Rückkehr zu den Wurzeln: Logano und Hamlin über den „neuen alten“ NASCAR-Chase
Die NASCAR-Veteranen Joey Logano und Denny Hamlin analysierten den neuen alten Chase – Beide Routiniers sahen die Wiedereinführung der Konstanz als massiven Fortschritt machten jedoch auch auf neue Herausforderungen aufmerksam
Joey Logano und Denny Hamlin sind im Jahr 2026 die einzigen verbliebenen Titelanwärter, die das ursprüngliche Chase-Format noch aktiv miterlebt haben. Zwar gehört auch Brad Keselowski zu jenen Fahrern, die die Vorbildstruktur in den 2010er-Jahren kennengelernt haben, doch er konnte sich nicht für die aktuelle Endrunde qualifizieren. Nun stehen beide vor dem Eröffnungsrennen der Post-Season in Darlington und analysieren das aktuelle Format.
„Auch wenn sie es immer noch den ‚Chase‘ nennen, unterscheidet es sich doch gewaltig von dem, was er damals war – vor allem durch die Setzliste und die Abstände im Feld“, erklärt Logano. Der Penske-Pilot fuhr seine bisherigen drei NASCAR-Cup-Titel ausschließlich im Eliminierungsformat ein. „Es ist grundverschieden, zumal wir jetzt auch Stages haben, was ebenfalls eine große Abweichung vom alten System darstellt. Im Grunde ist nur der Name gleich geblieben.“

Zu den zentralen Neuerungen im Vergleich zum allerersten Chase zählt vor allem die höhere Gewichtung von Rennsiegen, die nun 55 statt der damaligen 47 Punkte. Hinzu kommen die neu eingeführten Stage-Punkte, die die Rennstrategien maßgeblich verändern dürften.
Zusätzlich zur höheren Wertung des Sieges kommt die Anzahl der Teilnehmer, die sich im Vergleich zum Original von zehn auf 16 erhöht hat. Der Führende hat nun einen Vorsprung von 25 Punkten auf Platz zwei, im Original waren es fünf.
Erfahrung als Trumpfkarte?
Hamlin, der als Gesamtführender in den Chase startet, stimmt in dieser Hinsicht Logano zu. Der 45-jährige NASCAR-Veteran räumt zwar ein, dass es sich um ein anderes Format handelt, unterstreicht aber zugleich, dass die strategische Herangehensweise durchaus ähnlich ausfallen könnte.
„Ich glaube, jeder wird ziemlich schnell merken, dass sich dieses System massiv von dem unterscheidet, was wir in der jüngeren Vergangenheit hatten. Wir werden viele Situationen erleben, die wir im ersten Moment für rennentscheidend halten – und rückblickend waren sie es vielleicht auch. Aber mit absoluter Gewissheit wissen wir das erst, wenn die Saison in Homestead vorbei ist.“

„Wie man die damaligen Erfahrungen auf das heutige Format mit den Stages und all diesen Faktoren anwendet, steht auf einem anderen Blatt“, führt der Joe-Gibbs-Pilot weiter aus. „Aber es ist sicherlich von Vorteil, dass Joey [Logano] und ich die Einzigen sind, die das damals schon mitgemacht haben. Wir wissen genau, was für ein extrem langer Weg jetzt vor uns liegt.“
Dabei hebt Hamlin besonders hervor, dass der „neue alte Chase“ weitaus bessere Möglichkeiten bietet, einen Punkterückstand aufzuholen: „Diesmal ist die Ausgangslage anders, weil wir Stages haben und es für Siege mehr Zähler gibt als bei unserer letzten Chase-Teilnahme. Ich glaube durchaus, dass Fahrer heute größere Lücken schließen können als früher. Generell weiß ich daher nicht, ob meine langjährige Erfahrung zwangsläufig ein Vorteil ist – abgesehen von der reinen Streckenkenntnis.“
Konstanz statt K.-o.-System: Ein veränderter Leistungsdruck
Auch wenn das Format durch die Aufholmöglichkeiten einen neuen Druck mit sich bringt, herrscht im Vergleich zu den knallharten Eliminierungsphasen der letzten Jahre nun eine andere Form des Erfolgszwanges. Ab sofort steht vor allem eine Fähigkeit im Fokus: die absolute Konstanz.
„Den ultimativen Druck der vergangenen Jahre haben wir so nicht mehr“, analysiert Logano, der mit 2035 Punkten von Rang neun den Titel in Angriff nehmen wird. „Jetzt geht es im Chase um reine Konstanz – also darum, wie ich heute mehr als 40 Punkte einfahren kann. Es heißt nicht mehr zwangsläufig: ‚Ich muss siegen, sonst fliege ich komplett raus.‘“

Dabei betont der Fahrer der Startnummer 22, dass einzelne Ausreißer weniger ins Gewicht fallen und das Format insgesamt unkomplizierter ist: „Bei jedem Rennen gibt es dieselbe Maximalpunktzahl und am Ende zählt der Gesamtschnitt über die zehn Läufe. Es ist im Moment also ziemlich simpel. Es gibt keine K.-o.-Rennen oder eine ‚Round of 8‘ mehr – wie auch immer man das nennen mag. Jedes einzelne Rennen zählt genau gleich viel.“
„Zehn Wochen Hölle“ für mehr sportliche Fairness
Dennoch sollte die körperliche und mentale Anstrengung laut Logano keinesfalls unterschätzt werden: „Es sind zehn Wochen Hölle. Ich habe Jimmie Johnson das einmal sagen hören, und es trifft den Nagel auf den Kopf. Es sind zermürbende zehn Wochen, aber am Ende winkt eine ziemlich coole Trophäe. Das Gefühl, das ganze Ding zu gewinnen, ist all diese Strapazen wert. Wenn man das im Hinterkopf behält, fällt es gar nicht so schwer, sich zu motivieren. Man kämpft einfach unermüdlich weiter. Die Qualen einer Niederlage schmerzen zwar – und ich kann euch sagen, sie schmerzen jetzt noch mehr –, aber das ist der Preis, den man dafür zahlt.“
Hamlin verwies in seinem Interview abschließend gezielt auf eine neugewonnene, größere Fairness. Gerade er hatte 2025 auf die wohl härteste Weise zu spüren bekommen, wie schnell einem ein über das ganze Jahr mühsam aufgebauter Titel in nur einem einzigen Rennen durch die Finger rinnen kann.

„Wenn man in den vergangenen Jahren zu den Favoriten gehörte, wusste man immer, dass die Entscheidung am Ende wohl durch einen beschissenen Green-White-Checkered-Zieleinlauf im allerletzten Rennen fällt und so der Meister gekrönt wird“, blickt Hamlin zurück.
Sein Fazit zum neuen System fällt daher eindeutig aus: „Ich halte das, im Vergleich zu dem, was wir bisher hatten, für einen gewaltigen Schritt nach vorn, um einen wahren Champion zu krönen.“
Guter Journalismus braucht mehr als Vollgas: Er braucht Treibstoff für Recherchen, Reisen, Technik und Lebensunterhalt. Leadlap.de liefert dir fundierte Hintergründe ohne Bezahlschranke. Wenn du den virtuellen Tank für die nächste Analyse füllen oder einen schnellen Espresso an die Boxenmauer schicken möchtest, hilft jeder Beitrag direkt weiter.
Jetzt Leadlap.de und André Wiegold unterstützen via PayPal
(Hinweis: Freiwilliger Beitrag zur Förderung journalistischer Inhalte, inkl. USt., keine steuerlich absetzbare Spende.)
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.