Meisterschafts-Krimi spitzt sich zu: Larson warnt vor verfrühter Meisterfeier
Mit seinem ersten Superspeedway-Erfolg in Talladega hat Kyle Larson im Meisterschaftskampf mächtig vorgelegt – Dennoch warnen der Hendrick-Pilot und seine Verfolger vor dem anstehenden Short-Track-Wahnsinn in Martinsville vor verfrühten Prognosen
Kyle Larson hat sich am Wochenende auf dem berüchtigten Superspeedway in Talladega mit seinem ersten Karrieresieg auf einem Tapered-Spacer-Track die perfekte Ausgangslage im Kampf um die NASCAR-Cup-Meisterschaft erarbeitet. Während der Hendrick-Pilot reichlich Stage-Punkte abräumte und schließlich in die Victory-Lane abbog, versanken seine engsten Verfolger in schweren Unfällen. Trotz dieses massiven Vorsprungs ist die Meisterschaft noch nicht rechnerisch entschieden, denn auf dem Short-Track von Martinsville lauern unberechenbare Gefahren, die das Blatt im Titelkampf binnen Sekunden wenden können.
Der Vorsprung von Larson auf die Verfolger ist zwar gewaltig angewachsen, doch die Tür für die Konkurrenz steht weiterhin einen Spalt weit offen. In der Theorie könnte Larson den Sack zwar schon am kommenden Wochenende auf dem traditionsreichen Short-Track in Martinsville zumachen, wenn er mindestens drei Punkte mehr als seine Rivalen holt. Sollte der Hendrick-Pilot dort allerdings patzen und früh ausscheiden, reicht den Titelrivalen ein Befreiungsschlag, um vor dem Finale in Homestead-Miami wieder voll im Geschäft zu sein.

Larson selbst weigert sich deshalb vehement, den Champagner vorzeitig kaltzustellen und den Titel bereits abzuhaken. „Ja, ich weiß nicht“, wiegelte der Kalifornier im Media-Center ab. „Es sind immer noch zwei Rennen zu fahren. Es ist so einfach, darauf zu schauen und zu sagen: ‚Oh, die 5 hat es geschafft.‘ Wir könnten nach Martinsville fahren und es gibt in der ersten Runde einen Ziehharmonika-Effekt in Kurve 3. Ich könnte mir den Kühler eindrücken und das war’s.“
Der Hendrick-Star warnt eindringlich davor, die Chase-Dynamik auf die leichte Schulter zu nehmen. „Ihr alle im Medienzentrum sagt Sachen wie: ‚Diese Person ist raus, diese Person hat es sicher'“, betonte Larson weiter. „Sie gewinnen oder es passiert etwas, bumm, und das Bild ändert sich komplett. Ich greife mir selbst überhaupt nicht voraus. Und ich werde euch auch nicht erlauben, dass ihr mich dazu bringt.“
Aktuell besitzen noch sieben Fahrer die mathematische Chance auf die Krone, auch wenn die Hürden hoch sind. Denny Hamlin lauert mit 73 Zählern Rückstand, Christopher Bell hat 74 Punkte Rückstand und Chase Briscoe fehlen 79 Zähler. Selbst für die Penske-Piloten Joey Logano und Ryan Blaney ist der Traum trotz über 100 Punkten Rückstand zumindest auf dem Papier noch nicht vollständig ausgeträumt.
Hamlin will die Flinte trotz der bitteren Ausgangslage noch nicht komplett ins Korn werfen. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht“, antwortete Hamlin auf die Frage, ob seine Meisterschaftschancen vorbei seien. „Die #5 hat zur richtigen Zeit des Jahres einen massiven Lauf. Wenn du mich zu Beginn des Tages gefragt hättest, ob ich einen achten Platz nehme, hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt. Es ist enttäuschend, aber unser Tag hätte auch verdammt noch mal viel schlimmer sein können.“
Zudem haderte Hamlin mit den harten Taktikspielchen auf dem Asphalt, bei denen Larson von einer geschlossenen Chevrolet-Phalanx abgeschirmt wurde. „Wir haben keine Stage-Punkte geholt, obwohl wir es versucht haben“, erklärte Hamlin die Frustration über den Rennverlauf. „Aber es liefen da draußen einfach eine Menge Spielchen ab. Es ist wirklich verdammt schwer, da durchzukommen.“
Zu diesen Taktiken gehörte unter anderem Ross Chastain, der das Feld auf der Außenbahn aufhielt und schließlich den entscheidenden Schubser zum Sieg lieferte. Dieses Manöver sorgte jedoch im Hinterfeld für Unruhe und mündete in einem schweren Crash, der mehrere Meisterschaftsanwärter wie Joey Logano aus dem Rennen riss. Logano selbst zeigte sich im Nachgang jedoch überraschend gelassen und blickte bereits nach vorne.

„Es ist ein Rennen, und jeder hat das Recht, Rennen zu fahren“, bilanzierte Logano das Geschehen nüchtern. „Er fährt schließlich auch für sich selbst, daher kann man da nicht wirklich jemandem die Schuld geben. Das ist einfach das, was Superspeedway-Racing heutzutage ist: Manchmal nervt es total, manchmal ist es ziemlich genial, und manchmal landest du auf dem Dach und findest es einfach scheiße. Ich weiß nicht – ich mag Martinsville.“
Auch Blaney erlebte ein Desaster auf dem Alabama-Oval und muss nun zwingend auf dem kommenden Short-Track abliefern. „Es hängt am Tropf, das ist sicher, aber man weiß nie“, sagte Blaney über seine Titelchancen. „Es hilft definitiv nicht, und das war etwas, was wir uns heute absolut nicht leisten konnten. Leider ist es passiert, also müssen wir nächste Woche einfach antreten und versuchen, das Beste daraus zu machen.“
Dass Larson überhaupt in dieser dominanten Position steckt, lag an einer bemerkenswerten Kehrtwende nach dem vorausgegangenen Rückschlag in Phoenix. Crew-Chief Cliff Daniels hatte dort ein Setup gewählt, das nicht funktionierte, stellte sich aber sofort vor seine Mannschaft. Daniels gab zu Protokoll: „Ich bin am Montag reingekommen und habe die volle Verantwortung übernommen. Es geht auf meine Kappe wegen des Setups, das wir im Auto hatten.“
Statt in Panik zu verfallen, nutzte das Team den Frust als Antrieb für die Aufholjagd. „Nachdem wir die Enttäuschung vom Montag verdaut hatten, haben wir bei der Vorbereitung auf Talladega wahrscheinlich mehr gelacht und Spaß gehabt als seit langer Zeit“, erklärte Daniels stolz. „Ich habe dieses Zitat nach dem Rennen schon ein paar Mal gesagt: Eine ruhige See hat noch nie einen geschickten Seemann hervorgebracht. Selbst wenn man diese schweren Zeiten hat und die See rau ist – genau dann hat man eine gute Gruppe von Leuten, die bereit sind, sich reinzuhängen, zusammenzuarbeiten und aneinander zu glauben.“
Diese mentale Stärke zeichnet die Mannschaft um die Startnummer 5 seit Jahren aus und macht sie so gefährlich. „Wir feiern nicht sonderlich viel, wenn wir gewinnen, und wir lassen nicht die Köpfe hängen, wenn wir harte Rennen haben“, beschrieb Larson die Philosophie seiner Crew. Genau diese Gelassenheit wird Larson nun auf der „Paperclip“ in Martinsville brauchen, denn entschieden ist dieser packende Titelkampf erst beim Fallen der letzten Flagge.
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.







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