Vom OP-Saal in die NASCAR Euro Series: Der unaufhaltsame Weg von Maral Ghazarian

Vom OP-Saal in die NASCAR Euro Series: Der unaufhaltsame Weg von Maral Ghazarian
Foto: NASCAR Euro Series / Nina Weinbrenner

Maral Ghazarian startet in der NASCAR Euro Series 2026 in der Startnummer 30 für Rette Jones Racing by Hendriks Motorsport in der Rookie Challenge – Das ist die schnelle Schweizerin

Wer im Operationssaal die Nerven behält, bringt bereits die perfekte mentale Stärke für die Rennstrecke und ein enges Cockpit mit. Maral Ghazarian, im Alltag Fachfrau Operationstechnik aus Oberentfelden in der Schweiz, beweist genau das. Sie hat einen ungewöhnlichen und faszinierenden Weg hinter sich: Ohne klassischen Racing-Hintergrund in der Familie hat sie sich in kürzester Zeit aus dem Nichts bis in das Cockpit eines EuroNASCAR-Boliden gekämpft.

Ihr Einstieg in die Welt des Motorsports war alles andere als gewöhnlich. Es war kein jahrelanges Kart-Training ab dem Kindesalter, sondern eine Mischung aus modernem Streaming und sozialen Medien.

„Zum Rennsport-Virus – das war eigentlich so, dass ich über Netflix diese ‚Drive to Survive‘ Formel-1-Show geguckt habe“, sagt sie gegenüber Leadlap.de. „Das war irgendwie gleich nach Corona.“ 

„Auf TikTok, das ja mega geboomt hat, hatte ich irgendwie ein Video auf meinem Feed, wo stand: ‚Ja, du bist eine Frau und du willst Rennfahrer werden? Du musst nur 18 sein, einen Führerschein haben, sonst nichts.‘ Ich dachte so: ‚Hä, was ist das denn?‘ Ich habe es mir angeschaut und mich angemeldet. Das war halt dieses Formula Woman Team.“

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Motorsport in Ghazarians Leben kaum präsent. Formel 1 oder Go-Kart waren in ihrer Familie nie ein Thema; Kart gefahren war sie bis dahin vielleicht zweimal. Doch eines stach schon immer heraus: Ihre pure Leidenschaft für die Straße. 

Zu ihrem 18. Geburtstag wollte sie nur eines: Geld für die Autoprüfung, um so schnell wie möglich fahren zu können. Nach bestandener Prüfung kaufte sie sofort ein Auto und saß seitdem gefühlt ununterbrochen hinter dem Steuer. Autofahren passte einfach zu ihr – und das Racing kam nun als die perfekte Krönung obendrauf.

Die Jahre des Lernens

Im Sommer 2022 startete ihr Abenteuer bei Formula Woman. Das Team bot dreitägige Schnupper-Camps an, bei denen Frauen durch Trackdays, Go-Kart, Sim-Racing und gezieltes Training zum ersten Mal Motorsportluft schnuppern konnten. Ghazarian packte das Fieber sofort.

Foto: NASCAR Euro Series / Nina Weinbrenner

Sie meldete sich für eine länderübergreifende Competition an, bei der man einen echten Rennsitz für die nächste Saison gewinnen konnte. Unter rund 400 Teilnehmerinnen aus aller Welt – darunter auch Fahrerinnen wie Brenna Schubert, die heute auch immer wieder in der NASCAR Euro Series fährt – bewies Ghazarian ihr Talent und kämpfte sich bis in die Top 50 vor. Für das absolute Finale reichte es damals zwar knapp nicht, doch das Team behielt sie aufgrund ihrer Leistung dennoch im Programm.

Im Jahr 2023 folgten die ersten echten Einsätze: Mit einem Jaguar Project 8 bestritt sie sogenannte Sprint-Rennen, die im Time-Attack-Modus ausgetragen wurden (eine einzige Runde so schnell wie möglich). Da ihr das reine Fahren gegen die Uhr auf Dauer zu wenig Entwicklungsspielraum bot, kam der nächste logische Schritt gerade recht. 

Die Serie plante einen weltweiten Nations Cup und stellte dafür auf reinrassige Rennwagen um – die Radicals. Ghazarian absolvierte intensive Testtage, unter anderem auf Strecken in Frankreich, um sich perfekt auf diese anspruchsvollen Prototypen einzustellen.

Rückschlag und Befreiungsschlag in Dubai

Der Weg nach oben verläuft im Motorsport selten ohne Kurven. Ende 2024 wurde das geplante Event mehrfach verschoben. Um die Fahrerinnen zu beruhigen, veranstalteten die Organisatoren im Dezember 2024 ein großes Qualifying-Event auf dem Dubai Autodrome.

Im Mai 2025 sollte schließlich das riesige Hauptevent steigen – aufgezogen mit Family Zones und allem erdenklichen Schnickschnack, fast schon in der Dimension eines Formel-1- oder großen NASCAR-Rennens. 

