Wahnsinn in der Overtime: Larson bricht Superspeedway-Bann und enteilt im Titelkampf
Elf Plätze in nur einer Runde gutgemacht: Kyle Larson nutzte das Chaos der Overtime und siegte hauchdünn vor Teamkollege William Byron – Für den Titelverteidiger war der späte Coup in Alabama gleichzeitig ein gigantischer Schritt in Richtung Meisterschaft
Kyle Larson hat sich am Sonntagabend auf dem Talladega Superspeedway mit einem spektakulären Schlussspurt den Sieg im YellaWood 500 gesichert. Der aktuelle NASCAR-Cup-Champion stürmte in der letzten Runde der Overtime von Rang elf aus an die Spitze und fing seinen Hendrick-Teamkollegen William Byron um winzige 0,041 Sekunden auf der Ziellinie ab. Für den 34-jährigen Kalifornier war es im 59. Anlauf der allererste Triumph auf einer echten Pack-Racing-Strecke, mit dem er seinen Vorsprung im Meisterschaftskampf zwei Rennen vor Schluss massiv ausbaute.
Auf der letzten Viertelmeile des 2,66 Meilen langen Ovals stach Larson mit seinem Hendrick-Chevrolet mit der Startnummer 5 auf die innerste Spur und passierte gleich sieben Kontrahenten auf einen Schlag. Hinter Byron überquerten Ricky Stenhouse Jr. und Ross Chastain die Ziellinie Tür an Tür, während Cole Custer und Carson Hocevar den Sechsfachsieg für Chevrolet perfekt machten. Seinen Premierensieg auf einem Superspeedway feierte Larson anschließend auf der Auslaufrunde gemeinsam mit seinen drei Kindern im und auf dem Auto.
Die Highlights gibt es auf Deutsch im Laufe der Woche auf dem YouTube-Kanal von Sportdigital1+
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das passiert ist. Ich hatte einfach riesiges Glück mit dem Verlauf der Dinge“, strahlte der Rennsieger nach der Zieldurchfahrt. „In den Kurven 1 und 2 war das Auto extrem unruhig, als mich die Startnummer 33 anschob, aber genau das hat mir am Ende geholfen.“
Der Schlüssel zum Erfolg lag für Larson auch in der mannschaftlichen Geschlossenheit der Marke mit der goldenen Schleife. „Ich muss mich wirklich bei all meinen Partnern bei Chevy und GM dafür bedanken, wie wir den ganzen Tag zusammengearbeitet haben“, betonte er. „Das war spürbar und definitiv mein bestes Superspeedway-Rennen überhaupt, also vielen Dank an alle.“
Dabei sah es wenige Sekunden vor Schluss keineswegs nach einem Triumph aus, als der Champion nach einem Zweikampf weit zurückgereicht worden war. „Eingangs von Kurve 2 war ich stinksauer auf mich selbst, habe die Hände vom Lenkrad genommen und mich einfach nur geärgert“, schilderte Larson die dramatischen Momente. „Und dann ging plötzlich alles vor mir auf, ich konnte den Schwung mitnehmen und es war ein unglaublicher Weg, diesen ersten Superspeedway-Sieg einzufahren.“

Für seinen geschlagenen Teamkollegen Byron war das Finish ein Wechselbad der Gefühle. „Nach Kurve 2 riss das Feld etwas auf und ich dachte mir: Mann, hier geht doch noch was“, beschrieb er das Finale. „Als ich vor Kurve 3 freie Bahn hatte, ging es nur darum, den Schwung zu halten. Zweiter zu werden nervt natürlich tierisch, aber es ist klasse, dass Kyle gewonnen hat. Wir haben den ganzen Tag super harmoniert und wenn ich es nicht schaffe, sollte er es machen. Ich bin stolz auf unseren Kampf.“
Die Schlussphase hatte einmal mehr die berüchtigte Talladega-Dramatik geboten, inklusive einer 13-minütigen Rennunterbrechung mit der Roten Flagge nach einer 15-Autos-Massenkarambolage. Auslöser war eine Berührung an der Spitze fünf Runden vor Schluss, als Carson Hocevar das Heck des führenden Joey Logano erwischte. Der Penske-Pilot überschlug sich, rutschte auf dem Dach über den Asphalt und konnte erst nach dem Aufrichten seines Fords unverletzt aussteigen.
„Ich habe einfach an der falschen Stelle einen Stoß bekommen“, resümierte Logano den Schreckmoment nüchtern. „Das war ein echter Ricky-Bobby-Moment, nach dem Motto: ‚Oje, ich stehe kopf, das ist gar nicht gut.’“
Gleichzeitig sprach Logano den Sicherheitsstandards und Helfern ein großes Lob aus: „Die Rettungsmannschaft hat einen fantastischen Job gemacht, als sie das Auto wieder umgedreht hat. Und der Wagen hat gehalten. Bei meinem letzten Überschlag wurde das Dach noch auf meinen Kopf gedrückt. Diesmal hat nichts nachgegeben, vielen Dank an die NASCAR und das Rettungsteam.“
Bereits im früheren Rennverlauf hatte ein Crash mit zwölf Fahrzeugen auf der Gegengeraden unter anderem Ryan Blaney aus der Entscheidung gerissen, während Christopher Bell nach einem Dreher bei der ersten Boxenstopp-Sequenz schwer beschädigt nur Rang 35 erreichte. Polesetter Chase Briscoe wurde ebenfalls in den späten Unfall verwickelt, was den Chase-Kampf der Verfolger nachhaltig beschädigte.
In der Meisterschaftswertung geht Larson nun mit einem komfortablen Polster in die letzten beiden Saisonläufe. Er führt mit 73 Zählern vor Denny Hamlin, gefolgt von Christopher Bell mit 74 und Chase Briscoe mit 77 Punkten Rückstand. Logano, Blaney und Tyler Reddick haben rechnerisch zwar noch Chancen, liegen jedoch bereits 100 oder mehr Zähler hinter der Spitze.
Trotz der scheinbar beruhigenden Ausgangslage mahnte Hendrick-Vize und NASCAR-Legende Jeff Gordon zur Vorsicht: „Zu diesem Zeitpunkt in der Saison gibt es keinen Punktevorsprung, der groß genug wäre.“ Die NASCAR Cup Series wechselt am kommenden Sonntag vom größten Oval im Kalender auf eine der kleinsten Bühnen: Auf dem Halbmeilen-Short-Track in Martinsville steht das Xfinity 500 auf dem Programm, bei dem Byron als Vorjahressieger antritt.
Dir hat dieser Artikel gefallen? Dann lass doch gerne einen Kaffee da – oder einen winzigen monatlichen Beitrag. Damit ich dieses Projekt auch in Zukunft unabhängig und in dieser Tiefe betreiben kann, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung. Jeder Beitrag hilft direkt dabei, die Qualität und Vielfalt meiner Berichterstattung zu sichern.
Jetzt Leadlap.de und André Wiegold unterstützen via PayPal
(Hinweis: Freiwilliger Beitrag zur Förderung journalistischer Inhalte, inkl. USt., keine steuerlich absetzbare Spende.)
Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.







Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.