Die rote Linie ist überschritten: Gehört das wirklich noch zum Sport?

Die rote Linie ist überschritten: Gehört das wirklich noch zum Sport?
Foto: NASCAR Media / Jonathan Bachman/Getty Images

Nur eine Woche nach der Prügelei zwischen Carson Hocevar und Ryan Blaney gab es in Martinsville gleich zwei heftige Zwischenfälle – Mittendrin: Corey Heim – Für mich wurde auf dem Short-Track die rote Linie klar überschritten

Liebe NASCAR-Fans,

am Freitag saß ich noch mit meinem Kollegen Erik Resch in unserem Podcast „Stay on the Leadlap“ und sprach über das Dilemma, in dem ich mich befinde: Einerseits gehören echte Emotionen, Wortgefechte und gelegentliche Schubsereien zur DNS von NASCAR – sie sorgen für authentische Unterhaltung. Andererseits habe ich bereits im Podcast vor den Gefahren gewarnt, wenn es keine rote Linie gibt; keinen verbindlichen Rahmen, in dem sich die Streithähne bewegen dürfen.

Nur eine Woche später hat Martinsville gezeigt, was passiert, wenn die Zügel fehlen: Aus meiner Sicht wurde der Bogen hier endgültig überspannt.

Schon im Podcast äußerte ich die Sorge, dass das Handgemenge zwischen Carson Hocevar und Ryan Blaney Nachahmer finden würde. Da NASCAR auf Sanktionen verzichtete, wirkte das wie ein Freifahrtschein. Beim traditionsreichen ValleyStar Credit Union 300 in Martinsville wurde nun prompt nachgelegt – und die Gewaltbereitschaft erreichte eine neue Dimension.

Corey Heim und Treyten Lapcevich gerieten im Late-Model-Rennen mehrfach aneinander, bis die letzte Kollision nach dem Rennende beide Autos zerstörte – Heim war daran nicht unschuldig, genauso wenig wie Lapcevich, klar. Was danach geschah, spottet jeder sportlichen Fairness: Heim wurde ausgerechnet vor dem berühmten Hotdog-Stand des Short-Tracks attackiert. Allerdings nicht von Lapcevich selbst, sondern von dessen Boxencrew und Teamchef Chad Bryant, der hemmungslos austeilte. Heim blieb bemerkenswert besonnen, wehrte sich nicht und signalisierte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, sich auf eine Schlägerei einzulassen – so sah es zumindest im Clip aus. Bryant und seine Crew machten dennoch ungeniert weiter.

Warum ist dieser Vorfall so brandgefährlich? Im Cup dreschen hochbezahlte Vollprofis aufeinander ein, deren Teams auf soliden finanziellen Beinen stehen. In den Nachwuchs- und Semi-Profi-Klassen hingegen geht es bei kostspieligen Crashes sofort an die wirtschaftliche Existenz. Die Nerven liegen blanker, die Emotionen kochen schneller über – und es fehlt an geschultem Sicherheitspersonal, um solche Kämpfe im Keim zu ersticken. Was im Cup noch als TV-Spektakel durchgeht, kippt auf den Short-Tracks rasend schnell in unkontrollierbare Gewalt.

Heim kam glücklicherweise ohne schwere Verletzungen davon. Doch bei der zweiten Auseinandersetzung des Abends floss in der Boxengasse tatsächlich Blut: Brad Housewright und Chase Burrow gerieten aneinander, woraufhin das Gefolge beider Fahrer aufeinander losging. Das hat mit Motorsport absolut nichts mehr zu tun und verlangt nach drastischen Strafen. Rennsport muss ein Umfeld bleiben, in dem kein Fahrer nach einem Fahrfehler um seine körperliche Unversehrtheit fürchten muss.

Genau diese Eskalationsdynamik nach unten habe ich befürchtet: Wenn die Elite-Klasse Faustrecht vorlebt und die Offiziellen wegschauen, legitimiert das Gewalt auf allen Ebenen. Wir klopfen uns so lange auf die Schulter und sagen „Boys, have at it – das ist eben NASCAR“, bis der erste Fahrer unglücklich stürzt, mit dem Hinterkopf aufschlägt und bleibende Schäden davonträgt. Muss es erst soweit kommen? Ich hoffe inständig nicht.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin absolut für Emotionen. Die Fahrer dürfen sich hitzige Wortgefechte liefern und sich vor laufender Kamera den Frust von der Seele reden. Auch eine kurze Rangelei zwischen zwei Rivalen mag noch tolerierbar sein – solange die Crews sich heraushalten.

Wenn zwei Kontrahenten meinen, ihren Disput physisch austragen zu müssen, braucht es glasklare Spielregeln – ganz ähnlich wie im Eishockey:

  • Es wird nicht auf jemanden eingeschlagen, der den Kampf verweigert.
  • Keine feigen Attacken aus dem Hinterhalt.
  • Keine Überzahlsituationen durch Mechaniker oder Teamchefs.
  • Sobald Offizielle einschreiten oder ein Fahrer zu Boden geht, ist augenblicklich Schluss.

Ich hoffe sehr, dass sich die Gemüter abkühlen und die Verantwortlichen endlich durchgreifen. Wenn die nächste Eskalationsstufe zündet, ist die Pressemitteilung über schwer verletzte Beteiligte nur noch eine Frage der Zeit. Die Jagd nach viralen Clips und billigen Klicks in den sozialen Medien darf niemals dazu führen, dass wir Respekt und Anstand über Bord werfen. Als aktiver Fußballschiedsrichter habe ich schon viel Gewalt auf dem Fußballplatz erlebt, das brauche ich nicht noch regelmäßig an der Rennstrecke.

Das ist zumindest meine Meinung.

Euer

André Wiegold

Autor(en)

Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.