Das Wunderkind von Hendrick Motorsports: Warum Kyle Larson Corey Day in die NASCAR holte
Die Rennsportlegende Kyle Larson erkannte das riesige Potenzial von Corey Day bei direkten Duellen auf Dirt-Tracks – Das Traditionsteam Hendrick Motorsports nahm das Ausnahmetalent daraufhin unter Vertrag und baute ihn rasant für die NASCAR auf
Obwohl Hendrick Motorsports zu den etabliertesten Teams der NASCAR zählt, verfolgt der Rennstall bei der Nachwuchsförderung einen unkonventionellen Ansatz. Im Gegensatz zu Konkurrenten wie Joe Gibbs Racing unterhält die Mannschaft des US-amerikanischen Geschäftsmanns Rick Hendrick kein durchstrukturiertes Förderprogramm bis in die untersten Rennserien.
Vielmehr setzt das Team darauf, Ausnahmetalente gezielt zu scouten und individuell aufzubauen. Diesen Prozess schilderte der ehemalige Cup-Champion und heutige stellvertretende Vorsitzende von Hendrick Motorsports, Jeff Gordon, kürzlich im Podcast Business of Motorsports von Kelly Earnhardt Miller.
„Im Grunde haben wir gar kein festes Nachwuchsprogramm“, erklärte Gordon. „Es läuft eher so ab: Mr. Hendrick sieht ein Talent und sagt sofort: ‚Der Typ gefällt mir, wo fährt er gerade?‘“

Vom Dirt-Track auf den Radar von Jeff Gordon
Der neueste Rohdiamant, der genau auf diese Weise entdeckt wurde, heißt Corey Day. Aktuell geht der 20-jährige Kalifornier für Hendrick Motorsports in der zweiten NASCAR-Liga an den Start. Sein Weg dorthin war jedoch alles andere als gewöhnlich.
Day sammelte seine ersten Erfahrungen im Dirt-Racing, größtenteils in Sprint Cars. Die für die NASCAR so essenzielle Erfahrung auf Asphalt fehlte ihm völlig – was sich paradoxerweise als Glücksfall herausstellen sollte, da sich so seine Wege mit denen von Kyle Larson kreuzten.
Der zweimalige NASCAR-Champion erkannte in direkten Duellen auf losem Untergrund schnell das immense Potenzial von Day. Larson empfahl den Youngster daraufhin Gordon – ähnlich wie Gordon Jimmie Johnson einst Rick Hendrick empfahl.

„Plötzlich sahen wir diesen Jungen, Corey Day, der Rad an Rad mit Larson kämpfte und ihn mitunter sogar schlug“, beschrieb Gordon die Anfangsphase. „Ich weiß noch, wie ich zu Kyle ging und fragte: ‚Hey, ist der wirklich so gut?‘ Und er antwortete nur: ‚Der ist richtig stark.‘“
Eine familiäre Verbindung half ebenfalls: „Sowohl Jeff Andrews [Präsident und General Manager bei Hendrick Motorsports] als auch ich kannten bereits seinen Vater“, so Gordon weiter. „Ich bin zwar nicht zwingend viele Rennen gegen Ronnie Day gefahren, aber doch ein paar, und ich kannte ihn eben aus Kalifornien. Es ist eine tolle Familie, und alles, was ich von Corey sah, hat mich schlichtweg beeindruckt.“
Aller Anfang ist schwer: Die ersten Schritte auf Asphalt
Daraufhin startete Hendrick ein individuelles Aufbauprogramm. Die ersten Schritte verliefen jedoch nicht ohne Hürden. Da Day bis dato fast ausschließlich in Sprint Cars unterwegs war, kannte er weder Kupplungen noch klassische Schaltvorgänge. Das machte die ersten Trainingseinheiten zu einer zähen Angelegenheit.
„Ich erinnere mich noch an unsere erste gemeinsame Ausfahrt“, blickte Gordon zurück. „Vor unserem Besuch in der Rennfahrerschule von Ron Fellows war er noch nie ein Auto mit manuellem Schaltgetriebe gefahren. Nach dem ersten Tag dachte ich nur: ‚Oh, ich weiß ja nicht.‘ Ich war mir ehrlich gesagt ein wenig unsicher.“

