NASCAR-Boss O’Donell will expandieren: „Der nächste Schritt ist ein Rennen in Europa“
NASCAR-Chef Steve O’Donnell macht den Fans in Europa Hoffnung auf ein echtes Cup-Rennen – Er will das US-Motorsport-Gefühl mit Tür-an-Tür-Kämpfen nach auf einen neuen Kontinent bringen
Kommt die NASCAR nach Europa oder sogar nach Deutschland? Mit dieser Frage sehen sich die Verantwortlichen der NASCAR derzeit konfrontiert. Im Podcast „Racin‘ With The Boys“ macht der neue Geschäftsführer Steve O’Donnell den europäischen und deutschen Fans nun Hoffnung.
„Wir haben die NASCAR Euro Series. Sehr klein“, erklärte O’Donnell. „Wir fahren in Brands Hatch und dort sind 50.000 Zuschauer vor Ort. Das ist verrückt. Und das gesamte Rennwochenende dreht sich um dieses typische Americana-Gefühl. Man kommt dorthin und denkt sich nur: ‚Was passiert hier eigentlich?‘ Da gibt es Typen mit Football-Helmen, Cheerleader – sie feiern einfach alles, was mit den USA zu tun hat.“

Neue Wege im Kalender
Und genau dieses Americana-Gefühl möchte O’Donnell in Europa weiter ausbauen. Der Geschäftsführer gilt aktuell als traditionsbewusster Mann, der Wert auf die Wurzeln der NASCAR legt. Doch er macht nicht den Eindruck, als wolle er das Experimentierverhalten mit dem Kalender der vergangenen Jahre beenden.
Die NASCAR hat zunehmend damit begonnen, mit Strecken und Läufen zu experimentieren und einen dynamischen Plan vorgelegt, der sich von Jahr zu Jahr vereinzelt ändert. So werden beispielsweise Schauplätze wie North Wilkesboro, das Bowman Gray Stadium oder Chicagoland aus dem Dornröschenschlaf geweckt, während gleichzeitig extravagante neue Streckenführungen ausprobiert werden.
Vor allem bei den Rundkursen zeigt sich die NASCAR offen für Neues. Zu den Traditionsstrecken wie Sonoma und Watkins Glen gesellten sich weitere moderne Kurse, wodurch die Anzahl an Rundkursen im Kalender generell erhöht wurde.

Boom der Rundkurse und internationale Ambitionen
Bis 2017 standen ausschließlich zwei Rundkurse auf dem Programm. Danach stieg die Zahl drastisch an. 2018 wurde das Charlotte-Roval als gänzlich neue Streckenkonfiguration hinzugefügt, was den Boom der Rundkurse in der NASCAR langsam einläutete. 2021 hatte der Kalender mit sieben Rundkursen (COTA, Road America und der Indianapolis Road Course kamen hinzu, zusätzlich der Daytona-Rundkurs) sein Maximum erreicht. In der Saison 2026 liegt die Serie bei fünf Rennen auf solchen Kursen.
Auf diesem Weg probiert die NASCAR immer wieder neues Terrain aus – wie etwa das erste Straßenrennen in Chicago oder ein Wochenende auf einer aktiven Militärbasis in San Diego.
Auch der internationale Raum wird nicht ausgespart: Mit dem Lauf in Mexico City wurde eine 67-jährige Durststrecke ohne internationales Punkterennen im Oberhaus beendet. Das letzte Auslandsrennen dieser Art fand zuvor 1958 in Toronto statt.

Vision Europa
Nun hat O’Donnell die Vision, sich Europa vorzuknöpfen: „Ich glaube, der nächste Schritt für uns ist es, einfach ein Rennen mitten in Europa zu platzieren und zu sagen: ‚So fahren wir Rennen. Das ist es, was NASCAR-Racing ausmacht.‘ Und ich glaube, die Fans werden es lieben. Sie werden erkennen, dass es hier mehr Tür-an-Tür-Kämpfe gibt, mehr Kontakt und mehr Persönlichkeit.“
Ob das funktioniert, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. In Europa wurde 2026 mit US-NASCAR-Autos im Rahmen der Le Mans Classic mit dem „HSR NASCAR Classic presented by Goodyear“ auf dem vollständigen Circuit de la Sarthe gefahren – auch Brands Hatch bietet im Rahmen der EuroNASCAR-Rennen regelmäßig Demofahrten mit puren US-Monstern.
In Frankreich handelte sich um ein einmaliges Stock-Car-Schaurennen mit zwei 35-minütigen Läufen. Anlass war das 50-jährige Jubiläum des ersten NASCAR-Auftritts in Le Mans im Jahr 1976. Das Feld bestand aus insgesamt 36 historischen Stock-Cars, die sich über rund sieben Jahrzehnte NASCAR-Geschichte verteilten. Unter anderem saßen Fahrer wie Kurt Busch oder Joe Nemechek am Steuer.

NASCAR Euro Series als Wegbereiter
Mit Le Mans hat die NASCAR bereits vor diesem Showrennen extrem gute Erfahrungen gemacht. Im Rahmen des Projekts „Garage 56“ wurde der „American Spirit“ zu den prestigeträchtigen 24 Stunden von Le Mans gebracht. Beteiligt waren unter anderem Legenden wie Jimmie Johnson, Mike Rockenfeller, Jenson Button oder Projektleiter Chad Knaus.
Nachdem diesem Erfolg präsentierte die Mannschaft ihr Endurance-NASCAR noch einmal beim Goodwood Festival of Speed und lieferte den Fans in England puren V8-Sound und heftige Burnouts.
Mit diesem Spirit verfolgt die NASCAR ein klares Ziel und will eine neue Art von Racing nach Europa bringen: „Wir sind nicht die Formel 1. Das ist ein ganz anderes Gefühl, ein anderer Vibe, und sie haben ihre eigene Nische“, stellte O’Donnell klar. „Die Formel 1 ist diese Edelmarke. Für mich stehen wir für den normalen Fan auf der Tribüne. Lasst uns einfach rausgehen und Spaß haben!“

Ob und wie diese Aussagen in die Tat umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Fakt ist: O’Donnell will amerikanische Emotionen nach Europa bringen. Klappen könnte das in Kooperation mit der NASCAR Euro Series, die bereits seit einiger Zeit Erfolge auf dem europäischen Kontinent feiert.
Die NASCAR Euro Series lockt pro Saison rund 150.000 Fans an die Strecken. Das mit Abstand erfolgreichste Einzelrennen ist dabei seit mehreren Jahren das American SpeedFest im Vereinigten Königreich, gefolgt von den Rennen in Most (Tschechien) und Le Castellet (Frankreich), wo 2026 erstmals gefahren wurde. Die Serie zieht auch in Valencia (Spanien), Vallelunga (Italien) und Zolder (Belgien) zehntausende Zuschauer an. Beim letzten Auftritt in Deutschland im Jahr 2025 pilgerten 17.000 NASCAR-Fans nach Oschersleben.
Das letzte Mal, dass die NASCAR ein Rennen außerhalb des amerikanischen Kontinents austrug, war ein Einladungsrennen am 22. November 1998: das NASCAR Thunder Special Suzuka auf dem Twin Ring Motegi in Japan.
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