Herzschmerz beim Indy 500: Rosenqvist entreißt Malukas den Sieg im Millimeter-Krimi
Felix Rosenqvist gewann das Indy 500 2026 der IndyCar Series – Mick Schumacher schrieb deutsche Geschichte und genoss das legendäre Rennen in vollen Zügen
Felix Rosenqvist entschied das 110. Indianapolis 500 in einem historischen Herzschlagfinale für sich und entriss David Malukas den sicher geglaubten Triumph auf den letzten Metern. Beim traditionsreichen Oval-Klassiker der IndyCar Series in Indiana fing der schwedische Penske-Pilot seinen US-amerikanischen Teamkollegen im engsten Zieleinlauf der Rennsport-Geschichte um winzige 0,0233 Sekunden ab.
Während Malukas nach dem dramatischen Ein-Runden-Sprint an der Ziellinie in Tränen ausbrach, feierte Mick Schumacher bei seinem Indy-Debüt als bester Rookie auf Rang 18 einen Achtungserfolg.
Das dramatische Finale glich einem Hollywood-Drehbuch. Nach einem späten Restart schnappte sich Malukas sofort die Führung von Marcus Armstrong und wähnte sich bereits im Rennfahrer-Himmel. Doch im Windschatten lauerte Rosenqvist, zog auf der Zielgeraden mit massivem Überschuss vorbei und brach dem 24-Jährigen das Herz. Für den tragischen Helden Malukas war es nach dem Vorjahr bereits der zweite bittere zweite Platz in Folge beim „Greatest Spectacle in Racing“.
Unter Tränen und vom Applaus des Publikums getragen, versuchte Malukas nach dem Rennen Worte für das Unfassbare zu finden. „Ja, es ist einfach nur enttäuschend. Ich weiß einfach nicht, was wir hätten anders machen können. Wir sind das gesamte Rennen über 150 Prozent gefahren. Ich habe den verdammten Karren fast in jeder Runde rausgeworfen. Die Jungs haben einen fantastischen Job gemacht. Wir hatten das schnellste Auto da draußen. Wir hatten den Sieg in der Hand, und ich wusste das.“
Der Frust saß tief, denn der Youngster sammelt in seiner Karriere derzeit zweite Plätze wie andere Briefmarken. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so hart gepusht. Dass es dann so endet – ich kann es gar nicht glauben. Die ganze Saison über, und auch schon davor, sammle ich zweite Plätze. Aber wir schaffen es einfach nicht ganz nach vorn. Ich weiß nicht, wie viel näher man noch rankommen kann. Jetzt sind wir eben auch Zweiter in der Meisterschaft. Toll, so viele zweite Plätze.“
Mitgefühl für Malukas

Auch TV-Expertin Danica Patrick fühlte mit dem geschlagenen Penske-Piloten und betonte die Tücke des Führenden im Oval-Sport. „Ich weiß nicht, was er hätte anders machen können. Er hatte durch Turn 1 und 2 hindurch einen unglaublichen Run. Er hatte auf der Gegengeraden einen Vorsprung. Und dann konnten sie so schnell auf ihn aufschließen. Und diesmal war es so: Wenn man führt, dann steht man auf verlorenem Posten. Wir haben so viele Führungswechsel gesehen. Aber dafür lieben wir diesen Sport, für die Emotionen. Deshalb kommen wir hierhin.“
Für Malukas war das Erreichen dieses Levels nach seiner schweren Handgelenksverletzung im Jahr 2024, die ihn damals sein McLaren-Cockpit kostete, ohnehin eine emotionale Achterbahnfahrt. Teambesitzer Roger Penske hatte ihn damals aufgefangen und an ihn geglaubt. „Nur wegen ihm kann ich heute hier sitzen und darüber weinen, dass es nur Platz zwei geworden ist. Deshalb ist es so emotional für mich. Ich wollte unbedingt diesen Sieg für das Team holen und mich in die Geschichtsbücher eintragen. Alles passiert aus einem bestimmten Grund. Wir werden das als Motivation nutzen und weiter pushen. Eines Tages wird es klappen.“
Nach dem ersten Schock brachte die Video-Analyse zumindest etwas Seelenfrieden, da gegen den brutalen Topspeed des Teamkollegen kein Kraut gewachsen war. „Er hatte einfach verdammt viel Überschuss. Ich hätte nichts anders machen können. Ich habe gegrübelt, ob ich mit dem Hybrideinsatz etwas hätte anders machen müssen. Als ich die Wiederholung sah, fühlte ich mich tatsächlich besser. Da war mir klar: Ich hätte das vielleicht um ein paar Tausendstel verkürzen können, mehr nicht. Das waren wohl die Götter des Indianapolis Motor Speedway, die mir sagen wollten, dass meine Zeit einfach noch nicht reif ist.“
Schumacher trotzt der Mauer und wird bester Rookie
Ein echtes Erfolgserlebnis verbuchte Mick Schumacher, der als erster Deutsche seit 103 Jahren die Zielflagge beim Indy 500 sah. Der Rahal-Letterman-Lanigan-Pilot landete nach 200 harten Runden auf dem 18. Platz. Ein sanfter Mauerkuss beim vorletzten Restart verhinderte eine noch bessere Platzierung im vorderen Mittelfeld.
Schumacher ging das Rennen extrem verhalten an, ließ sich bewusst ans Ende des Feldes zurückfallen und umschiffte so geschickt alle frühen Crashs. Erst in der zweiten Rennhälfte erhöhte er das Risiko und glänzte mit einer spektakulären Zurückrundung gegen die Top-Piloten Rosenqvist und O’Ward. Ein mutmaßlicher Fehler der Rennleitung kostete ihn beim finalen Sprint dann ein mögliches Top-15-Ergebnis.
„Uns allen wurde gesagt, dass die Strecke sauber war, aber die Außenbahn war definitiv nicht sauber. Daher habe ich die Mauer touchiert. Ich bin froh, dass sie sofort eine Gelbphase ausgerufen haben. Wobei man sagen muss, dass es genau diese Gelbphasen waren, die uns in diesem Rennen sehr geschadet haben. Ich glaube, wir wären schon etwas weiter vorne gelandet – Top 15, vielleicht sogar Top 10.“
Trotz des Mauerkontakts überwog beim 27-Jährigen der Stolz über das Erreichte bei seinem erst zweiten Oval-Rennen überhaupt. „Es ging darum, ins Ziel zu kommen. Ich musste so viel lernen, was das Überholen und alles angeht. Bei meinem zweiten Ovalrennen überhaupt habe ich sehr viel gelernt. Also, ja, ich bin wirklich stolz auf alle bei RLL und das ganze Team. Es hat Spaß gemacht.“
Der Sohn von Formel-1-Legende Michael Schumacher gab offen zu, dass die extreme Passivität zu Beginn des Rennens Teil der Taktik war. „Ich bin es am Start locker angegangen, vielleicht ein bisschen locker. Dadurch bin ich links und rechts überholt worden. Aber alle haben mir gesagt, dass es so ein langes Rennen ist und man drinbleiben muss. Und das haben wir getan. Das Team hat einen perfekten Job gemacht, die Boxenstopps waren perfekt.“

