Taktik-Meisterstück beim Chicagoland-Comeback: Chase Briscoe düpiert die Konkurrenz
Mit einem taktischen Geniestreich und einer gehörigen Portion Defensivarbeit hat sich Chase Briscoe den Sieg beim NASCAR-Cup-Comeback in Chicagoland gesichert – Der Joe-Gibbs-Pilot führte ein historisches Toyota-Podium an, während sein Teamkollege Christopher Bell mit Platz zwei haderte
Chase Briscoe hat am Sonntagabend das Rennen auf dem Chicagoland Speedway gewonnen und damit das erfolgreiche Comeback der NASCAR Cup Series auf dem 1,5-Meilen-Oval nach sieben Jahren Abstinenz gekrönt. Der Joe-Gibbs-Racing-Pilot setzte sich in der 19. Saisonstation dank einer perfekten Boxenstrategie und einer fehlerfreien Defensivleistung in den letzten 46 Runden hauchdünn gegen seine Teamkollegen Christopher Bell und Denny Hamlin durch. Für Briscoe war es der sechste Sieg seiner Karriere und der erste in der laufenden Saison 2026.
Hinter dem Führungstrio machte Toyota ein historisches Gesamtergebnis perfekt. Die Japaner feierten nicht nur den achten Dreifacherfolg der Teamgeschichte von Joe Gibbs Racing, sondern brachten insgesamt sieben Autos in die Top 10.
„Ich fühle mich so amerikanisch, wenn ich am Wochenende rund um den 4. Juli im rot-weiß-blauen Bass-Pro-Shops-Auto gewinne“, jubelte ein sichtlich emotionaler Briscoe nach dem Aussteigen. „James Small und die ganze Truppe haben einen unglaublichen Job gemacht, denn ehrlich gesagt habe ich das nicht kommen sehen.“
Der Schlüssel zum Erfolg lag im finalen, unter grün absolvierten Boxenstopp-Zyklus in Runde 215. Briscoe bog eine Runde vor dem bis dato Führenden William Byron ab, zog den sogenannten Undercut und übernahm nach den Stops die Spitzenposition, die er bis zur Ziellinie nicht mehr abgab.
In den letzten Runden robbte sich Christopher Bell Stoßstange an Stoßstange an den Führenden heran. Briscoe profitierte in der Schlussphase jedoch von Überholmanövern gegen Hinterbänkler, die den Rhythmus des Verfolgers brachen.
„Ich hatte etwas Glück mit den überrundeten Autos, denn ich hatte massiv zu kämpfen und Christopher kam unaufhaltsam näher“, gab Briscoe offen zu. „Unter all den Fahrern da draußen wusste ich aber, dass Christopher absolut sauber gegen mich fahren würde.“

Bell, der in dieser Saison bereits 417 Führungsrunden sammelte, musste sich nun schon zum vierten Mal mit dem undankbaren zweiten Platz begreifen. Im Ziel trennten die beiden Markenkollegen lediglich 0,276 Sekunden.
Entsprechend bedient zeigte sich der Zweitplatzierte im Interview, fing sich jedoch schnell wieder. „Die Toyotas sind verdammt schnell – es fühlt sich an, als könnte ein Affe sie fahren, also ist es einfach enttäuschend, wenn du von einem anderen Affen geschlagen wirst“, bilanzierte Bell mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. „Ich bin wohl einfach ein Zweitplatzierter. Das ist es, was ich bin.“
William Byron, der im Chevrolet von Hendrick Motorsports mit 94 Umläufen die meisten Führungsrunden des Tages vorweisen konnte, musste sich nach dem strategischen Rückschlag beim Boxenstopp mit Rang vier begnügen. Dem Chevy-Piloten fehlte im finalen Stint schlicht die Pace, um mit den Gibbs-Boliden mitzuhalten.
„Ein Sieg wäre großartig gewesen, wir lechzen schon lange danach und arbeiten hart dafür“, erklärte Byron enttäuscht. „Die Nummer 19 hat uns beim letzten Stopp überholt, und mir fehlte am Ende einfach der Speed, zudem hatten die Jungs hinter mir frischere Reifen.“
Während die finale Phase des Rennens komplett ohne Gelbphase auskam, boten die ersten beiden Segmente das gewohnte Chaos. Bereits in der ersten Runde krachte es im Hinterfeld heftig, was das Rennen für Toptalent Connor Zilisch vorzeitig beendete.
John Hunter Nemechek drückte den Chevrolet von Ricky Stenhouse Jr. in die Mauer der zweiten Kurve, woraufhin Zilisch dem Wrack nicht mehr ausweichen konnte. Für den glücklosen Rookie bedeutete dies das vierte vorzeitige Aus auf dem letzten Platz in den vergangenen sieben Rennen.
Auch Kyle Larson erlebte einen gebrauchten Tag, als er in Runde 93 an dritter Stelle liegend nach einem Dreher ins Gras rutschte und mit dem Abschleppwagen zurück auf den Asphalt gezogen werden musste. Nach zwei Runden Rückstand war die Jagd auf das Ende seiner mittlerweile 42 Rennen andauernden Sieglos-Serie gelaufen.
Das Pech blieb auch Tyler Reddick treu, dessen Kühler durch Trümmerteile eines vorausfahrenden Autos durchbohrt wurde. Der anschließende Stopp zur Reparatur kostete ihn 29 Runden und warf ihn im Kampf um die Meisterschaft weit hinter den neuen Führenden Denny Hamlin zurück.
Hinter den Top 4 rettete Alex Bowman mit Rang fünf ein solides Ergebnis für Hendrick Motorsports ins Ziel. Die Top 10 komplettierten Bubba Wallace, Ryan Blaney, Ty Gibbs, Corey Heim und Riley Herbst nach einem turbulenten und abwechslungsreichen Renntag mit insgesamt 28 Führungswechseln.
Dir hat dieser Artikel gefallen? Journalismus auf Leadlap.de ist und bleibt dauerhaft werbefrei und für alle ohne Bezahlschranke kostenlos. Damit ich dieses Projekt auch in Zukunft unabhängig und in dieser Tiefe betreiben kann, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung. Jeder Beitrag hilft direkt dabei, die Qualität und Vielfalt meiner Berichterstattung zu sichern.
Jetzt Leadlap.de und André Wiegold unterstützen via PayPal
(Hinweis: Freiwilliger Beitrag zur Förderung journalistischer Inhalte, inkl. USt., keine steuerlich absetzbare Spende.)
Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.






Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.