Katherine Legge wagt die Double-Duty: 1.100 Meilen am Limit
Katherine Legge kündigte an dass sie sich der Herausforderung der Double Duty in Indianapolis und Charlotte stellt – Sie will als erste Nichtamerikanerin die 1100 Meilen bezwingen
Kyle Larson war der bis dato letzte Pilot der NASCAR Cup Series, der sich an der Double-Duty versuchte – dem ultimativen Rennsport-Marathon, bestehend aus dem Indy 500 und dem Coca-Cola 600 an einem einzigen Tag. Nun gab Katherine Legge kurz vor dem prestigeträchtigen Memorial-Day-Wochenende bekannt, dass auch sie sich dieser monumentalen Herausforderung stellt.
Während die 45-Jährige bereits vor Wochen als Fahrerin der Startnummer 11 für HMD Motorsports/AJ Foyt Racing bestätigt wurde, folgte die Nachricht über den zusätzlichen Start in der Nummer 78 erst kurz vor dem Termin am 24. Mai.
In der Geschichte des US-Motorsports haben sich erst sechs Fahrer dieser 1.100 Meilen langen Belastungsprobe gestellt, darunter Legenden wie Tony Stewart, Kurt Busch und Robby Gordon.
„Nur sehr wenige Fahrer erhalten jemals die Gelegenheit, das Double zu versuchen, und ich nehme diese Chance nicht auf die leichte Schulter“, ließ Legge in einer Pressemitteilung verlauten. „Bei dieser Herausforderung geht es darum, vermeintliche Grenzen zu verschieben, auf sich selbst zu setzen, Risiken einzugehen und etwas Einzigartiges zu schaffen.“

„Ich will einfach nur eine Rennfahrerin sein“
Dabei stellt sie unmissverständlich klar, dass sie primär als Rennfahrerin und nicht allein über ihr Geschlecht definiert werden möchte: „Ich möchte nicht die erste Frau sein, denn am Ende des Tages sage ich immer: Ich will einfach nur eine Rennfahrerin sein. Es spielt keine Rolle, ob ich schwarz, weiß, weiblich oder männlich bin.“
„Dass ich diese Chance vielleicht gerade deshalb bekomme, weil ich eine Frau bin, entgeht mir natürlich nicht, und ich bin sehr dankbar dafür. Aber vor allem möchte ich mein Team und die Sponsoren stolz machen, denn ich weiß, dass viele Augen auf mich gerichtet sein werden.“
Die gebürtige Britin ist zudem die erste Nichtamerikanerin, die dieses 1.100-Meilen-Kunststück in Angriff nimmt. „Jemand sagte mir, ich sei die erste Nichtamerikanerin, der das gelingen könnte – das ist auch irgendwie cool“, so Legge. „Ich glaube, die Erste bei etwas zu sein, ist immer besonders. Zu den wenigen zu gehören, die es überhaupt versuchen dürfen – erst in Indy zu starten, dann in Charlotte und beides am selben Tag –, das ist etwas, auf das ich in zehn oder zwanzig Jahren zurückblicken und sagen werde: ‚Ja, das war verdammt stark.‘“
Legge, die zum fünften Mal bei den Indy 500 startet und bereits vier Klassensiege in der IMSA vorweisen kann, hat ihre NASCAR-Erfahrung stetig ausgebaut. Seit ihrem Debüt in der Cup Series im vergangenen Jahr absolvierte sie acht Starts; ihr bestes Ergebnis war ein 17. Platz beim Brickyard 400 in Indianapolis 2025. So überraschend die Ankündigung auch wirken mag, so lange war sie im Hinterkopf bereits geplant. Bereits im Frühjahr diesen Jahres spielte sie mit dem Gedanken, den Doubleheader der IndyCar und NASCAR in Phoenix zu fahren.

Ein Prozess über Jahre
„Es war ein Prozess über ein paar Jahre“, erklärt sie. „Ich wusste, dass wir das irgendwann in Betracht ziehen würden, hatte aber nicht damit gerechnet, dass es schon dieses Jahr so weit sein würde. Es war eine großartige Gelegenheit, die sich einfach ergeben hat. Offensichtlich stand Indy zuerst fest, und als dieser Dominostein fiel, gab es viele Gespräche.“
„Wir dachten uns: ‚Warum eigentlich nicht?‘ Es könnte die einzige Chance sein, die ich jemals bekomme. Ich sollte das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Durch die NASCAR-Rennen im vergangenen Jahr besitze ich die nötige Qualifikation. Ich bin aufgeregt, aber auch ein wenig besorgt – es wird eine enorme Menge Fahrzeit sein.“
Hier könnte Legges Langstrecken-Erfahrung greifen und ihr einen Vorteil im Hinblick auf Ausdauer verschaffen. „Ich habe darüber nachgedacht: Es ist, als würde man einen Triple-Stint in Sebring fahren, ein paar Stunden warten, wieder einsteigen und noch einen Triple-Stint dranhängen. Nur dass es wahrscheinlich noch viel extremer wird“, erklärt die Britin.

