Comeback von Chicagoland: Ein Cookie-Cutter erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Die NASCAR Cup Series kehrte nach jahrelanger Pause auf den rauen Asphalt des Chicagoland Speedways zurück – Das vier Millionen Dollar teure Comeback könnte ein Reifenkrimi werden
Abgenutzter Asphalt, leere Tribünen und ein heruntergekommenes Infield: Viele Jahre glich der Chicagoland Speedway einer Geisterstadt am Rande von Joliet, Illinois. Nachdem der Lauf der NASCAR Cup Series 2020 coronabedingt aus dem Kalender gestrichen wurde und auch 2021 nicht zurückkehrte, wurde es still um das 1,5-Meilen-Oval, das den Fans einst so historische Momente geliefert hatte.
Am präsentesten dürfte wohl eine der legendärsten „Kylereien“ sein – jenes epische Duell zwischen Kyle Busch und Kyle Larson, das 2018 jeden Fan von den Sitzen riss oder an den Fernsehbildschirm fesselte.
Damals ging Busch mit dem roten Skittles-Camry und der Startnummer 18 als Führender in die letzte Runde. Währenddessen holte Larson, der zu dieser Zeit noch für Chip Ganassi fuhr, auf der oberen Linie mit Millimeter-Abstand zur Mauer immer weiter auf. Er bremste seinen Chevrolet mit der 42 tief in die erste Kurve hinein, rutschte nach oben an das linke Heck von Busch und drückte diesen in die Mauer.
Mit den enthusiastischen Worten „Slide-Job!“ prägte Dale Earnhardt Jr. in seinem Kommentatoren-Debüt dieses Duell maßgeblich. Kurzzeitig zog Larson auf der Innenseite an Busch vorbei und übernahm die Führung in Richtung Kurve drei.
Busch revanchierte sich jedoch umgehend, traf Larson an der Heckstoßstange und drehte ihn um. Nachdem Busch seinen Toyota von der Mauer gelöst hatte, eroberte er die Spitzenposition zurück und fuhr zu seinem fünften Saisonsieg.
Larson, der das Rennen trotzdem auf Rang zwei beendete, nahm die Sache sportlich und streckte Busch mit viel Respekt den Daumen nach oben entgegen.
Am Ende drehte der „Candyman“ im Infield von Chicagoland Donuts und sendete entgegen der typischen Buh-Rufe eine klare Botschaft. Mit einer „Heul-doch“-Geste in Richtung seiner Hater machte er nach seiner Verbeugung unmissverständlich klar: Wer diese Art von Racing nicht mag, soll eben nicht zuschauen.

Neben dieser Anekdote lieferte Chicagoland laut dem Guinness-Buch der Rekorde auch den knappsten Zieleinlauf in der Geschichte des Automobilrennsports. Die Differenz lag bei nahezu verschwindenden 0,0005 Sekunden, als der US-Amerikaner Logan Gomez den Briten Alex Lloyd 2007 in der 16. Runde der Indy Pro Series (heute IndyNXT) beim Chicagoland 100 besiegte.
Vom Parkplatz zum Millionen-Comeback
Nach diesen Glanzzeiten fiel Chicagoland durch den coronabedingten Ausfall in einen tiefen Dornröschenschlaf. Alex Bowman – damals noch in der 88 – war der bis heute letzte Pilot, der seinen Motor vor den Grandstands feierlich aufheulen ließ, bevor die Tore geschlossen wurden und die V8s verstummten.
Im Jahr 2022 wurde das Gelände in Joliet schlichtweg als Parkplatz für Tausende Ford-SUVs zweckentfremdet. Die in der Chicago Assembly Plant gebauten Fahrzeuge warteten dort während der weltweiten Halbleiterkrise auf ihre Computerchips.
Ein erstes Motorsport-Lebenszeichen erlebte der Track 2023, als die SuperMotocross-Weltmeisterschaft dort einen Zwischenhalt einlegte. Schließlich wurde Chicagoland 2025 wachgeküsst. Die glorreiche Rückkehr von Chicagoland wurde zum Ersatz für das vorerst pausierte Straßenrennen inmitten der Windy City.
„Dies ist eine fantastische Heimkehr für Joliet und die gesamte Region“, betonte Joliets Bürgermeister Terry D’Arcy in einer Pressemitteilung. „Der Chicagoland Speedway ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Eckpfeiler unserer Gemeinde, und wir könnten nicht aufgeregter sein, die Top-Stars der NASCAR wieder in unserem Hinterhof willkommen zu heißen.“

Millionen-Investitionen für die Renntauglichkeit
Bis zur Rückkehr musste jedoch einiges in Bewegung gesetzt werden, um das verkommene Oval wieder auf Vordermann zu bringen – ein Zustand, der eindrücklich in einem Video von Cup-Series-Fahrer Carson Hocevar dokumentiert wurde.
Wie der operative Geschäftsführer der NASCAR, Ben Kennedy, mitteilte, war die Basis jedoch solide: „Ich denke, die gute Nachricht ist, dass die Strecke relativ rennbereit ist. Wir müssen wahrscheinlich einen Teil des SAFER-Schaumstoffs austauschen. Zudem benötigt die Strecke einen frischen Anstrich, einige Tribünen müssen gereinigt und bestimmte VIP-Bereiche renoviert werden.“
Insgesamt flossen laut The Athletic rund 4 Millionen US-Dollar in die Sanierung der Anlage. An der Strecke selbst wurde dabei grundsätzlich nichts verändert. Es gab keine Neuasphaltierung, was Piloten, die schon lange Teil des NASCAR-Zirkus sind, einen entscheidenden Vorteil verschaffen könnte.

