Kahlschlag in Martinsville: Penske-Duo, Reddick und Briscoe scheitern an der Titelhürde

Kahlschlag in Martinsville: Penske-Duo, Reddick und Briscoe scheitern an der Titelhürde
Foto: NASCAR Media / David Jensen/Getty Images

Auf dem Martinsville Speedway platzen die Titelhoffnungen von Joey Logano, Ryan Blaney, Tyler Reddick und Chase Briscoe vorzeitig – Während Kyle Larson vor dem Finale in Homestead alle Trümpfe in der Hand hält, hadern die Geschlagenen mit kuriosen Pannen und verschenkten Punkten

Das vorletzte Saisonrennen der NASCAR Cup Series auf dem Martinsville Speedway hat am Sonntagabend für eine drastische Bereinigung im Titelkampf gesorgt: Mit Ryan Blaney, Joey Logano, Chase Briscoe und Tyler Reddick schieden gleich vier Titelanwärter rechnerisch aus dem Titelrennen aus. Trotz spürbarer Probleme bei den Spitzenreitern reichten die Platzierungen der vier Verfolger über die 500 Runden auf dem Short-Track nicht aus, um die Meisterschaftsentscheidung bis zum Finale auf dem Homestead-Miami Speedway offen zu halten. Damit machen Kyle Larson sowie das Joe-Gibbs-Duo Christopher Bell und Denny Hamlin den Titel unter sich aus, wobei Tabellenführer Larson beim Showdown in Florida lediglich noch neun Zähler zum Gesamtsieg benötigt.

Das Aus besiegelte sich als Erstes für Titelverteidiger Ryan Blaney, dessen Hoffnungen nach einer herstellerinternen Kollision jäh endeten. Im Zweikampf mit Penske-Partner Josh Berry krachte der Ford mit der Startnummer 12 in das Heck des Vordermanns am Ausgang von Turn 4, wodurch der Kühler massiv beschädigt wurde. Nach einer langen Reparaturpause in der Garage kehrte Blaney zwar noch einmal auf das Halbmeilen-Oval zurück, lag jedoch 57 Runden zurück und wurde lediglich als 35. gewertet.

Gegenüber USA Sports machte ein sichtlich bedienter Blaney seinem Unmut Luft: „Berry hat beschlossen, voll auf die Bremse zu steigen und unseren Tag zu beenden. Ich weiß wirklich nicht warum, nach einer winzig kleinen Berührung, die nicht einmal Absicht war. Er hat den Verstand verloren und unseren Tag beendet.“

Ebenso bitter verlief der Nachmittag für Teamkollege Joey Logano, der sich eigentlich beste Chancen auf seinen vierten Short-Track-Triumph des Jahres ausgerechnet hatte. Ausgerechnet an der Boxengasse verspielte die Mannschaft der Startnummer 22 ein Spitzenresultat: Erst musste Logano wegen eines nicht korrekt festgezogenen linken Vorderrads zusätzlich stoppen, ehe beim nächsten Service ein Werkzeug im Heckfenster stecken blieb und ein Mechaniker durch die Boxengasse geschleift wurde. Zwei Runden Rückstand und Rang 18 bedeuteten das endgültige Aus für die sonst so verlässliche Meisterschafts-Magie der geraden Jahre des dreimaligen Champions.

Logano fand nach dem Rennen deutliche Worte: „Wir hatten sie im Grunde dort, wo wir sie haben wollten. Sie wollten es uns schenken, und wir haben es ihnen direkt wieder zurückgegeben. Es ist einfach frustrierend. Man gewinnt als Team und man verliert als Team, und heute verlieren wir als Team. Wenn wir uns die letzten Wochen anschauen, war die Gelegenheit da. Wir sind jetzt raus, was weh tut. Einerseits können wir stolz darauf sein, wie wir uns nach der Regular-Season zurückgekämpft haben, aber gleichzeitig liegen da über die letzten drei, vier Wochen locker 60 Punkte auf dem Tisch. So ist Racing eben.“

