NASCAR-Eskalation in Bristol: Fäuste, Frust und die offene Rechnung zwischen Blaney und Hocevar

NASCAR-Eskalation in Bristol: Fäuste, Frust und die offene Rechnung zwischen Blaney und Hocevar
Foto: NASCAR Media / Chris Graythen/Getty Images

Beim Chase-Rennen der NASCAR Cup Series in Bristol stießen Carson Hocevar und Ryan Blaney zusammen – Nachdem der Rennabend für Blaney in der Mauer endete konfroniterte er den 23-jährigen Spire-Piloten

Brad Keselowski hatte es kommen sehen. Nach dem Zusammenstoß mit Carson Hocevar in Darlington kündigte der RFK-Miteigentümer dem Spire-Piloten an, dessen Tag werde kommen. Zwei Wochen später explodierte die Lage im Thunder Valley tatsächlich — doch nicht Keselowski stellte Hocevar zur Rede sondern Ryan Blaney.

Der Fight auf der Boxengasse war kein isolierter Ausraster nach einem harten Zweikampf. Er war die sichtbare Explosion eines Konflikts, der sich rund um Hocevar über Wochen aufgebaut hatte. Überraschend war nicht, dass die Lage eskalierte. Überraschend war, dass Blaney sie auslöste.

Blaney hatte Bristol über weite Strecken kontrolliert, 202 Runden geführt und kämpfte 43 Umläufe vor Schluss um Rang zwei. Nach dem Kontakt mit Hocevar endete sein Rennen in der Mauer. Blaney erklärte anschließend, er habe mit Hocevar seit rund anderthalb Jahren keinen direkten Konflikt gehabt. Doch dessen Fahrstil gehe ihm langsam auf die Nerven. Der Ausfall warf den Penske-Piloten auf Rang 8 in der Chasewertung und 52 Punkte hinter den Führenden zurück. 

Eskalation in der Boxengasse

Über die entscheidende Szene sagte Blaney: „Ich hatte einfach das Gefühl, dass er nicht vom Gas gegangen ist. Ich habe ihm [davor] mehr als genug Platz gelassen. Ich habe ihn nicht geschnitten, ihn nicht in die Mauer gedrückt, nichts. Das hätte ich problemlos tun können. Ich habe die innere Linie verteidigt, und er hat entschieden, dass er genau dort sein wollte, ging nicht vom Gas und hat mich abgeräumt.“

Mit sichtlichem Frust suchte Blaney nach dem Rennen gezielt Hocevar auf, der den Lauf auf Rang drei beendet hatte. Entschlossen ging der Pilot aus Ohio in der Boxengasse auf seinen Konkurrenten zu, packte bzw. schubste ihn und löste damit die körperliche Auseinandersetzung aus.

Foto: NASCAR Media / Chris Graythen/Getty Images

Hocevar stieg sofort in die Konfrontation ein und reagierte mit zwei Schlägen gegen Blaney. Dabei wirkte er fast routiniert, auch wenn er nach der Rangelei zugab, dass dies sein allererster Kampf gewesen sei.

„Das war das erste Mal überhaupt, dass ich jemanden geschlagen habe“, sagte Hocevar später. „Insofern war es eine coole Geschichte. Immerhin passierte es ausgerechnet in Bristol.“

Spott, Anfeuerung und alte NASCAR-Schule

Neben Teams, Offiziellen und Zuschauern verfolgten auch mehrere Fahrer die Prügelei aus nächster Nähe und reagierten auf ihre eigene Weise. Ryan Preece rief Hocevar während des Tumults etwas Unverständliches zu, während Josh Berry ihm provokant zuwinkte. Auch Ty Gibbs schaltete sich ein und warf eine Wasserflasche in das Gedränge, die Hocevar nur knapp verfehlte und stattdessen die Kamera eines Reporters traf. Bemerkenswert dabei: Mehrere Kollegen reagierten nicht deeskalierend, sondern offen spöttisch oder gar anfeuernd.

Wie wenig überraschend die Eskalation für Teile des Fahrerlagers wirkte, zeigten auch die Reaktionen danach. Bubba Wallace, ein enger Freund Blaneys, sagte, er sei stolz darauf, dass er „solche Leidenschaft gezeigt“ habe. Zugleich räumte der 23XI-Pilot ein, dass ihn die  Wut seines Freundes überrascht habe.