Doch nur zehn Tage vor dem Start folgte der Schock: Das Event wurde komplett abgesagt, die Organisation von Formula Woman musste Insolvenz anmelden. Von heute auf morgen schien alles vorbei zu sein.

Foto: NASCAR Euro Series / Bart Dehaese

Doch Ghazarian und ihre Mitstreiterinnen gaben nicht auf. Sie flogen dennoch nach Dubai und organisierten in Abu Dhabi auf dem berühmten Formel-1-Kurs von Yas Marina einen privaten Testtag mit dem arabischen Team GulfSport. Aus dieser Krise heraus wurde die Initiative Racing Women als neues Fundament geboren. 

Die Frauen, die das Budget dafür aufbringen konnten, schlossen sich zusammen, um beim Finale des Radical Cup UK im September 2025 in Donington Park ihr lang ersehntes, echtes Renndebüt zu geben. Mit Erfolg: Acht oder neun Frauen standen am Start – und Ghazarian hatte den Sprung in den echten Rennsport endgültig geschafft.

Der Wechsel in die NASCAR Euro Series

Der Kontakt zur NASCAR Euro Series entstand schließlich über ihre Kollegin Natalie Neumann, die Ghazarian seit Tag 1 aus ihrer gemeinsamen Zeit kannte. Als sich im Herbst 2025 die Frage stellte, wie die sportliche Weiterentwicklung aussehen könnte, folgte Natalie dem langjährigen Rat von Gil Linster und absolvierte einen Testtag in der NASCAR Euro Series. Ghazarian sah die Posts dazu und war sofort fasziniert.

Obwohl sie extrem spät dran war, organisierten Linster und Jerome Galpin, der Chef der NASCAR Euro Series im Februar 2026 buchstäblich in letzter Minute einen Recruitment-Test für sie auf der Strecke in Fontenay.

„Ich saß in dem Auto und war total begeistert. Es hat mich so gefreut, in diesem Auto zu setzen, das hat mega Spaß gemacht. Und da wusste ich: ‚Okay, das passt.‘ Und ja, dann ein paar Wochen später hieß es schon: ‚Okay, du machst die Rookie Challenge.’“

Das Gefühl, in einem EuroNASCAR-Boliden zu sitzen, beschreibt Ghazarian mit einem strahlenden Lächeln: Sie fühlte sich direkt wohl und war einfach nur glücklich, fast wie ein kleines Kind. Neben der rohen Faszination des Autos überzeugte sie vor allem die familiäre und herzliche Atmosphäre der Serie sowie der enorme Support durch Galpin und ihr heutiges Team, Rette Jones Racing by Hendriks Motorsport.

Beim Saisonauftakt in Valencia tauchte sie schließlich vollends in die NASCAR-Welt ein – inklusive Autogrammstunden und leuchtenden Kinderaugen im Fahrerlager. Ein Erlebnis, das Ghazarian tief beeindruckte: „Im Moment bin ich da, wo ich sein soll.“

Die aktuelle Saison 2026 und der Blick nach vorn

Aktuell kämpft Ghazarian in der hart umkämpften Rookie Challenge 2026. Mit soliden Resultaten – sie liegt aktuell auf Platz neun im Gesamt-Ranking und war an den Rennwochenenden konstant in den Top 10 zu finden – zeigt sie eine starke Debütsaison.

Ganz zufrieden ist die ehrgeizige Schweizerin mit ihrer Performance in den Trainings-Sessions (wie zuletzt in Frankreich) aber noch nicht. Ihre größte Herausforderung ist derzeit das Zeitmanagement der Sessions: In den ersten 30 Minuten braucht sie etwas Zeit, um mit dem Auto richtig warm zu werden, während sie in der zweiten Hälfte oft fünf bis zehn Sekunden schneller pushen könnte. 

Foto: NASCAR Euro Series / Bart Dehaese

Da die Rundenzeiten in der Gleichmäßigkeitsprüfung jedoch früh fixiert werden müssen, fühlt sie sich manchmal noch etwas limitiert in ihrer Herangehensweise. Dennoch nutzt sie jede Minute im Cockpit, um wertvolle Streckenkenntnis und wichtige Meisterschaftspunkte zu sammeln.

Für die nähere Zukunft hat Ghazarian klare, realistische Ziele gesteckt: Sie möchte im nächsten Jahr den Wechsel in die OPEN-Meisterschaft schaffen, um eine komplette Saison durchzufahren und so viel kostbare Fahrzeit wie möglich zu generieren. Sie lebt den Sport am Rennwochenende voll aus, unterstützt ihr Team an jeder Ecke und lernt ununterbrochen dazu.

Und die langfristigen Träume? Wie fast jede echte Racerin schielt auch Ghazarian irgendwann in Richtung der legendären 24 Stunden von Le Mans, am liebsten in einem Porsche. Doch vor allem gilt für sie ein einfaches, sympathisches Credo.

„Man weiß nie, was kommt“, sagt sie. „Und solange ich irgendwo in einem Auto sitzen kann und fahren kann, bin ich happy.“

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite |  + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.