Härtetest für Maschine und Reifen
Bereits im April dieses Jahres testeten mehrere Cup-Piloten – darunter Kyle Larson, Ryan Blaney und Denny Hamlin – zwei Tage lang für Goodyear die Reifen. Dabei ließen sich erste Rückschlüsse auf den Zustand der Strecke ziehen.
Blaney, der am Wochenende im Penske-Ford mit der Startnummer 12 an den Start gehen wird, zeigte sich bereits begeistert: „Der Belag war ziemlich abgenutzt und rau, was gut ist. Es hat mir wirklich Spaß gemacht, und die Fugen zwischen den Fahrspuren sind größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Nicht ganz so wie die Fugen in Fontana, aber sehr nah dran.”
„Ich denke, wir werden die gesamte Breite der Rennstrecke nutzen“, ergänzte der Meister von 2023. Mit Blick auf das Rennen fügte er hinzu: „Die Reifen werden sich ordentlich abnutzen, besonders wenn wir im Juli dorthin fahren und es heiß sein wird. Ich glaube, das wird ein verdammt gutes Rennen. Die Anlage sah fantastisch aus, und ich freue mich darauf, wieder dort zu sein.“
Für den Rennsonntag werden aktuell Temperaturen bis zu 28 Grad Celsius erwartet. Bei direkter Sonneneinstrahlung könnte sich der Asphalt auf bis zu 60 Grad erhitzen. Auf dem verschlissenen Belag von Chicagoland bedeutet das mutmaßlich, dass die Reifen zwar anfangs mehr Grip aufbauen, aber sehr schnell in einen Bereich mit hohem Abrieb und starkem Reifenverschleiß gelangen können. Reifenmanagement und richtige Luftdrücke können somit kriegsentscheidend werden.

Auch Kyle Larson war vom Zustand der Anlage positiv überrascht, nachdem er am ersten Tag noch nicht recht wusste, was ihn erwarten würde: „Die Anlage war in einem viel besseren Zustand, als ich dachte; die Strecke, der Garagenbereich und all das. Die Strecke selbst erinnerte mich daran, wie sie früher war – extrem rau, eine riesige Senke in Kurve eins und dann eine große Bodenwelle in der Mitte der Kurven drei und vier. Wenn man die Ideallinie nur um ein paar Fuß verfehlt hat, ist man aufgesessen und fast abgeflogen.“
Larson prophezeit reichlich Action: „Die Strecke bot mehr Grip und war schneller, als ich erwartet hatte, aber wenn wir zurückkehren, wird es glühend heiß sein, wodurch sie wahrscheinlich deutlich langsamer wird. Das wird für Chaos, Unsicherheit und gleichzeitig für mehr Selbstvertrauen hinter dem Lenkrad sorgen. Genau das macht Racing so spaßig.“
Denny Hamlin, der unter den Testfahrern die meiste Chicagoland-Erfahrung und einen Rennsieg aus dem Jahr 2015 vorweisen kann, sah vorwiegend einen strategischen Vorteil: „Nicht allzu viel hat sich verändert. Man muss nur lernen, wie man durch diese Bodenwellen navigiert. Das wird wahrscheinlich der größte Vorteil für uns drei sein, denn es hat Stunden gedauert, um wirklich zu verstehen, wie man die Strecke trotz der Wellen richtig fährt.“
Ein Reifenmörder-Rennen in der Next-Gen-Ära

Der Auftritt am Unabhängigkeitswochenende markiert das Renndebüt des Next-Gen-Autos auf diesem Oval. Für Fahrer wie Hocevar, Tyler Reddick oder Chase Briscoe wird es zudem eine Premiere, da sie hier noch keine Cup-Erfahrung gesammelt haben.
Zum aktuellen Zeitpunkt wurden seitens Goodyear noch keine Reifenmischungen bekannt gegeben, auch wenn diese eine zentrale Rolle spielen könnten. Brad Moran, geschäftsführender Direktor der NASCAR, erklärte nach dem Test: „Wir erwarten fast ein Rennen im Stil des Auto Club Speedways auf einem stark abgenutzten Belag. Und wenn wir auch nur annähernd das erreichen, was Auto Club gegen Ende geboten hat, dann erwartet uns großartiges Racing.“
Chicagoland könnte somit als neu erwachte Strecke genau das Rennprodukt liefern, das früher Fontana geboten hat – ein Oval, das aktuell ebenfalls auf seinen Weckruf und die Fortführung der Umbauten wartet. Es verspricht, ein echtes „Reifenmörder-Rennen“ zu werden, bei dem der massive Verschleiß durch das Alter des rauen Belags diktiert wird; eine Charakteristik, die packenden Motorsport garantiert und in der Next-Gen-Ära mittlerweile zur Seltenheit geworden ist.
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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