Am Folgetag reiste Larson an, um das Training zu übernehmen. Gordon schildert die Entwicklung: „Ich war bereits abgereist und rief Kyle am nächsten Tag an, nachdem die beiden ihr Programm beendet hatten. Ich fragte: ‚Und, wie lief es?‘ Er antwortete nur: ‚Oh Mann, der ist verdammt schnell.‘“
Gordon war verblüfft: „Ich dachte nur: ‚Wirklich? Denn gestern, als ich vor Ort war, bekam er es kaum hin.‘ Kyle meinte bloß: ‚Ich habe keine Ahnung, was er über Nacht gelernt hat.‘“
Die steile Lernkurve eines Ausnahmetalents
Die Lernkurve des jungen Piloten war steil. „Kyle sagte: ‚Egal, was ich anstelle, er hält mit; er klebt mir förmlich am Heck.‘ Genau da wurde uns erneut klar: Wenn du ein Sprint Car mit über 900 PS auf losem Untergrund beherrschst, bist du imstande, bestimmte Zwischenschritte im Motorsport einfach zu überspringen“, fasste der stellvertretende Vorsitzende zusammen.
Hendrick zögerte nicht lange und stattete das Nachwuchstalent zügig mit einem Entwicklungsvertrag aus. Gordon erklärte den Grund für die Eile: „Der ausschlaggebende Punkt bei Corey war sein Alter. Als wir die ersten Gespräche führten, war er gerade einmal 17 oder 18 Jahre alt. Wir wussten, dass wir schnell zuschlagen mussten, bevor er sich den Fahrstil angewöhnt, jedes Auto permanent wie ein Dirt-Sprint-Car um die Kurven werfen zu wollen.“

Ab diesem Moment genoss Day einen maßgeschneiderten Förderplan. Bereits 2024 ging er in unterschiedlichen Rennklassen wie der ARCA-, der Trans Am-, Truck- und der O’Reilly-Series an den Start, um die vielfältigen Streckentypen kennenzulernen.
„Ich fühle mich definitiv wie ein Fisch auf dem Trockenen“, gab Day zu Beginn gegenüber ESPN zu. „Es wirkt für mich immer noch ein wenig befremdlich, aber das ist keine schlechte Sache. Ich verstehe die Abläufe, aber längst nicht in dem Maße wie in der Sprint-Car-Welt. Das ist mein Zuhause, dort habe ich die letzten acht Jahre meines Lebens verbracht. Es ist eine gewaltige Umstellung, und die Unterschiede sind enorm.“
Auf der Überholspur in die O’Reilly-Serie
Larson trieb die Entwicklung parallel weiter voran. „Es war großartig, dass Kyle sich derart einschaltete. Er meinte direkt: ‚Setzt ihn einfach geradewegs in ein O’Reilly-Auto. Spart euch den ganzen Umweg.‘ Wir dachten nur: ‚Wie bitte, was?‘“, erinnerte sich Gordon an den ungewöhnlichen Karriereplan.
Der Mut zahlte sich aus: Seit 2026 startet Day nun Vollzeit in der O’Reilly-Serie und konnte bereits zwei Siege in Talladega und Dover einfahren.
Was diesen Erfolg so bemerkenswert macht, ist Days extreme Anpassungsfähigkeit. Vor seinem Deal mit Hendrick hatte er lediglich eine Handvoll Asphalt-Rennen bestritten.

Langfristige Vision statt schnellem Druck
„Ich verspüre keinen Druck im Sinne von: Ich muss alles perfekt machen, sonst werde ich gefeuert“, erklärte der Pilot seine Herangehensweise. „Aber ich spüre definitiv den Druck, Leistung bringen zu wollen. Ich war noch nie in einer Situation, in der Legenden wie Jeff Gordon und Kyle Larson so große Stücke auf mich halten.“
Trotz seiner steilen Lernkurve und seines rasanten Aufstiegs hat Hendrick Motorsports für 2028 vorerst Connor Zilisch und nicht das Nachwuchstalent unter Vertrag genommen. Hendrick hat diese Entscheidung getroffen, damit der 20-Jährige nun erst einmal Fuß fassen kann. Teambesitzer Rick Hendrick plädiert für eine gesunde Entwicklung.
„Corey Day ist ein enormes Talent, und unser Plan sieht vor, dass er langfristig ein Teil unserer Zukunft ist. Viele Leute übersehen, dass er erst seit etwa einem halben Jahr auf Asphalt unterwegs ist. Es wird großartig sein, ihm beim Wachsen zuzusehen. Wir haben Pläne für ihn, die weit über die nächsten Jahre hinausgehen. Wenn die Zeit reif ist, wird er aufsteigen. Aber für den Moment geht es für Corey nur ums Lernen. Wir wollen nächstes Jahr um die Meisterschaft im O’Reilly-Auto mitfahren. Wir freuen uns riesig auf ihn. Ich liebe seine Jugend, den Enthusiasmus, die Energie und vor allem sein Talent.“
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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