächsten Person in der Kette ein fehlerfreies Projekt zu übergeben und keine ‚bösen Überraschungen‘ zu hinterlassen. Es geht darum, Synergien am Arbeitsplatz zu schaffen.“

Genau diese professionelle Struktur fand der Italiener im Fahrerlager der NASCAR Euro Series wieder vor, was ihm die Eingewöhnung erheblich erleichterte. „Als ich das Fahrerlager betrat, fand ich genau dieselbe Philosophie vor“, schwärmt der CAAL-Pilot von der Rennserie.

„Es ist nicht nur die Harmonie und die gegenseitige Unterstützung zwischen Fahrern und Mechanikern, die einen fasziniert, sondern das gesamte Ökosystem, das für Unternehmen aufgebaut wurde.“

Für den Geschäftsmann ist die Plattform daher weit mehr als ein teures Hobby, da sich das Sponsoring durch die B2B-Möglichkeiten im Fahrerlager direkt auszahlt. „In der NASCAR Euro Series sind Sponsoren keine passiven Zuschauer; es ist eine echte Networking-Plattform, auf der man sich direkt in den Boxen oder auf den Tribünen die Hand schütteln, Kontakte austauschen oder mit Kunden ins Gespräch kommen kann“, zieht Cartechini ein positives Fazit. „Für HPM ist das Investment hier nicht nur Marketing, sondern die Partnerschaft mit einer Kultur, die exakt unsere Unternehmenswerte widerspiegelt.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.