Crew-Chief Paul Wolfe pflichtete seinem Piloten bei: „Wir haben uns in den letzten Rennen an der Box selbst ins Bein geschossen. In Phoenix waren wir in der Position zu gewinnen – das war ein Pflichtsieg und wir haben ihn hergeschenkt. Heute waren wir wieder in Schlagdistanz, lagen in den Top 3, als das Problem an der Box auftrat. Wir haben als Organisation eine Menge Arbeit an der Boxengasse vor uns. Wir dürfen solche Rennen nicht einfach wegwerfen, schon gar nicht, wenn andere Fahrer Probleme haben.“

Für Chase Briscoe zahlte sich das aggressive Taktieren ebenfalls nicht aus. Mit 79 Zählern Rückstand in das Rennen gestartet, versuchte Crew-Chief James Small mit alternativen Boxenstopp-Strategien vergeblich, die dringend benötigte Track-Position zu erzwingen. Am Ende stand ein 14. Rang ohne jegliche Stage-Punkte zu Buche.

Gegenüber zog Briscoe ein ernüchterndes Fazit: „Natürlich will ich Meister werden, aber nach unserer Ausgangslage wussten wir, dass heute etwas ganz Besonderes passieren musste. Schon nach der ersten Stage war mir klar, dass die Chancen wohl ziemlich gering sind. Wir waren von Beginn an wegen all der Pannen so weit hinten, dass wir wieder Hoffnung schöpften, als wir bis auf 20 Punkte herankamen. Aber ich habe in diesen neun Wochen so viele Punkte hergeschenkt – wir müssen nächstes Jahr einfach besser sein.“

Tyler Reddick betrieb zwar mit Platz zwölf Schadensbegrenzung und schob sich in der Tabelle noch an Blaney vorbei auf Rang sechs, blieb auf einer seiner schwächeren Strecken jedoch über die gesamte Distanz blass. Obwohl er die Saison mit garantierten sechs Siegen als erfolgreichster Rennsieger abschließen wird, zeigte sich der 23XI-Pilot selbstkritisch.

„Wir müssen besser werden“, so Reddick unmissverständlich. „Wir haben sechs Rennen gewonnen, aber das bedeutet nicht viel. Wir sind hier gescheitert, weil die Schwächen aus der regulären Saison im Chase wieder aufgetaucht sind. Siege sind großartig, aber ich sitze in der #45, um um Meisterschaften zu kämpfen. Siege holt man an guten Tagen, aber wenn wir danebenlagen, hat uns das wirklich das Genick gebrochen.“

Dass Christopher Bell trotz eines zehnten Platzes und 67 Zählern Rückstand noch theoretische Titelchancen besitzt, nahm der Gibbs-Pilot mit bemerkenswertem Gleichmut zur Kenntnis. Nach einer frühen Fehleinschätzung bezüglich der Reifenstrategie, einer Geschwindigkeitsübertretung in der Boxengasse und einem unverschuldeten Dreher nach Kontakt mit Logano in Runde 215 hakte er das Geschehen pragmatisch ab.

„Ich habe sicherlich noch etwas Optimismus, aber ich bin wohl vor allem realistisch“, erklärte Bell mit Blick auf das Finale. „Es ist einfach eine weitere Gelegenheit, ein Rennen zu gewinnen, und genau das müssen wir tun. Wir haben nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Wir haben den Titel heute keineswegs verloren, sondern schon viel früher im Chase. Talladega war ein schwerer Schlag, Gateway war ein schwerer Schlag, das Lenkungsproblem in Vegas war riesig. Wir haben es nicht heute verloren, sondern vorher.“

Damit biegt die NASCAR Cup Series mit einer glasklaren Ausgangslage auf die Zielgerade ein. Kyle Larson geht mit einem komfortablen Polster in das 400-Meilen-Rennen von Homestead-Miami und benötigt am kommenden Wochenende nur noch eine solide Zielankunft innerhalb der Top 28, um seinen dritten Meistertitel und die Titelverteidigung perfekt zu machen.

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Freiberuflicher Kommentator & Journalist | Zur Webseite | + posts

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.

André Wiegold

Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.