TV-Übertragung aus Watkins Glen: Kritik an FOX und NASCAR
Bei der TV-Übertragung von Watkins Glen gab es im Anschluss viel zu meckern: Die Fans verpassten nicht nur wichtige Wendungen, Denny Hamlin sieht sogar die Sicherheit der Fahrer gefährdet
Am vergangenen Sonntagabend lieferte die NASCAR Cup Series auf dem 2,45 Meilen langen Straßenkurs von Watkins Glen International ein Rennen, das im Fernsehen weitaus ruhiger wirkte, als es die Onboard-Perspektiven im Nachgang offenbarten. Während die TV-Regie von FOX sich auf das Geschehen an der Spitze konzentrierte, spielten sich im Mittelfeld massive Einschläge, teaminterne Fehden und grobe Versäumnisse der Rennleitung ab, die erst durch die Analyse der Funkprotokolle und Fahrzeugkameras ans Licht kamen.
Besonders der heftige Unfall von Cody Ware zehn Runden vor dem Ende hätte wohl eine Gelbphase nach sich ziehen müssen. Der Pilot von Rick Ware Racing wurde in Kurve 6 in ein Drei-Wagen-Sandwich gepresst, verlor die Kontrolle und schlug mit brutaler Wucht in die Reifenstapel ein, wodurch sein Bolide schwer beschädigt zurück auf die Strecke schleuderte. Die TV-Zuschauer bekamen von diesem potenziell gefährlichen Moment jedoch nur die Schlussminuten mit, ohne jede Wiederholung zu sehen.

Denny Hamlin sparte in seinem Podcast Actions Detrimental nicht mit deutlichen Worten in Richtung der Offiziellen und des Senders. „Es gibt absolut keine Ausrede. Man hat Kameras, die in jede Richtung dieser Rennstrecke zeigen“, wetterte der Routinier gegen die Versäumnisse der Regie. Für ihn ist es unbegreiflich, wie ein derart zerstörter Rennwagen unbemerkt bleiben konnte.
Spart NASCAR am falschen Ende?
Hamlin sieht die Ursache in den personellen Kürzungen von NASCAR, die menschliche Streckenposten zunehmend durch Kamerasysteme ersetzen. „Sie haben einfach nicht mehr die Streckenmitarbeiter, die sie früher hatten, weil sie gekürzt haben. Kürzen, kürzen, kürzen, kürzen“, kritisierte er die Sparmaßnahmen der Chefetage. Laut seiner Analyse könne eine einzelne Person im Kontrollzentrum niemals 24 oder mehr Monitore gleichzeitig im Blick behalten.
Die Kritik des Joe-Gibbs-Piloten zielt direkt auf das Sicherheitsrisiko ab, das durch solche Informationslücken entsteht. „Dass man Cody Ware in dieser letzten Kurve nicht völlig zerstört gesehen hat, alter Schwede, Mann. Sie müssen dazu etwas sagen und nicht nur: ‚Wir schauen es uns an. Wir versuchen immer, uns zu verbessern‘“, forderte Hamlin eine klare Rechenschaftspflicht.
Hocevar beleidigt Teamkollegen
Abseits der Sicherheitsdebatte brodelte es auch innerhalb der Teams gewaltig wie Motorsport.com berichtet, allen voran bei Spire Motorsports. Carson Hocevar geriet bereits früh im Rennen mit seinem Teamkollegen Daniel Suarez aneinander und verlor durch die Berührung wertvollen Schwung und Positionen. Am Funk ließ der Rookie seinem Zorn freien Lauf und kündigte Suarez die Freundschaft auf der Strecke auf.

