Trümmer und ein Tribut für Kyle Busch: Austin Hill gewinnt das O’Reilly-Rennen auf der Naval Base Coronado
Austin Hill gewann das dramatische O’Reilly-Rennen der NASCAR auf der Naval Base Coronado – Der emotionale Sieg für Richard Childress Racing war ein bewegender Tribut an den verstorbenen Kyle Busch
Es war ein Rennen, das alles bot, was die NASCAR so faszinierend macht. Beim ersten Lauf der NASCAR O’Reilly Auto Parts Series auf der Naval Base Coronado sicherte sich Austin Hill in einem nervenaufreibenden Finale seinen ersten Rundkurs-Sieg. Doch die Fahrt in die Victory-Lane war an diesem Tag weit mehr als nur ein sportlicher Erfolg: Sie war ein emotionaler Tribut und der erste Sieg für Richard Childress Racing seit dem tragischen Tod von Kyle Busch.
Sieg durch „göttliche Fügung“ in der letzten Runde
Auf dem 5,47 Kilometer langen Kurs bewies Hill in seinem Chevrolet mit der Startnummer 21 von Beginn an Pace und sicherte sich souverän den Sieg im ersten Rennsegment. Die endgültige Entscheidung fiel jedoch erst in den dramatischen Schlussrunden des 60-Runden-Rennens.
Fünf Runden vor Rennende roch Carson Kvapil bereits an seinem ersten Karrieresieg, dicht gefolgt von Taylor Gray, der das Rennen über weite Strecken dominiert hatte. Drei Runden vor dem Abwinken setzte Gray seinen Toyota neben Kvapil, verschätzte sich jedoch.
Ein Wheel-Hop von Gray drückte Kvapil unweigerlich in einen Reifenstapel. Hill nutzte das Chaos eiskalt aus, zog kurz darauf an Grays Toyota mit der Nummer 54 vorbei und sicherte sich den Sieg mit 1,127 Sekunden Vorsprung.
„Ich hatte extremes Wheel-Hopping. Er hat hart verteidigt, wie es sich gehört, und ich bin unter ihn gerutscht“, zeigte sich Gray nach dem Rennen selbstkritisch. Kvapil hingegen war sichtlich bedient: „Das tut wirklich weh. Ich fühle mich regelrecht ausgeraubt.“

Ein Sieg für Kyle Busch
In dem Moment, als Hill die Ziellinie überquerte, entlud sich eine vierwöchige emotionale Anspannung beim gesamten Team von Richard Childress Racing (RCR). Erst vor einem Monat hatte der Rennstall – und mit ihm die ganze NASCAR-Welt – den zweimaligen Cup-Series-Champion Kyle Busch völlig unerwartet durch die Komplikationen einer Lungenentzündung verloren.
In der Victory-Lane flossen bei Teambesitzer und Hall-of-Famer Richard Childress die Tränen. „Es ist großartig, hier zu gewinnen. Wir alle tragen Kyle in unseren Herzen“, sagte Childress mit brüchiger Stimme und klopfte sich dabei vielsagend auf die Brust.
Hill, der Buschs Nummer 8 auf seiner Kappe trug, ließ die Hinterreifen seines Chevrolets in einem Burnout in Rauch aufgehen – und zwar neben jener 8, die zum Gedenken an die Legende auf den Asphalt gemalt worden war. Er quälte die Gummis solange, bis sie platzten und das Auto schließlich in die Victory Lane geschleppt werden musste.
„Ich will ehrlich sein: Ich habe auf den Geraden ein bisschen mit ihm geredet“, gestand Hill sichtlich emotional. „Ich sagte: ‚Mann, Kyle, wenn du hier bist, dann gib mir irgendwas. Lass mich noch einen Gang finden.‘ Und plötzlich erwachte das Auto zum Leben.“