Josh Berry brachte die weiter verbreitete Stimmung auf den Punkt: „Ich habe den eigentlichen Unfall und den Auslöser nicht wirklich gesehen, aber ja: Das hat sich schon lange angebahnt.“

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Der isolierte Fanliebling

Obwohl Hocevar im Fahrerlager nun isolierter denn je scheint, erzeugte der Eklat abseits der Strecke zusätzliche Aufmerksamkeit. Im Internet kursierten schnell Bilder und Berichte von Reportern vor Ort, die zeigten, wie sich eine regelrechte Menschentraube vor Hocevars Merchandise-Auflieger bildete. Ein Bild, das man nach Rennen eher mit besonders populären Fahrern oder mit dem Sieger verbindet.

Doch warum wird Hocevar einerseits von seinen Konkurrenten derart ausgegrenzt und ist gleichzeitig für einen Teil der Anhänger sichtbar attraktiver? Die Antwort liegt vor allem in seiner extremen Fannähe, wie ein Beispiel aus Gateway eindrucksvoll zeigt.

Nach dem Rennen nahm sich der Spire-Pilot dort ausgiebig Zeit für seine Anhänger. Als sich die Strecke längst leerte, blieb Hocevar noch 20 Minuten am Zaun, schrieb Autogramme und posierte für Fotos.

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„Wir fahren für jeden auf der anderen Seite der Mauer“, schrieb Hocevar anschließend in einem Beitrag. „Jeder bei Spire ist im Herzen immer noch ein Fan, nur dass einige von uns das Privileg haben, die andere Seite des Zauns zu genießen.“

Diese aktive Nähe zu den Zuschauern hilft ihm, trotz seiner Isolation im Fahrerlager und seines kompromisslosen Fahrstils eine enorme Öffentlichkeitswirksamkeit aufzubauen. Seine vermeintlichen Fehler auf der Strecke und die wiederkehrenden Rivalitäten tun seiner Popularität keinen Abbruch – im Gegenteil.

Foto: NASCAR Media / David Jensen/Getty Images

Die offene Rechnung fährt mit

Ob und welche direkten Folgen die Eskalation in Bristol haben wird, lässt sich vor einer offiziellen NASCAR-Entscheidung nicht seriös vorhersagen. Die jüngere Vergangenheit und der öffentliche Ton vieler Reaktionen sprechen jedoch eher gegen die Erwartung einer besonders harten Sanktion.

NASCAR Geschäftsführer Steve O’Donnell machte erst kürzlich deutlich, dass er nicht zwingend etwas gegen handgreifliche Auseinandersetzungen unter Fahrern einzuwenden hat.

„Für mich ist das in Ordnung. Ich halte das für fair“, erklärte O’Donnell bei einem Gastauftritt im Podcast Racin‘ With the Boys. „Wir hatten eine Phase, in der es zu viele Geldstrafen gab. Jeder wurde bestraft. Das Problem war: Wenn man heute die Boxengasse auf und ab geht, sieht man dort viele wirklich massige Kerle – und einige unserer Fahrer sind eben nicht so kräftig gebaut. Wenn es früher zu Schlägereien kam und sich die Crewmitglieder einmischten, wurde es schnell gefährlich. Unser aktueller Standpunkt ist deshalb: Wenn die Fahrer ihre Angelegenheiten unter sich klären wollen – wunderbar. Wenn aber die Crews anfangen, sich einzumischen, dann haben wir ein Problem.“

Foto: NASCAR Media / Sean Gardner/Getty Images

Stunden nach den fliegenden Fäusten in Bristol tauchte in sozialen Netzwerken ein geradezu surreales Video auf: Auf der Interstate rollten die Hauler der Startnummern #12 und #77 dicht nebeneinander durch die Nacht. Zwei Mannschaften, deren Fahrer sich wenige Stunden zuvor vor laufenden Kameras geschlagen hatten, nun auf derselben Straße unterwegs nach Hause, allerdings mit einer offenen Rechnung im Gepäck.

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Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.

Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.

Erik Resch

Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws. Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.