Logistik am Limit
Das Wochenende gleicht einem logistischen Kraftakt: Da ihr Team als Open-Teilnehmer nicht fest gesetzt ist, muss sie sich zunächst für das Coca-Cola 600 qualifizieren, nach dem Qualifying zurück nach Indianapolis fliegen, dort am Folgetag das Indy 500 bestreiten und anschließend per Hubschrauber direkt nach Charlotte zurückkehren, um das längste NASCAR-Rennen der Saison zu absolvieren.
Die logistischen Details fallen für sie eher unter die Kategorie „Dinge über meiner Gehaltsklasse“, wie sie offenbart, wenngleich sie offen für Tipps von Larson ist. „Ich habe das große Glück, dass Kyle fantastisch ist. Er hat die ganze Erfahrung und weiß genau, was er tut.“ Larson selbst hatte bei seinen Versuchen 2024 und 2025 mit widrigen Bedingungen zu kämpfen, da Regenverschiebungen in Indianapolis seinen Zeitplan massiv durcheinanderbrachten.

Priorität Indy 500
Für Legge steht fest: Das Indy 500 hat an diesem Tag Priorität. Dennoch ist das Ziel klar definiert: „Das Wichtigste ist, beide Rennen zu beenden. Ich hoffe auf ein gutes Ergebnis in Indy. Und Charlotte? Es wird mein erstes Mal dort in einem Cup-Auto sein. Auf Ovalen bin ich noch relativ neu. Dieses Rennen zu Ende zu fahren, wäre an sich schon ein Erfolg.“
Das NASCAR-Feld wird mit mindestens 40 Autos am absoluten Limit besetzt sein. Sollte keine zusätzliche Meldung mehr eingehen, ist ihr Startplatz in Charlotte sicher. Wenn allerdings ein weiterer Bolide gemeldet wird, muss sie in der Qualifikation gegen Konkurrenten wie Jesse Love oder Corey Heim um die Starterlaubnis kämpfen.
Um den Erfolg auch körperlich zu garantieren, konzentriert sie sich voll auf Ernährung und Fitness. „Ich versuche herauszufinden, was ich essen werde, denn von allen Dingen macht mir die Sorge, hungrig zu werden, am meisten zu schaffen. Und natürlich die Hydrierung – ob wir auf dem Weg nach Charlotte zum Beispiel eine Infusion brauchen.“
Mit dieser entschlossenen Mentalität geht Legge die Double-Duty an, um einen Meilenstein in der Geschichte des Motorsports zu setzen.
Dir hat dieser Artikel gefallen? Journalismus auf Leadlap.de ist und bleibt dauerhaft werbefrei und für alle ohne Bezahlschranke kostenlos. Damit ich dieses Projekt auch in Zukunft unabhängig und in dieser Tiefe betreiben kann, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung. Jeder Beitrag hilft direkt dabei, die Qualität und Vielfalt meiner Berichterstattung zu sichern.
Jetzt Leadlap.de und André Wiegold unterstützen via PayPal
(Hinweis: Freiwilliger Beitrag zur Förderung journalistischer Inhalte, inkl. USt., keine steuerlich absetzbare Spende.)
Autor(en)
Erik ist als Redakteur und Podcaster bei Leadlap.de auf den US-amerikanischen Motorsport spezialisiert. Sein redaktioneller Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Berichterstattung über die NASCAR, die IndyCar-Series und die World of Outlaws.
Seinen Einstieg in den Rennsport fand er ursprünglich durch das ADAC GT Masters und regelmäßige Besuche am Sachsenring. Auf diesem Fundament baute er auf. Bevor er sich dem Journalismus zuwandte, kommentierte er im Simracing-Bereich für Virtual Racing und die Abgefahren Community. Heute verbindet er diese praktische Medienerfahrung mit seinem Fachwissen, um die US-Rennszene für das deutschsprachige Publikum aufzubereiten.






Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.