„Ich werde Daniel nie wieder vorbeilassen. Er kann sich mal gefälligst selbst ficken! Er muss nicht in mich reinfahren“, funkte ein wütender Hocevar an seine Crew. Er forderte seine Mannschaft sogar auf, gar nicht erst über eine mögliche Kooperation zu diskutieren: „Lasst ihn nie wieder vorbei, diskutiert gar nicht erst darüber.“
Wallace sauer auf Nemecheck
Auch Bubba Wallace fand nach einem Zwischenfall mit John Hunter Nemechek deutliche Worte für das Geschehen auf dem Asphalt. Nach einem Rempler in der ersten Kurve, der ihn in einen Dreher zwang, kommentierte er die Situation trocken als „typische Scheißaktion“. Solche Momente der Frustration blieben dem breiten Publikum ebenfalls verborgen, da die Kameras oft erst aufschalteten, wenn der Rauch bereits verflogen war.
Für den Pechvogel des Tages hielten die Onboard-Kameras ein besonders bitteres Ende bereit. Josh Berry kämpfte sich nach einer Kollision mit Cole Custer zurück, nur um in der allerletzten Runde nach einem Duell mit Hocevar erneut in die Reifenstapel zu krachen. Während der TV-Zuschauer Berry erst nach dem Einschlag sah, dokumentierte die Kamera im Auto den harten Kampf um Platz 27, der für Berry auf Rang 32 endete.
Es brodelte auch zwischen den Teilzeit-Startern Josh Bilicki und Katherine Legge gewaltig. Die Regie zeigte lediglich eine kreiselnde Legge, doch die Vorgeschichte war ein rabiater Zweikampf am Ausgang der Bus-Stop-Schikane. Bilicki rammte die Britin mehrfach, bevor er sie mit purer Gewalt beiseite schob und in einen 360-Grad-Dreher zwang.
Weitere rätselhafte Vorkomnisse
Kurz vor dem Ende des zweiten Segments krachte es zwischen Austin Dillon und Ty Gibbs gewaltig, als beide am Eingang der Bus-Stop-Schikane hart mit den Türen aneinanderrieten und Gibbs sogar den Umweg durch das Gras nehmen musste. Die Intensität nahm beim Erreichen des Carousels noch einmal zu, wo es zu weiteren Kontakten kam, die nach Absicht beider Piloten aussahen.
Dillon versuchte im Anschluss via Funk, die Wogen zu glätten, und ließ ausrichten: „Lasst ihn wissen, dass ich das nicht mit Absicht gemacht habe. Ich wollte ihm die Position zurückgeben und dann hat er uns einfach weggeputzt – sagt ihm, dass das nötig war.“ Gibbs nahm die Entschuldigung schließlich an und gab zu Protokoll, dass zwischen ihnen alles geklärt sei, woraufhin beide das Rennen ohne weitere Reibereien beendeten.

Für Christopher Bell sorgte zudem eine konfuse Situation während einer Gelbphase für Unmut in der Boxengasse. Bell wollte ursprünglich zum Service abbiegen, entschied sich jedoch in letzter Sekunde dagegen und blieb auf der Strecke. In diesem Moment schlüpfte Bubba Wallace an ihm vorbei, was die Rennleitung trotz lautstarker Proteste der Joe-Gibbs-Crew als rechtmäßig bestätigte.
Busch ohne Sprit
Selbst in der Schlussphase, als es um die Top-Platzierungen ging, verpasste die Regie ein echtes Drama um Kyle Busch. Dem Altmeister ging auf dem Weg zu seinem besten Saisonergebnis in der letzten Runde der Sprit aus. Busch schüttelte seinen Chevrolet verzweifelt von links nach rechts, um den letzten Tropfen Benzin in die Pumpe zu zwingen, während er machtlos zusehen musste, wie er auf den achten Platz durchgereicht wurde.
Am Ende des Tages blieb die Erkenntnis, dass Watkins Glen weitaus mehr Action bot, als die offizielle Übertragung vermuten ließ. Für Hamlin ist dies ein Warnsignal, das nicht ignoriert werden darf. „Es muss jemanden geben, der nach dramatischen Ereignissen sucht, die eine Gefahr darstellen könnten. Man kann nicht einfach sagen: ‚Oh, das haben wir nicht gesehen‘“, so sein abschließendes Urteil zur mangelhaften Überwachung des Geschehens.
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.






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