Der berüchtigte Nudeltopf von Indianapolis zog den Deutschen jedenfalls komplett in seinen Bann. „Jetzt verstehe ich, warum sie das Rennen das Greatest Spectacle in Racing nennen. Das ist es definitiv. Das ist völlig irre. Es ist unglaublich, ein Teil dessen zu sein und ich bin einfach völlig aus dem Häuschen. Es gab ein irres Finish zwischen Felix und David. Gratulation an beide. Aber ehrlich gesagt bin ich jetzt erstmal bereit, mich kurz hinzulegen und das alles zu verarbeiten.“
Frust und Ratlosigkeit bei Schumachers Teamkollegen
Während Schumacher als teaminterner Gewinner vom Platz ging, herrschte bei seinen RLL-Teamkollegen Graham Rahal und Louis Foster kollektive Weltuntergangsstimmung. Beide wurden im Laufe des Rennens überrundet und fanden zu keinem Zeitpunkt den nötigen Topspeed. Lediglich Routinier Takuma Sato rettete dank einer glücklichen Alternativstrategie den zehnten Rang.
Graham Rahal zeigte sich nach dem Debakel komplett ratlos über das schwankende Fahrverhalten seines Boliden. „Es war ein enttäuschender Tag. Ich bin froh, dass wir das Rennen fahren konnten, aber wir hatten heute einfach zu keinem Zeitpunkt den Speed. Das Auto fühlte sich schon in den ersten Runden nicht gut an; es fühlte sich überhaupt nicht an wie am Freitag und ich verstehe das nicht. Ich verstehe nicht, warum wir in der einen Minute großartig und in der nächsten Minute nicht konkurrenzfähig sind.“
Noch drastischer formulierte es Louis Foster, der im Cockpit über die volle Distanz um sein Leben kämpfen musste. „Es war ein schwieriges Rennen für uns. Das Auto war heute einfach nicht in dem Fenster, in dem es hätte sein müssen. Ehrlich gesagt habe ich die gesamte Zeit da draußen damit verbracht, zu überleben und zu versuchen, nicht zu verunfallen. Wann immer es eine Gelbphase gab, habe ich versucht zu pushen und etwas daraus zu machen, aber das Auto wurde einfach zu übersteuernd und unsicher.“
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Autor(en)
Andrés Faszination für den Motorsport begann in seiner Kindheit, als er regelmäßig Ovalrennen in den Niederlanden besuchte und abends NASCAR- sowie IndyCar-Rennen im TV verfolgte. Während seines Ökonomiestudiums begann er 2014 als Hobby-Redakteur über den Rennsport zu schreiben und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute ist er NASCAR-Kommentator bei Sportdigital1+ und begleitet IndyCar & IMSA live auf Motorvision+ – dazu kommen viele weitere Rennserien im Highlights-Format. Als Redakteur schreibt er für Motorsport-Total, Motorsport.com und Formel1.de und ist zudem Reporter, Kommentator und Redakteur im Mediateam der NASCAR Euro Series.






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