Der fliegende Gullydeckel und eine historische Entscheidung
Doch bevor es zu diesem märchenhaften Ende kommen konnte, glich das Rennen über weite Strecken einem Überlebenskampf. Geprägt war es von zwei Unterbrechungen, die das Event insgesamt um über eine Stunde verzögerten.
Bereits in den ersten Runde wurde im dichten Verkehr ein Gullydeckel in Kurve 5 aus seiner Verankerung gerissen und bohrte sich wie ein Geschoss in den Kühler von Corey Days Chevrolet. Während die US Navy und NASCAR anschließend eine Stunde lang damit beschäftigt waren, sämtliche Schachtabdeckungen der Strecke zu verschweißen, traf Rennleiter Eric Peterson eine bemerkenswerte Entscheidung: Hendrick Motorsports durfte das zerstörte Auto unter roter Flagge reparieren.
Als das Rennen wieder freigegeben wurde, durfte Day das Feld unter Gelb zudem viermal umrunden, um sich seine unverschuldet verlorenen Runden zurückzuholen. Obwohl das Regelwerk ein solches Vorgehen eigentlich strikt untersagt, stellte sich das Fahrerlager geschlossen hinter diese Maßnahme.

Der „Big One“
Im späterem Rennverlauf stand das Feld erneut still. Beim Restart in der 35. Runde verschätzte sich Haas-Pilot Sam Mayer am Scheitelpunkt der ersten Kurve, touchierte die innere Mauer und schoss im Bruchteil einer Sekunde quer vor Anthony Alfredo in die äußere Streckenbegrenzung.
Die Folge war eine Kettenreaktion, in die 23 Autos verwickelt wurden. Der Einschlag war so folgenschwer, dass NASCAR die zerstörte Betonmauer austauschen musste was weitere 45 Minuten in Anspruch nahm.
„Ich war heute wohl der schlechteste Fahrer, der je in diesem Sport angetreten ist“, nahm Mayer die Schuld schonungslos auf seine Kappe. „Was zur Hölle mache ich da? Es tut mir für all die Teams leid, die wegen meines Fehlers jetzt Nachtschichten schieben müssen.“ Alfredo blieb bei dem Horror-Crash glücklicherweise unverletzt, sprach im Anschluss aber vom „mit Abstand härtesten Einschlag“ seines Lebens.
Flip-Flops, Bundesagenten und ein Fist-Bump
Als wäre das Rennen nicht ohnehin schon mit Ereignissen überladen gewesen, ereignete sich während der Roten Flagge ein absurder Zwischenfall. Ein Fan schlenderte in Flip-Flops seelenruhig auf die Strecke, trat an das Fenster von Sheldon Creed heran, gab dem verdutzten Piloten einen Fist-Bump und schlug ihm anerkennend auf die Motorhaube des Boliden.
Als der Eindringling bemerkte, dass Sicherheitspersonal anrückte, kletterte er fluchtartig über zwei Zäune – verlor dabei einen seiner Schuhe und landete anschließend in den Armen mehrerer Bundesagenten. Da das Rennen auf aktivem militärischen Sperrgebiet stattfand, dürfte dieser unerlaubte Ausflug ein teures Nachspiel haben. „Ich glaube, der war völlig besoffen“, funkte Creed lachend an seine Box. „Er hat auf meine Motorhaube geschaut und gemeint: ‚Sieht übel aus! Fahrt ihr heute überhaupt noch?‘“
Hinter Hill sicherte sich Gray trotz seines Manövers noch Platz zwei vor Creed, Kvapil und JR-Motorsports-Pilot Sammy Smith. Justin Allgaier, der Führende der Meisterschaft, musste sein Auto 17 Runden vor dem Fallen der schwarz-weiß karierten Flagge schwer beschädigt abstellen. Dennoch verteidigte er seinen massiven Vorsprung von 224 Punkten auf den amtierenden Champion Jesse Love, der sich vom letzten Startplatz noch auf Rang 6 nach vorn kämpfte.
Die NASCAR O’Reilly Auto Parts Series zieht nun weiter an die nordkalifornische Küste. Am kommenden Samstag steht das malerische, aber anspruchsvolle Rundkursrennen in den Weinbergen von Sonoma auf dem Programm.
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Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






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